Schräge Mischung aus Football-Spieler, Quasimodo und Clown
Rot unterlaufene Augen, weiß geschminktes Gesicht, dazu ein knallrotes Kostüm – unten Lackshorts und weiße Turnschuhe mit Stulpen und Knieschonern. Oben so etwas wie ein verformter Muskelanzug mit Buckel und prallen Oberarmen. Die Optik von Hauptfigur Thomas Melle irritiert erstmal, eine schräge Mischung aus Football Spieler, Quasimodo und Clown.
Alles beginnt mit einem der wenigen ruhigen Momente der Inszenierung, der Ruhe vor dem Sturm bevor der Rausch alles in Chaos verwandelt.
Mit seinem blonden Wuschelkopf wirkt Melle auf den ersten Blick wie eine schräge Figur aus Alice im Wunderland – irgendwo zwischen Mann, Frau, Erwachsenem und Kind – zwischen Realität und Wahn. Dies ist Lucia Bihlers erster radikaler Bruch mit der Romanvorlage – Paulina Alpen spielt hier Thomas Melle.
In jedem Satz der Versuch zu sagen: Ich bin ein normaler Mensch. Ich bin erledigt. Bin ich nicht. Ich schäme mich in Grund und Boden. Augenblicke schwappen hoch, morbide Gedankenstränge, Fehlgedanken, Fehlsysteme. Vor allem immer wieder Momente, Situationen und Aktionen voller Abnormitäten und Lächerlichkeiten. Das alles war ich?
Paulina Alpen leistet Bemerkenswertes
Melle als trauriger Clown. Das hätte schief gehen, ins Klamaukige abrutschen können. Aber das Gegenteil ist der Fall – es ist der Auftakt zu zwei Stunden, in denen die Schauspielerin Bemerkenswertes leistet: Was ruhig startet, bevor sich der rosa Vorhang hebt und in eine albtraumhafte Welt entführt, wird ein fulminanter Trip werden, der sich zuweilen auch für das Publikum wie ein LSD-Rausch anfühlt.
Obwohl Bihler Melles wortgewaltigen Roman deutlich eindampft, vermittelt sich das plötzliche Abrutschen der Hauptfigur – von einem Moment auf den anderen - in eine Krankheit, die Alltag und altes Leben wegwischt und erschreckend plastisch zeigt, was passieren kann, wenn die Neuronen im Hirn plötzlich verrücktspielen. Ein Auf und Ab wie eine Achterbahnfahrt, wobei sich nicht alle Wechsel unmittelbar erschließen.
Sex mit Madonna
Dennoch unterstreichen die schnellen Sprünge die innere Getriebenheit der Hauptfigur und die völlige Absurdität, in die das Hirn bei einem manischen Schub schlittert.
Madonna! Als ich Sex mit Madonna hatte, ging es mir kurz gut. Sie war immer noch erstaunlich fit! Na ja wundert mich nicht. Man hatte ja verfolgen können, wie sie um 2006 zur Fitnessmaschine mutiert war und sich im Video "Hung Up" abplackte...
Eine rosa Treppe als zentraler Teil des Bühnenbildes, auf ihr tanzt in Melles Fantasie jetzt Madonna. Da werden direkt Assoziationen an das Video von Material Girl mit Madonna im legendären pinken Kleid wach. Melles Hirn spielt ihm den Streich, die Sängerin würde mit ihm im Bett landen: „Am nächsten Morgen ist sie standesgemäß verschwunden, ohne ihre Telefonnummer hinterlassen zu haben. Madonna halt.“
Ein Gesamtkunstwerk, bei dem jedes "zu viel" genau richtig ist
Das Bühnenbild von Paula Wellmann greift Lucia Bihlers Handschrift der bunten, starken Bilder auf der Bühne auf. Auch wenn es auf den ersten Blick minimalistisch anmutet, steckt hinter allem ein Kniff und große Kreativität: der üppige rosa Vorhang, der später zum gigantischen Superman Kostüm mutiert, als Melle fantasiert, der lang erwartete Messias zu sein.
Am Ende zertrümmert er die pastellfarbene Welt, übrig bleibt das Schwarz hinter den Kulissen. Dazu die treibende Musik von Sixtus Preiss. Ein Gesamtkunstwerk, bei dem jedes "zu viel" genau richtig ist.
Kein Abend für schwache Nerven
Paulina Alpen ist zunächst allein auf der Bühne, später wird sie von sechs "Lookalikes" unterstützt. Die meist schweigenden, aber sehr mimikreichen Doppelgänger*innen scheinen wechselnd Melles Emotionen und dann wieder die Außenwelt zu spiegeln. Mal schwanken sie, mit Tabletten ruhiggestellt, apathisch neben ihm, dann wieder beobachten sie ihn wie einen Aussätzigen.
Es ist kein Abend für schwache Nerven – auch wenn die vielen absurden Situationen oft für Lacher sorgen. Ein Lachen, das einem im nächsten Moment im Halse stecken bleibt.
Paulina Alpen spielt wie besessen
Irgendwann kommt die Depression und der Rausch verzieht sich, Melle selbst ist wie gelähmt, seine Doppelgänger*innen sprechen für ihn; die nüchterne Analyse:
Das gewohnte Denken setzt wieder ein, und mit ihm auch die Erkenntnis, dass alle meine Annahmen der letzten Monate falsch gewesen waren, nicht nur falsch, nein: völlig irrsinnig. Diese Erkenntnis kommt Stück für Stück. Es braucht zwei, drei Tage, und die Paranoia zerfällt wie kalter, nasser Schaum.
Paulina Alpen spielt wie besessen, mit übermenschlicher Energie, wenn Melle einen manischen Schub hat oder aber in der Depression in Traurigkeit versinkt. Und sie schafft den Spagat, dabei immer glaubhaft zu bleiben. Anrührend ist das, nie voyeuristisch. Am Ende bleibt nur die Erkenntnis, dass die Krankheit Teil des Lebens ist und bleiben wird.
Meine Krankheit hat mir meine Heimat genommen. Jetzt ist meine Krankheit meine Heimat. Es wird schon, es wird. Nicht alles ist Krankheit, nein. Mit der Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben. Die Hoffnung heißt: nie wieder manisch werden. Aber es mag mich noch einmal umhauen und hinaustragen, dann als quallig knochenloses Etwas heranspülen.
Das Stück schafft es, Mitgefühl für Melles Krankheit zu wecken
Das Stück schafft es, etwas eigentlich Unbeschreibliches greifbar zu machen. Alpens Spiel, Bihlers dystopische Inszenierung, Musik und Bühnenbild sind zu einem fulminanten Ganzen verwoben, das sich mit allen Emotionen und starken Bildern tief eingräbt und zumindest Mitgefühl für diese Krankheit weckt, von der Melle meint, dass sie keine Empathie hervorrufen könne.
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