Ein radikaler Einstieg mit Paul Celans „Todesfuge“
Kaum ein Werk Wagners ist so kulturpolitisch missbraucht wie „Die Meistersinger von Nürnberg“. Eine einfache, heitere kunstreligiöse Erhebungsfeier ist diese virtuos komponierte Oper nicht und jede Inszenierung hat sie kritisch zu befragen.
Das Ungeheuerliche ereignet sich in der Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“ an der Staatsoper Stuttgart zu Beginn des dritten Aktes. Elisabeth Stöppler lässt in ihrer Inszenierung Paul Celans Vortrag seines Ausschwitz-Gedichts „Todesfuge“ einspielen.
Schon nach der Zeile „Schwarze Milch der Frühe“ wird „Aufhören“ aus hinteren Zuschauerreihen geplärrt. Das Ende des Gedichtvortrags quittiert die Mehrheit des Publikums stattdessen mit frenetischem Applaus, in den hinein das Staatsorchester mit expressiver Trauer Wagners Vorspiel der deutschen Depression anstimmt.
Beckmesser und Hans Sachs im Zwiespalt
Beckmesser ist einmal keine Karikatur, ungemein schön gesungen von Björn Bürger. Ein attraktiver Stadtschreiber, der in seiner Freizeit gerne ein Rockstar mit Gitarre wäre. Er kann’s nur nicht. Eigentlich kein Grund zum Totprügeln. Aber genau das widerfährt ihm fast bei diesen deutschen Kunstspießern.
So zwiespältig ist auch Hans Sachs, grandios lyrisch gesungen und intelligent dargestellt von Martin Gantner. Nach seiner Wahndepression packt ihn der Gößenwahn. Er lässt sich mit rotem Tuch und Papierkrone zum Kunstkönig erheben, das ihm doch nur zur Reichsparteitagstribüne gerät und macht aus Stolzing einen mit Preislied auftretenden Faschistenführer.
Musikalische Meisterleistung und kluge Regie
Es ist eine exzellent reflektierte Inszenierung, eine kluge Personenführung, um die komplexen Paarbeziehungen sichtbar zu machen, wunderbare Bilder von Intimität in der Kammer und Masse im Raum, mit der die Komplexität dieser Kunstfeier durchdrungen wird.
Ebenso perfekt durchleuchtet Cornelius Meister die kontrapunktische Kunst dieser meisterhaften Partitur mit dem toll spielenden Staatsorchester. Da klingt jedes feine kammermusikalische Gewebe, die Melancholie und das Feierliche vollkommen ausbalanciert.
Im ersten Akt mag es noch etwas pauschal klingen, die Steigerung danach ist atemberaubend. Unterstützt wird er von einem homogenen Ensemble und dem machtvoll auftrumpfenden Chor der Staatsoper. Diese „Meistersinger von Nürnberg“ sind ein probates Gegenmittel zum albernen Heiterethei der Bayreuther Festspiele im vergangenen Jahr.
Deutsche Radio Philharmonie Wagner: Vorspiel zu "Die Meistersinger von Nürnberg"
Aufzeichnung aus der Jugendstil-Festhalle Landau, Januar 2012
Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern
Dirigent: Guillermo Garcia Calvo