Das Filmwerk von Claude Lanzmann ist schmal – und doch unerschöpflich. Drei Filme dokumentieren seinen Willen zu Aufklärung und Humanität.
- „Shoah“ von 1985: Der Holocaust wird greifbare Erinnerung
- „Der Letzte der Ungerechten“ von 2013: Wille zur Gerechtigkeit
- „Die vier Schwestern“ von 2018: Das Vermächtnis
„Shoah“ von 1985: Der Holocaust wird greifbare Erinnerung
Ein neunstündiger Film über den Holocaust? Diese Dimension wirkte fast unvorstellbar, als „Shoah“ 1985 herauskam. Elf Jahre lang hatte Lanzmann an dem Film gearbeitet und dafür hauptsächlich in Polen gedreht.
Das Neue: Lanzmann zeigte kein Archivmaterial, keine Leichenberge. Er interviewte Überlebende und auch Täter - und zeigte dazu Bilder der Lager aus den 1970er-Jahren. Die Opfer waren dankbar, sprechen zu können, erinnert sich seine Mitarbeiterin Irena Steinfeldt-Levy. Die Interviews mit den Tätern hätten Lanzmann dagegen viel Kraft gekostet.
Bis heute ist „Shoah“ einer der wichtigsten Filme über den Holocaust. Über das Erlebte sprechen zu können, habe den Opfern die Würde zurückgegeben. In Deutschland stieß der Film zunächst teilweise auf Kritik. Er gefährde das nationale Selbstverständnis. In Polen weigerte sich die damalige sozialistische Führung, eine polnische Mitverantwortung anzuerkennen.
„Der Letzte der Ungerechten“ von 2013: Wille zur Gerechtigkeit
Um Falsches richtigzustellen, machte Claude Lanzmann einen Film über den österreichischen Rabbiner Benjamin Murmelstein. Als Präsidenten des Judenrates von Theresienstadt hatte man Murmelstein der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. „Der Letzte der Ungerechten“ sollte dieses Bild korrigieren.
Murmelstein habe „Fuß für Fuß und bis zum Ende gegen die Mörder“ gekämpft, bilanzierte Lanzmann später seine Interviews mit dem Rabbiner von 1975. Viel später, 2013, wurde daraus einer seiner letzten Filme.
Nochmals zeigte Lanzmann damit seinen dokumentarischen Ernst. Mit größter Geduld hatte er viele seiner Gesprächspartner zur Mitwirkung überredet. Zu ihnen gehörte der polnische Jude Jan Karski, der die Alliierten über den Holocaust unterrichtet hatte und über seine deprimierenden Erfahrungen, unter anderem mit US-Präsident Roosevelt, nicht mehr sprechen wollte.
„Die vier Schwestern“ von 2018: Das Vermächtnis
Von berückender Schönheit ist der letzte Film von Claude Lanzmann, „Die vier Schwestern“. Einen Tag vor seinem Tod kam dieser Film 2018 in die französischen Kinos. Die vier darin interviewten Frauen, Paula Biren, Ruth Elias, Ada Lichtman und Hanna Marton waren für Lanzmann „Schwestern“ in der unermesslichen Leidenserfahrung des Holocaust.
„Die vier Schwestern“ von Claude Lanzmann in der arte-Mediathek
Auch diese Interviews stammten aus dem Rohmaterial für „Shoah“. Ruth Elias berichtet darin unter anderem, wie ihr KZ-Folterarzt Josef Mengele die Brüste abbinden ließ, um zu erproben, wie lange ihr Säugling ohne Nahrungsaufnahme leben würde. Schließlich wurde sie gezwungen, ihr Baby mit einer Morphinspritze zu töten.
Lanzmann bilanzierte, diese Frauen hätten „voller Geister und Schrecken und voller tiefgründiger Intelligenz“ den „Vernichtungsmechanismus“ der Nazis beschrieben. „Die vier Schwestern“ sind sein filmisches Vermächtnis.