Märchenstunde im Schwarzwald-Tatort
Warum der neueste Schwarzwald-Fall „Das jüngste Geißlein“ heißt, ahnt man, nachdem Kommissar Friedemann Berg von der Bäckersfrau des Dorfes um einen Gefallen gebeten wird. Er soll nach der Mitarbeiterin schauen, die nicht zur Arbeit erschienen ist.
Vor ihrem Haus hört er ein Kind weinen, steigt durchs offene Kellerfenster und findet jede Menge Blutspuren und die kleine Eliza, versteckt in einem großen Uhrenkasten.
Friedemann Berg ermittelt außer Dienst
Was das Mädchen fest in den Händen hält, ist ein alter Walkman mit einer Märchenkassette: „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Eine Geschichte, mit der sich Eliza irgendwie identifiziert. Friedemann Berg ist außer Dienst, was wohl etwas mit seinem toten Vater und Bruder zu tun hat.
Genaueres erklärt der letzte Schwarzwald-Tatort. Für diesen Fall ist jedoch vor allem wichtig, dass das Verhältnis zu Kollegin Tobler seitdem ziemlich unterkühlt scheint.
Kommissar Berg unter Verdacht
Und doch brauchen die beiden sich, denn die Eltern von Eliza sind verschwunden und die Psychologin des Mädchens ist keine große Hilfe. Der in Selbstfindung begriffene Berg scheint jetzt die einzige Vertrauensperson des Mädchens zu sein. Sie malt ihn auf Bildern. Das macht ihn allerdings auch verdächtig.
Der Schwarzwald und die Gebrüder Grimm
Die Verbindung des Schwarzwalds mit den Märchen der Gebrüder Grimm liegt nahe. Schließlich wurden einige der Geschichten vom Schwarzwald und seiner Tierwelt inspiriert. Dieser Tatort unternimmt mit seinen neblig schneematschigen Bildern einiges, um sich eine ähnlich düstere Atmosphäre zu geben.
Irgendwann wird eine Männerleiche mit Steinen in den Jackentaschen aus dem See gefischt. Ob es sich dabei um den „bösen Wolf“ handelt und ob der nun eher Opfer oder Täter ist, das ist in diesem Krimi glücklicherweise längst nicht so eindeutig wie im Märchen.
Märchen, Krimi und Mystery-Elemente
Regisseur Rudi Gaul hat Märchen und Krimiwelt atmosphärisch dicht verwoben, mit einigen Mystery-Elementen aufgepeppt und aus dem Tatort eine Geschichte über Vertrauen und Verlust gemacht.
Wen lässt man rein in seine Welt, worauf kann man sich immer verlassen? Und wo täuscht möglicherweise der erste Eindruck?
Und wenn sie nicht gestorben sind, ermitteln sie noch morgen
Dass damit auch wieder das Ermittlerteam im Vordergrund steht, wird einige Krimi-Fans stören. Dass Tobler und Berg eine Geschichte bekommen, die ein bisschen über den Einzelfall hinausgeht, wohl auch. Letztendlich muss aber niemand Angst haben, dass sich der Tatort hier komplett neue erfindet.
Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner nutzen die Möglichkeiten, das Verhältnis ihrer etwas grantligen Figuren weiter auszutarieren. Denn wenn sie nicht gestorben sind, dann werden sie wohl auch im nächsten Fall miteinander klarkommen müssen.
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