Das Backstage-Drama um die Kultserie

40 Jahre „ALF“ – Hinter den Kulissen war längst nicht alles „Null Problemo“

Hinter den Kulissen von „ALF“ war vieles kompliziert: metertiefe Löcher im Boden, stundenlange Drehs in Scheinwerferhitze und Schauspieler, die die Nase voll von einem divenhaften Außerirdischen hatten.

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Von Autor/in Helen Roth

Ein ungebetener Hausgast aus dem All

Am 22. September 1986 wurde Fernsehgeschichte geschrieben: Aus dem heiteren Nichts krachte ein Raumschiff in die Garage der Familie Tanner. Heraus barg die biedere Familie ein zottiges Wesen mit lange Schnauze und losem Mundwerk. Sein Name: ALF, eine Abkürzung für englisch Alien Life Form.

Schnell avancierte der ungebetene Hausgast vom Planeten Melmac mit seiner besonderen Vorliebe für Katzen zu einem der berühmtesten Aliens der Fernsehgeschichte. 40 Jahre nach der Erstausstrahlung im US-Fernsehen ist „ALF“ längst Kult.

Die Serien-Familie Tanner aus der Kultserie ALF
Die Tanners waren eine TV-Familie wie aus dem Bilderbuch. Hinter den Kulissen ging es aber nicht so idyllisch zu. United Archives

In Deutschland besonders beliebt

In Deutschland war die Serie ein besonders großer Erfolg: Als sie im Januar 1988 im ZDF startete, wurde der haarige Außerirdische schnell zum Schmuseliebling im Kinderzimmer. Es gab T-Shirts, Tassen und Bettwäsche mit seinem Konterfei.

Zudem wurde der markante Spruch „Null Problemo!“ schnell zum geflügelten Wort. Erfunden hat ihn der deutsche Synchronsprecher Tommi Piper, der ALF eine ganze eigene rauchige Stimme und viele weitere berühmte Sprüche gab.

ALF mit seinem deutschen Sprecher Tommi Piper bei der Verleihung der Goldenen Kamera 1988 in Berlin
Die Goldene Kamera 1988: ALF mit seinem deutschen Sprecher Tommi Piper bei der Verleihung am 18. Februar 1989 in Berlin. BRIGANI-ART

Doch die Zuschauer konnten nicht ahnen, wie wenig dieses „Null Problemo!“ auf die Bedingungen am Set der scheinbar netten und unkomplizierten Familien-Serie zutraf. ALF war nicht einfach eine Puppe, die ein Puppenspieler vor der Kamera bewegte. Sein Erfinder Paul Fusco wollte, dass alle Beteiligten so taten, als sei ALF ein echter Schauspieler. Und diese Illusion hatte Folgen.

Paul Fusco hatte ALF im Kopf – und unter der Bühne

Die Geschichte beginnt bei Paul Fusco. Der Puppenspieler, Zauberer und Bauchredner hatte die Figur bereits Anfang der 1980er-Jahre entwickelt. Er führte ALF bei Freunden und Bekannten vor und war davon überzeugt, dass das pelzige, vorlaute Wesen das Zeug dazu hatte, ein Fernsehstar zu werden.

Mehrere Jahre lang versuchte er, eine Serie daraus zu machen. Disney zeigte Interesse, aber Fusco lehnte ab, weil er nicht die Kontrolle über seine Figur verlieren wollte. Erst als er den erfahrenen Sitcom-Autor Tom Patchett kennenlernte, nahm die Idee konkrete Formen an.

Paul Fusco mit ALF und Tom Patchett
Paul Fusco (links) mit ALF und Tom Patchett noch voller Elan und Tatendrang. Everett Collection

Patchett hatte unter anderem an der „Bob Newhart Show“ (1972) und „Der Muppet Show“ (1976) gearbeitet. Er wusste also, was eine Puppe im Fernsehen leisten konnte – und vor allem, was eine solche Produktion an technischem Aufwand bedeutete. Fusco formulierte es später selbst ziemlich klar: Er habe ALF erfunden, Patchett die Serie.

Der legendäre ALF-Pitch: Ein Alien aus dem Müllsack

Wie absurd die Idee zunächst wirkte, zeigte sich bei einem entscheidenden Termin beim US-Sender NBC. Fusco kam mit einem braunen Müllsack in die Chefetage. Darin niemand Geringeres als ALF.

Die Verantwortlichen am Tisch des Senders waren zunächst wenig davon angetan, eine Primetime-Serie rund um eine Puppe zu machen. Also ließ Fusco die Katze – pardon, den Außerirdischen – aus dem Sack. Er setzte ALF neben den damaligen NBC-Chef Brandon Tartikoff. Die Puppe musterte ihn eindringlich und bohrte sich dann demonstrativ in der Nase. Sodann wischte er den Finger am Jackett des Senderchefs ab.

Das Gelächter im Raum war groß, das Eis gebrochen. Tarikoff begann sogar, mit ALF zu sprechen und so hatte der Außerirdische mit seinem „rauen Charme“ überzeugt. Die Serie bekam grünes Licht.

Alf mit Kinderstar Benji Gregory
Besonders bei Kindern war ALF sehr beliebt. Fusco bekam sogar Briefe von Kindern, deren Eltern ihnen gesagt hatten, dass es ALF gar nicht gebe. Das wollten die kleinen Fans allerdings nicht wahrhaben. United Archives

ALF – eine Puppe? Nein, ein echter Schauspieler!

Die eigentümliche Szene bei NBC wirkt rückblickend wie der Auftakt einer Obsession, die kaum Grenzen kannte. Paul Fusco wollte nicht einfach eine erfolgreiche Puppenserie produzieren. Er wollte, erreichen, dass nahezu alle vergessen, dass ALF eine Puppe war. Und so sollte die Illusion nicht nur vor dem Publikum aufrechterhalten werden, sondern auch am Set.

Gordon Shumway, wie ALF auf seinem Heimatplaneten heißt, sollte für alle Beteiligten ein echter Schauspieler sein – auch dann, wenn die Kamera nicht lief. In Interviews zur Serie sollte nicht über Puppenspieler und technische Tricks gesprochen werden. ALF war ein Außeridischer und damit basta.

Das hatte mit Fuscos Vergangenheit als Zauberer zu tun. Ein Zaubertrick funktioniert nur, solange man nicht verrät, wie er gemacht wird. „Sie wollen glauben“, erklärte Fusco später. Und die Illusion wollte er ihnen lassen. Nur hatte das einen ziemlich großen Haken: Wenn ALF wirklich wie ein Schauspieler behandelt werden sollte, musste er sich auch wie einer bewegen können.

Ein Meter hoher Bühnenboden für einen kleinen Außerirdischen

Fakt: ALF war natürlich eine Handpuppe, gesprochen und gespielt von Fusco. Er steuerte den Mund und einen Arm, weitere Puppenspieler bewegten den anderen Arm und weitere Körperteile. Für die Augenbrauen und andere bestimmte Bewegungen gab es eine Fernsteuerung – meist steuerten drei Menschen ALF gleichzeitig.

Damit niemand von diesen Menschen im Bild zu sehen war, wurde das komplette Set auf eine erhöhte Plattform gebaut – rund 1,20 bis 1,50 Meter über dem eigentlichen Studioboden. Darunter entstand ein System aus Gräben und Öffnungen.

ALF aus der Kultserie aus den 1980er-Jahren
Damit die Puppenspieler für die Figur ALF genug Platz hatten, musste das Set des Tanner'schen Haushalts Falltüren und Löcher haben. United Archives

Das Wohnzimmer der Familie Tanner sah auf dem Bildschirm aus wie ein typisches amerikanisches Wohnzimmer in den 1980er-Jahren. Darunter regierte allerdings ein kreatives Chaos. Die Puppenspieler mussten durch die Gräben kriechen und ihre Positionen verändern, während oben die Schauspieler spielten. Stundenlang ging das so, weswegen es in den Tunnelsystemen Kühlschränke und sogar Schlafplätze gab.

Über 20 Stunden Dreh für eine Folge

Die Falltüren befanden sich unter anderem hinter dem Sofa und an anderen Stellen des Sets. Je nachdem, wo ALF im nächsten Moment stehen sollte, musste ein Loch geöffnet, geschlossen oder neu eingerichtet werden.

Regisseur Paul Miller erinnert sich an einen scheinbar harmlosen Satz im Drehbuch: „ALF durchquert den Raum.“ Für die Crew bedeutet das meist ein stundenlanger Umbau. Paul Fusco erinnerte sich später daran, dass für eine Minute fertige ALF-Sendezeit bis zu 22 Stunden gedreht werden konnten. Serienmutter Anne Schedeen sprach sogar davon, dass eine 30-minütige Folge 20 bis 25 Stunden Drehzeit beanspruchen konnte.

Serienszene: ALF mit einem Katzen-Sandwich
Das ALF sich so großer Beliebtheit erfreute, ist mitunter erstaunlich. Man bedenke, wie viele Menschen Katzen lieben. Cinema Publishers Collection

Von Doppelgängern und realen Schauspielern

Für bestimmte Szenen wurde ALF von einem realen Menschen gespielt: der kleinwüchsige ungarische Schauspieler Michu Meszaros schlüpfte dafür in das pelzige Kostüm. Er war allerdings wesentlich seltener im Einsatz als viele Zuschauer später glaubten. Fusco selbst erwähnte, dass ALF in 95 Prozent der Fälle von einer Puppe gespielt wurde.

Außerdem gab es an dem Set noch RALF. Die Abkürzung stand für „Rehearsal Alien Life Form“ – den Proben-ALF. Damit konnte die kostbare Originalpuppe vor dem Dreh geschont werden.

Max Wright litt besonders unter dem ALF-Prinzip

Besonders schwierig war die Situation am Set für Max Wright, der Familienvater Willie Tanner spielte. Wright war ein renommierter Theater- und Fernsehschauspieler. In der Serie fungierte er zumeist nur als eine Art Sidekick für eine Puppe, die die besten Gags abbekam und die er zudem wie einen echten Schauspielkollegen behandeln sollte.

Willie war der holzschnittartige genervte Erwachsene, der den Außerirdischen bremsen musste. ALF dagegen durfte frech, unberechenbar und auch politisch inkorrekt sein. Wright beschrieb die Arbeit später als „hart und sehr trostlos“. Er habe zum Schluss das Ende der Serie sehnlichst gewünscht.

ALF | german / deutsch | ALF und W-W-W-Willie

Besonders deutlich wurde seine Frustration in einer Szene, an die sich Anwesende später erinnerten: Während einer Probe entstand Streit darüber, wer überhaupt in einer Szene gebraucht werde. Wright soll irgendwann ausgerufen haben: „Spießt uns alle auf Stöcke auf! Wir sind hier die Puppen.“

Der Satz bringt das Grundproblem der Serie auf den Punkt: Die menschlichen Darsteller waren zwar die Schauspieler – aber ALF bestimmte den Rhythmus.

Auch Anne Schedeen hatte genug

Dass die Falltüren am Set nicht nur lästig, sondern auch gefährlich waren, musste Anne Schedeen, die Kate Tanner spielte, am eigenen Leib erfahren: Sie fiel einmal während eines Drehtages durch den Bühnenboden. In einem Interview sagte sie, dass der Sturz in die Tiefe gut und gerne mit einem Knochenbruch hätte enden können. Entsprechend sauer war die Schauspielerin.

Andere am Set ereilte ebenfalls dieses Schicksal. So begann die Crew unter Tage schließlich, die Löcher nach Menschen zu benennen, die hineingefallen waren. Dieser Galgenhumor kam nun bedingt gut an. Schedeen erinnert sich in einem späteren Interview nicht gerade mit romantischer Nostalgie an den Dreharbeiten.

Die Serienfamilie Tanner mit ALF beim Dinner.
Harmonisches Familienleben nur vor der Kamera: Weder Max Wright noch Anne Schedeen dachten gerne an ihre Zeit mit ALF zurück. United Archives

Tatsächlich beschrieb Schedeen die Besetzung am Set später als eine Art dysfunktionale Familie. Nach außen sah man eine perfekt eingespielte Sitcom-Familie. Hinter den Kulissen spielten sich zermürbende Drehtage ab, die frustrierte Schauspieler meisterten, die die zweite Geige hinter einer Puppe spielen mussten.

Nach vier Staffeln war Schluss mit ALF

Nach vier Staffeln und 102 Folgen wurde 1990 die Serie eingestellt – trotz großem Cliffhanger. In der letzten Folge versucht ALF, Kontakt zu anderen Außerirdischen aufzunehmen. Doch bevor er fliehen kann, wird er von den Behörden entdeckt.

Die Geschichte im Haus der Tanners hatte sich auserzählt. Aus diesem Grund schwebte Fusco vor, ALF zukünftig auf einer Militärstation sein Unwesen treiben zu lassen. Fusco selbst hätte die Serie gerne weitergeführt, aber dem Sender war die Produktion zu aufwendig.

Und so endet die Serie ALF, nicht aber ohne einen dramatischen Abgang von Wright. Er soll nach der letzten Aufnahme einfach gegangen sein – ohne einen Gruß oder ein letztes Wort an die Crew. Stattdessen ging er nach der letzten Klappe in seine Garderobe, um seine Sachen zu holen, stieg in sein Auto und ward von Stund an nicht mehr gesehen.

Unvergesslich blieb ALF auch für den Schauspieler – wenn auch aus völlig anderen Gründen als für seine Fans.

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Helen Roth
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