Regisseur und Humanist

100 Jahre Claude Lanzmann: Die wichtigsten Filme des Regisseurs der „Shoah“

Claude Lanzmann wäre am 27. November 100 Jahre alt geworden. „Shoah“ und andere Filme zum Holocaust dokumentieren die schöpferische Kraft des französischen Regisseurs und seinen Willen zur Aufklärung.

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Stand

Von Autor/in Wilm Hüffer

Das Filmwerk von Claude Lanzmann ist schmal – und doch unerschöpflich. Drei Filme dokumentieren seinen Willen zu Aufklärung und Humanität.

„Shoah“ von 1985: Der Holocaust wird greifbare Erinnerung

Die Schieneneinfahrt zum Vernichtungslager Auschwitz
Die Einfahrt zum Vernichtungslager Auschwitz ist auch in Lanzmanns Dokumentation „Shoah“ ein wichtiges Bildmotiv.

Ein neunstündiger Film über den Holocaust? Diese Dimension wirkte fast unvorstellbar, als „Shoah“ 1985 herauskam. Elf Jahre lang hatte Lanzmann an dem Film gearbeitet und dafür hauptsächlich in Polen gedreht.

Das Neue: Lanzmann zeigte kein Archivmaterial, keine Leichenberge. Er interviewte Überlebende und auch Täter - und zeigte dazu Bilder der Lager aus den 1970er-Jahren. Die Opfer waren dankbar, sprechen zu können, erinnert sich seine Mitarbeiterin Irena Steinfeldt-Levy. Die Interviews mit den Tätern hätten Lanzmann dagegen viel Kraft gekostet.

SHOAH BY CLAUDE LANZMANN - 2025 NEW TRAILER

Bis heute ist „Shoah“ einer der wichtigsten Filme über den Holocaust. Über das Erlebte sprechen zu können, habe den Opfern die Würde zurückgegeben. In Deutschland stieß der Film zunächst teilweise auf Kritik. Er gefährde das nationale Selbstverständnis. In Polen weigerte sich die damalige sozialistische Führung, eine polnische Mitverantwortung anzuerkennen.

„Der Letzte der Ungerechten“ von 2013: Wille zur Gerechtigkeit

Claude Lanzmann (l) und Benjamin Murmelstein in einer Szene des Kinofilms „Der Letzte der Ungerechten“
Auch für Benjamin Murmelstein wünschte sich Claude Lanzmann Gerechtigkeit. 2015 porträtierte er den letzten Präsidenten des Judenrates von Theresienstadt im Kinofilm „Der Letzte der Ungerechten“

Um Falsches richtigzustellen, machte Claude Lanzmann einen Film über den österreichischen Rabbiner Benjamin Murmelstein. Als Präsidenten des Judenrates von Theresienstadt hatte man Murmelstein der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. „Der Letzte der Ungerechten“ sollte dieses Bild korrigieren.

Murmelstein habe „Fuß für Fuß und bis zum Ende gegen die Mörder“ gekämpft, bilanzierte Lanzmann später seine Interviews mit dem Rabbiner von 1975. Viel später, 2013, wurde daraus einer seiner letzten Filme.

Nochmals zeigte Lanzmann damit seinen dokumentarischen Ernst. Mit größter Geduld hatte er viele seiner Gesprächspartner zur Mitwirkung überredet. Zu ihnen gehörte der polnische Jude Jan Karski, der die Alliierten über den Holocaust unterrichtet hatte und über seine deprimierenden Erfahrungen, unter anderem mit US-Präsident Roosevelt, nicht mehr sprechen wollte.

„Die vier Schwestern“ von 2018: Das Vermächtnis

Die Holocaust-Überlebende Hanna Marton im Interview mit Claude Lanzmann
Hanna Marton war eine der vier „Schwestern“, die Claude Lanzmann für seinen letzten großen Filme interviewt hatte. Die Dreharbeiten fanden bereits in den 1970er Jahren statt.

Von berückender Schönheit ist der letzte Film von Claude Lanzmann, „Die vier Schwestern“. Einen Tag vor seinem Tod kam dieser Film 2018 in die französischen Kinos. Die vier darin interviewten Frauen, Paula Biren, Ruth Elias, Ada Lichtman und Hanna Marton waren für Lanzmann „Schwestern“ in der unermesslichen Leidenserfahrung des Holocaust.

Auch diese Interviews stammten aus dem Rohmaterial für „Shoah“. Ruth Elias berichtet darin unter anderem, wie ihr KZ-Folterarzt Josef Mengele die Brüste abbinden ließ, um zu erproben, wie lange ihr Säugling ohne Nahrungsaufnahme leben würde. Schließlich wurde sie gezwungen, ihr Baby mit einer Morphinspritze zu töten.

Lanzmann bilanzierte, diese Frauen hätten „voller Geister und Schrecken und voller tiefgründiger Intelligenz“ den „Vernichtungsmechanismus“ der Nazis beschrieben. „Die vier Schwestern“ sind sein filmisches Vermächtnis.

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Wilm Hüffer
Wilm Hüffer, Moderator von SWR Kultur am Abend