Solche partizipativen oder immersiven Theaterereignisse scheinen in den letzten Jahren immer beliebter geworden zu sein. Ihre Formen reichen von kitschigen Krimi-Dinnern bis zu künstlerisch anspruchsvollen Performances und bekannten Namen der Theaterbranche, wie etwa Christoph Schlingensief, Rimini-Protokoll oder Signa. Doch was macht den Reiz des Mitmachens eigentlich aus?
Mitmachen oder lieber nicht mitmachen?
Oft genug spalten partizipative Theaterereignisse das Publikum. Wenn auf einer Bühne jemand nach Freiwilligen im Zuschauerraum sucht, gibt es meistens nur zwei Reaktionen: die einen würden sich am liebsten kurz unsichtbar machen, während die anderen bereitwillig lächeln und mit freudiger Leichtigkeit losgehen.
Bei der Performance „Dickes Blut“ des Stuttgarter Citizen.KANE.Kollektives muss niemand auf die Bühne, denn die gibt es auch gar nicht. Stattdessen werden dem Publikum immer wieder Fragen gestellt.
Es geht um die Familie als kleinste gesellschaftliche Einheit: „Was wird in deiner Familie unter den Teppich gekehrt?“ oder „Wofür willst du dich entschuldigen?“. Antworten muss niemand, es ist eher die Aufforderung sich einzubringen. Soweit also noch ein Mitmachen-light.
Mitmach-Theater in der Theaterpädagogik
Deutlich ausgeprägter und vor allem gängige Praxis ist Mitmach-Theater vor allem im Bereich der Theaterpädagogik. Kinder und Jugendliche sollen dadurch im Finden ihrer eigenen Persönlichkeit gestärkt werden. Das Spiel soll ihre Kreativität fördern, genauso wie Teamfähigkeit, Fantasie und Empathie.
Oft kommt auch die Reflexion über gesellschaftliche Themen und Probleme bei solchen Mitmach-Aufführungen nicht zu kurz. Warum sollte das nicht auch genauso gut bei Erwachsenen funktionieren?
Ich genieße es, wenn Theater kein Frontalunterricht ist.
So können einzelne Besucherinnen oder Besucher auch bei „Dickes Blut“ kleine Rollen übernehmen, indem sie kurze Texte vorlesen und zu Dialogpartnern der Darstellenden werden. Doch viel stärker noch ist das immersive Erlebnis des Abends.
Keine Trennung von Bühne und Zuschauerraum
Allein das Setting der Familienfeier in einem Veranstaltungsraum mit langen Tafeln statt eines gängigen Theaters veranschaulicht eindringlich das Thema des Abends. Hier sind die Zuschauer gleich mittendrin und erinnern sich vielleicht direkt selbst an Onkel Willys 75. Geburtstag. Eine solche Aufhebung der Trennung von Bühne und Zuschauerraum ist ein ganz wesentliches Merkmal des immersiven Theaters.
Wenn man mal den Kopf drehen muss oder auch aufstehen kann, das macht einen Theaterbesuch gleich zu einem ganz anderen Erlebnis.
Überhaupt ist Immersion, also das Ein- oder Untertauchen, eine Art Modewort des Kulturbetriebs der letzten Jahre. Einzigartige Erlebnisse und besondere Erfahrungen sollen Besucher anlocken, wie zum Beispiel in eine der zahlreichen immersiven Kunstausstellungen, die durch deutsche Städte touren.
Der Trend zum Immersiven
Partizipative oder immersive Theaterereignisse sind spätestens seit der Jahrtausendwende etablierte Aufführungsmodelle. Dabei wird Partizipation häufig als eine Art Oberbegriff, für all die Theaterformen eingesetzt, bei dem das Publikum nicht nur zuschaut, sondern sich aktiv beteiligt. So ganz trennscharf scheinen allerdings weder die Begriffe noch die Aufführungsformen zu sein.
Vorreiter von Signa bis Rimini-Protokoll
So gab es in den letzten Jahren unter anderem riesige Performances des Kopenhagener Duos Signa, wie etwa beim Berliner Theatertreffen 2008. Dabei konnten sich die Besucherinnen und Besucher auf einer Fläche von über 1.000 Quadratmetern in einer abgewrackten Containerstadt bewegen.
Auch bei der Künstlergruppe Rimini Protokoll verschmelzen Theater, Installation und öffentlicher Raum immer wieder – oder es kommen weitere Medien zum Einsatz wie Videos und Augmented-Reality bei der immersiven Videoinstallation „Situation Rooms“. Manchmal spielen sogar aufführende Personen buchstäblich gar keine Rolle mehr, sondern das Ereignis entsteht allein mit und durch die Besucherinnen und Besucher.
Unmittelbares Erleben und ins Geschehen eintauchen
Eines haben die Formen allerdings gemeinsam – und das ganz unabhängig vom Ausmaß der Publikumspartizipation: Sie wollen die Erfahrung unmittelbarer und intensiver machen. Vielleicht sind immersive Aufführungen sogar sowas wie die Zuspitzung des Theaters.
Seit gut hundert Jahren wird schließlich auch im Zuschauerraum das Licht ausgemacht, damit wir unsere Aufmerksamkeit voll und ganz auf das Bühnengeschehen richten können.
Theater als sozialer Prozess
Indem das Publikum selbst aktiv werden kann, spielt das Theater dann sein größtes Pfund aus: der Live-Moment und die gleichzeitige physische Anwesenheit anderer. Die Theaterwissenschaft nennt das die leibliche Kopräsenz; die Aufführung wird als sozialer Prozess begriffen, der nur miteinander möglich ist.
Dass wir Zuschauer also überhaupt in der Lage sind mitzumachen ist etwas, was kaum eine andere Kunstform so leisten kann, Medien wie etwa Film schon gar nicht. Vielleicht denkt deshalb der ein oder andere Mitmach-Muffel bei der nächsten Gelegenheit mal darüber nach, sich nicht unsichtbar zu machen, und stattdessen auch mal ganz Einzutauchen ins Theatererlebnis.