Hommage an den investigativen Bürgerjournalismus

Die Journalisten-Serie „The Kollective“ im ZDF: Auf dem Thriller-Holzpfad

Investigative Reporter machen sich auf die Spur einer brutalen Rohstoffmafia. Ihre Recherchen führen sie vom Kongo in ein Russland, das es so allenfalls in Agententhrillern gibt. Die Geschichte ist inspiriert von dem Recherchenetzwerk „Bellingcat“, schick anzuschauen, aber viel zu konstruiert, um einen wirklich zu packen.

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Von Autor/in Karsten Umlauf

Das investigative Netzwerk „The Kollective“ sucht nach unterdrückten Wahrheiten

Im Internet kursiert ein Video von einem Flugzeugabsturz im Kongo. Als bekannt wird, dass ein bekannter englischer Reporter an Bord war, wird Joshua hellhörig. Er ist Teil des investigativen Netzwerks „The Kollective“ und setzt seine Mitstreiter auf das Video an

Still aus der ZDF-Serie "The Kollective"
Joshua (Gregg Sulkin) bittet die anderen Mitglieder von "The Kollective" um virtuelle Unterstützung bei seinen Recherchen.

Etwas halbherzig vermittelt die Serie den Hintergrund der fünf Köpfe: Es sind offensichtlich keine professionellen Journalisten. Sie sind verteilt in Amsterdam, Nantes oder Berlin, gehen irgendwelchen Hilfsjobs nach.

Aber ihre Leidenschaft gilt der Suche nach unterdrückten oder verschleierten Wahrheiten. Mit hohem Ethos von Transparenz und Unabhängigkeit und mit großer Social-Media-Präsenz haben sie es schon zu Internetruhm gebracht. Sie wollen sich bewusst von etablierten Medien absetzen.

Die Recherchen führen in das Herz postkolonialer afrikanischer Politik

Etienne und Lucas sind brillante Nerds, die von ihrem Computer aus jede Open-Source-Quelle anzapfen. Bei Joshua hat die Arbeit auch einen persönlichen Hintergrund.

Still aus der ZDF-Serie "The Kollective"
Joshua (Gregg Sulkin, M.) recherchiert auf eigene Faust in der Demokratischen Republik Kongo.

Durchaus mit aktueller Brisanz führen sie ihre Recherchen in das Herz postkolonialer afrikanischer Politik: Es geht um Seltene Erden. Der volksnahe Politiker Lusamba will im Kongo Coltan-Minen verstaatlichen und die Bevölkerung an den Gewinnen teilhaben lassen. Dabei geraten er und mit ihm das Kollektiv in Konflikt mit dem russischen Geheimdienst und dubiosen Geschäftsleuten.

Still aus der ZDF-Serie "The Kollective"
In den Coltan-Minen in der Demokratischen Republik Kongo herrschen prekäre Arbeitsbedingungen.

Die Serie hat reale Bezüge, schielt aber auch Richtung Agententhriller

Nicht nur namentlich erinnert die Figur an den Freiheitskämpfer und ersten Regierungschef des unabhängigen Kongo Patrice Lumumba. Er ist 1961 unter Mitwirkung der CIA ermordet worden. 

Wie bei der Parallele zum Abschuss des Fluges MH17 gibt es also reale Bezüge. Gleichzeitig schielt die Serie in Actionszenen, absurden verdeckten Ermittlungen und ziemlich plakativen Bösewichten in Richtung Agententhriller.

Still aus der ZDF-Serie "The Kollective"

Richtig nahe gehen einem die Figuren leider nicht

Rein optisch gibt die Serie einiges her, sie löst die Computerrecherche in dreidimensionale Welten auf, in die man eintauchen und sich in funkelnden Modellen und durch Bilderkaskaden bewegen kann.

Zielgenau und sekundenschnell werden Fakten überprüft und Probleme gelöst, so faszinierend wie unrealistisch. Im Privaten hat zwar jeder der fünf seine eigene Baustellen, aber richtig nahe gehen einem die Figuren leider nicht.

Die Idee einer Hommage an die Plattform „Bellingcat“ und ihre Form des investigativen Bürgerjournalismus ist ehrenwert und in Zeiten von KI, Korruption und Desinformation auch nachvollziehbar. Allerdings wirkt doch zu vieles in dieser europäischen Koproduktion gewollt, halb reißerisch, halb naiv und wird letztendlich den eigenen Ansprüchen nicht gerecht.

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Autor/in
Karsten Umlauf
Karsten Umlauf, Autor und Morderator bei SWR Kultur