Folter-Kreuze für sieben entflohene KZ-Häftlinge
Einen 300-Seiten-Roman in ein Theaterstück zu verwandeln, ist keine leichte Aufgabe. Die 30-jährige Regisseurin Alina Fluck wendet einen Kunstgriff an und stellt die Schriftstellerin Anna Seghers mit auf die Bühne. Zu Beginn sitzt sie auf einem Hocker und liest aus ihrem eigenen Buch vor, der Geschichte über den Ausbruch mehrerer Häftlinge aus einem Konzentrationslager 1942.
Die Folter-Kreuze stehen im Konzentrationslager Westhofen, sie wurden für sieben entflohene Häftlinge errichtet. Die Männer sollen innerhalb einer Woche wieder einfangen werden, unter ihnen der Kommunist Georg Heisler. Die Bühnenfigur Anna Seghers begleitet ihren Protagonisten bei seinem Überlebenskampf. Sie ist nicht nur Erzählerin. Sie ist auch seine Ratgeberin – und manchmal auch seine Retterin.
„Das siebte Kreuz“: Ein epochaler Roman über Hitler-Deutschland
„Das siebte Kreuz“ gilt als das bedeutendste Werk der in Mainz geborenen jüdischen Schriftstellerin Anna Seghers. 1942 veröffentlichte sie den Roman im mexikanischen Exil. Die Geschichte war ein internationaler Erfolg und wurde bereits 1944 in Hollywood verfilmt, mit Spencer Tracy in der Hauptrolle. Ein epochaler Roman über Hitler-Deutschland, der auf beiden Seiten der Mauer Schullektüre war.
Eng angelehnt an den Roman, entfaltet die Mainzer Inszenierung nun ein Gesellschaftspanorama der NS-Zeit. Szene für Szene begleitet sie Georg Heisler auf den einzelnen Stationen seiner Flucht.
In den Dörfern entlang von Rhein und Main, in Mainz und Frankfurt trifft er immer wieder auf Menschen, die entscheiden müssen, ob sie ihr Leben riskieren wollen, um ihm zu helfen. Seine frühere Geliebte weist ihn eiskalt ab. Seinen Schwiegervater hingegen plagt der Gewissenskonflikt.
Viele Rollen wirken überfordernd
Zwei Spielebenen, Landschaftsprojektionen und Baumstämme, die aus dem Schnürboden herabschweben: Das Bühnenbild liefert eindrückliche Bilder und funktionale Räume. Die Menge des Personals wirkt allerdings überfordernd: Das neunköpfige Ensemble muss 51 Figuren spielen und verliert sich bisweilen auf Nebenschauplätzen.
Schauspieler David T. Meyer sticht derweil aus dem Stück heraus: Er verkörpert den Georg Heisler glaubwürdig und nuancenreich: zitternd, von Angst getrieben, wie im Fieberwahn.
Georg Heislers Fluchtgeschichte erstreckt sich weit über zwei Theater-Stunden, in denen nicht jede Szene wirklich zwingend erscheint. Schade ist zudem, dass manche Rolle zur reinen Charge wird. Denn das konterkariert die Ernsthaftigkeit von Anna Seghers' großem Widerstands-Roman: Nicht umsonst widmete sie den Roman „den toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands“.
Mehr zu Anna Seghers
125. Geburtstag der Schriftstellerin Anna Seghers und der Südwesten – Lebensorte einer Schriftstellerin
Geboren wurde Anna Seghers in Mainz, ihr Studium absolvierte sie in Heidelberg. Bislang unveröffentlichte Liebesbriefe aus der Heidelberger Zeit zeigen Seghers nun in neuem Licht.
Platz 5 (31 Punkte) Anna Seghers: Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921–1925
Als Anna Seghers Enkel Familienunterlagen sortierte, stieß er auf eine Schachtel mit mehr als 400 sorgfältig sortierten Briefen aus den Jahren 1921 bis 1925, die seine Großmutter ihrem späteren Mann geschrieben hatte. Ein Sensationsfund.