„Nur“ Kunst?
Zeitgenössische Kunst kann ganz schön nerven, vor allem, wenn sie unerwartet kommt.
Als die Berliner Künstlerin Marion Eichmann vor einigen Jahren die Innenausstattung eines Waschsalons nachbaute, komplett aus Papier und Karton, im Maßstab 1:1, täuschend echt mit Reklame, Rauchmelder, Graffitis und Zigarettenautomat mit Münz-Abrieb-Spuren, da hatte sie manchmal äußerst ungehaltene Kundschaft.
„Von Weitem dachten dann irgendwelche Leute, Mensch, da ist jetzt ein neuer Waschsalon und die kamen dann tatsächlich mit ihrer Wäsche an und haben sich absolut beschwert, was das denn jetzt hier sollte. Das ist ja wohl total blöd, wenn es nur Kunst ist“, erklärt Eichmann,
Detailverliebte Pracht
Im Museum wäre das nicht passiert. Ohne das Risiko von Missverständnissen kann Eichmanns papierener Waschsalon nun in der Galerie der Stadt Kornwestheim seine ganze detailverliebte Pracht entfalten.
Die Künstlerin erklärt: „Die Liebe zum Detail ist mir ganz wichtig. Man findet auch Schrauben, also wirklich jeder kleine Knopf, dass der eine Wertung hat, dass auch der nicht fehlen darf.“
Penible Bauweise
Marion Eichmann ist die Großmeisterin der Augentäuschung, ihr Werk ein einzigartiger Kosmos. Die Ausstellung im Kornwestheimer Kleihues-Bau bringt das schon im Titel auf den Punkt: The Paper Code.
Und diesen gibt es tatsächlich, als quadratisches Wandrelief, penibel gebaut aus lauter kleinen rechtwinkligen Körpern - ein funktionsfähiger QR-Code, der auf Eichmanns Website führt, erklärt Museumsleiterin Saskia Dams.
Hochwertiges, aufwändig kuratiertes Material
Das alles beginnt mit größter Expertise schon beim Material. Marion Eichmann verarbeitet nur Papier und Karton allererster Qualität: säurefrei, haltbar, lichtbeständig.
Dafür betreibt sie aufwändige Lagerhaltung, und erlebt dennoch immer wieder Engpässe, wenn Produktionen kriseln und Lieferungen ausfallen.
Besonderer Klebstoff für lange Haltbarkeit
Für den richtigen Klebstoff wendet sich Eichmann zur Not auch an spezialisierte Chemiker; denn wer das Vergilben von Collagen nicht schon am Anfang einbauen will, der muss sich hüten vor Uhu und Patex.
„Das sind eigentlich Feinde für die Kunst, und ich möchte natürlich, dass meine Arbeiten in 50 oder 100 Jahren noch sehr, sehr, sehr gut aussehen. Habe mir das angeeignet in 20, 25 Jahren. Alles wird mit Pinsel aufgetragen, die verschiedenen Papierkleber, also ich arbeite mit ganz besonderen Leimen, mit denen Buchbinder arbeiten.“
Präzision und Liebe für das Detail
Diese Präzision im handwerklichen Detail verbindet Marion Ackermann mit rastloser Energie; 14-Stunden-Schichten im Atelier sind da kein Missgriff, sondern glücklich ausgefüllte Tage.
Und draußen vor der Tür richtet sich ihr unersättliches Interesse auf das ganze Inventar der gegenständlichen Welt, vom Edel-Sportwagen bis zur Mülltonne.
Gutlaunige Augenweiden
Eichmanns Stil ist markant, knallige Primärfarben auf cleanem Weiß bilden Alltagsmotive ab. Das fügt sich auch geschmeidig in die Warenwelt, die Künstlerin gestaltet weltweit Schaufenster für die Luxusmarke Hermés.
Gleichzeitig zelebriert sie alltäglichen Kram wie Aufkleber, Verkehrsschilder, Aktenordner, Wäscheständer.
Marion Eichmanns Werke sind gutlaunige Augenweiden; hier machen Mondrians Primärfarben einen drauf mit dem Comic-Spirit der Pop-Art; dazu kommt ein fast kindlicher Spaß an wimmeligen Augentäuschungen. Museumleiterin Saskia Dams jedenfalls freut sich schon.
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