Abstrakter Wald nach Gerhard Richter
In die abstrakten Rakelbilder Gerhard Richters kann man viel hineinsehen. Auch einen impressionistischen, in gelb-grün gehaltenen Lichterdom eines Waldstücks. Das ist der an die Malergröße angelehnte Bühnenhintergrund von Christoph Schubiger für Erik Raskopfs Inszenierung von Leoš Janáčeks Tieroper „Das schlaue Füchslein“ am Staatstheater Mainz.
Doch halt. Erleben wir hier wirklich singende Tiere auf der Bühne? Im Grunde ist Janáčeks Ansatz ein ähnlicher wie der von Gerhard Richter: Es muss sich in unserem Kopf zusammensetzen, ob wir singende Tiere erleben oder nicht.
Maskierte Sänger verkörpern Tiere
Die Imagination Janáčeks ist jedenfalls perfekt. Seine Methode, der in die Instrumente übertragenen Sprechmelodien, hat er in diesem Fall auch aufs Tierische ausgeweitet. Entsprechend folgt die Regie solch technisch perfektionierter Imagination.
Die Sängerinnen und Sänger stellen Tiere nicht dar, sie verkörpern sie mit schön und genau gearbeiteten Masken. Lediglich die Schar der gackernden, Eier legenden Hühner treten als ziemlich spießiges Damenkränzchen mit Handtäschchen auf.
Sie sind auch bei Janacek die am weitesten domestizierten und ihrer animalischen Natur entfremdeten Arbeiterinnen einer Legebatterie. Auch die anarchische Füchsin kann sie nicht befreien, sondern sie nur erwürgen.
Abstrakter Realismus auf der Mainzer Opernbühne
Die Menschen sind in Raskopfs Inszenierung ebenfalls diejenigen, die sie zu sein haben. Zum ersten Orchesterzwischenspiel treten bereits die Försterbuben auf und reißen der Grille kurzerhand den Kopf ab. Das zeigt schon das verständnislose Gebaren des Menschen gegenüber der Natur.
Dass die Heuschrecke dann den gemeuchelten Gefährten betrauert, übersteigt ihr Vorstellungsvermögen. Die Welt dieser Tieroper ist weder märchenhaft, schon gar nicht niedlich, sondern gemäß der hier gesetzten Bildwelt abstrakter Realismus.
Hinreißend besetzt: Fuchs und Füchsin
Lediglich Fuchs und Füchsin streifen sich die Masken ab. Denn sie erleben etwas sehr Menschliches: erotische Lust. Tierisch ist schon bei Janacek dann die prompte Schwangerschaft nach dem ersten Mal.
Das Paar in Mainz ist hinreißend: Dorin Rahardja als Füchsin ist eine Wucht. Sie hat die ganze Bandbreite vom Kindlich-Mädchenhaften übers anarchische Aufbegehren bis hin zum erstaunten Entdecken sexueller Befriedigung.
Und im Fuchs von Karina Repova hat sie die ideale, ebenbürtige Partnerin. Oder doch den Partner? Es ist eben eine Frage der Imagination. Hier gelingt sie ganz fantastisch.
Maskenbilder*in Markus Dillmann arbeitet an den Masken für „Das schlaue Füchslein“
Überzeugende Ensembleleistung
Und auch die so inkompatible Welt der Menschen, gleichsam leid-, lust- und toddurchzogen, wie die der Tiere, ist gleichfalls treffend besetzt mit dem markanten Förster von Derrick Ballard, bei dem doch die Sensibilität der Erinnerung ans längst erloschene Liebesglück immer durchscheint.
Und auch die zwischen Mensch und Tier changierende Mehrfachrolle von Pfarrer und Dachs ist bei Stephan Bootz gut aufgehoben, um nur ihn im recht homogenen Ensemble zu nennen.
Hermann Bäumer verabschiedet sich vom Staatstheater Mainz
Hermann Bäumer dirigiert zum Abschied ein nicht einfach zu händelndes Meisterwerk als Wunschprojekt. Er leuchtet jeden Winkel von Janáčeks brillant instrumentierter Collage seiner Sprechmelodien aus und lässt jede Schicht transparent werden, was man so nicht immer gehört hat.
Es ist eine wunderbare Visitenkarte für den scheidenden Mainzer Generalmusikdirektor. Denn er wechselt an die Prager Staatsoper, wo Janacek sicher nicht nur Kür sein wird. Sein letztes Dirigat in Mainz zeigt: Er ist der richtige Mann für Prag. Auch wenn er kein Tscheche ist. Aber er hat es im Blut oder sagen wir, er kann es gut imaginieren.
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