Mutiger Beitrag zum US-amerikanischen Kino

Wild und respektlos: Ethan Coens neue Filmkomödie „Honey Don’t!"

Eine unterbeschäftigte Privatdetektivin aus dem wenig aufregenden kalifornischen San Fernando Valley ermittelt in einem mysteriösen tödlichen Autounfall. Schnell stößt sie auf eine mysteriöse evangelikale rechtsradikale Sekte. Ethan Coen, die eine Hälfte des legendären Brüderpaares der Coen-Brüder, legt mit „Honey Don’t!" einen Film vor, der Lust an Übertreibung und Grenzüberschreitung hat.

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Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Regisseur Ethan Coen schöpft aus dem Vollen

Bakersfield, Kalifornien. Die Privatdetektivin Honey O’Donahue, gespielt von Margaret Qualley, („The Substance") untersucht den vermeintlichen Unfalltod einer jungen Frau. Bei ihren Ermittlungen gerät sie in die Machenschaften einer Sekte. Ihr Anführer ist der charismatisch-gefährliche Reverend Devlin, ein rechtsextremer Prediger, plumper Verführer und Drogenbaron in einem.

Um diese beiden Pole herum entfaltet sich ein überbordendes Figurenkabinett: ein eifersüchtiger Auftraggeber, eine Beweisarchivarin mit Liebesambitionen, eine spurlos verschwundene Nichte, eine geheimnisvolle Französin.

„Honey Don´t!“ von Ethan Coen
Drew Devlin (Chris Evans) ist rechtsextremer Prediger, plumper Verführer und Drogenbaron in einem. Karen Kuehn / © 2025 FOCUS FEATURES LLC

Coens Film schießt bewusst über die Grenzen des Genre hinaus

Dass diese Überfülle aus Handlangern, Ersatzvätern und Geliebten gelegentlich chaotisch wirkt, ist Absicht: Coen baut ein Kaleidoskop, das bewusst über den Rahmen des Genres hinausschießt.

Die Qualitäten des Films liegen auf der Hand. Kamerasequenzen sind von seltener Brillanz, die Musikauswahl präzise und stimmungsvoll. Margaret Qualley spielt mit einer Mischung aus Härte und Verspieltheit, Aubrey Plaza bringt subversiven Charme ins Spiel, Chris Evans überrascht als selbstgefälliger Prediger-Bösewicht.

„Honey Don´t!“ von Ethan Coen
Die Kleinstadt-Privatdetektivin Honey O’Donahue (Margaret Qualley) ermittelt in einer Reihe seltsamer Todesfälle, die zu einer mysteriösen Sekte führen. Karen Kuehn / © 2025 FOCUS FEATURES LLC

Coen schöpft aus dem Vollen: Nacktheit, Gewalt, Sakrilegien – alles mit ironischem Unterton, der nie ins bloß Derbe kippt. Gerade die grotesken Momente – eine überdrehte Bettszene mit dem Reverend – sind mehr als Provokation: Sie sind Ausdruck einer Haltung, die das Exploitation-Kino nicht parodiert, sondern liebevoll feiert.

Offene Attacken gegen die MAGA-Bewegung

Auch politisch wagt der Film mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Ein MAGA-Pro-Trump-Aufkleber auf dem Pickup eines Nebencharakters wird von Honey mit dem feministischen Slogan „I have a vagina and I vote" überklebt.

Coen scheut nicht vor Zuspitzung zurück. Er attackiert den Trumpismus offen und spiegelt ihn zugleich im grotesken Treiben seiner Figuren. Diese Mischung aus Satire und Farce ist nicht subtil, aber wirkungsvoll – und sie verleiht dem Film eine Aktualität, die über Genregrenzen hinausweist.

„Honey Don´t!“ von Ethan Coen
Die undurchsichtige Kleinstadtpolizistin MG Falcone (Aubrey Plaza) ist Honeys (Margaret Qualley) Seelenverwandte. Karen Kuehn / © 2025 FOCUS FEATURES LLC

Spannend ist zudem die Umkehrung klassischer Noir-Muster: Eine Frau übernimmt die Rolle des Detektivs, ein schwuler Mann die der Femme fatale, ein protestantischer Prediger die des institutionalisierten Bösewichts. Coen zeigt damit, dass er nicht nur zitiert, sondern die Konventionen des Genres aufbricht, verdreht, neu zusammensetzt.

Ethan Coen solo ist frecher, anarchischer und experimenteller

„Honey Don’t!" ist kein makelloses Meisterwerk – das will er auch gar nicht sein. Der Film ist ein wilder, respektloser, zugleich liebevoller Blick auf die Ränder der Filmkunst, die Liebe zu einem  Kino, das Grenzen überschreitet, sich nicht scheut, zu provozieren, und gerade in seiner Unvollkommenheit Charakter gewinnt.

Er zeigt Ethan Coen als Künstler, der ohne den Bruder seine eigene Handschrift sucht: frecher, anarchischer, experimenteller. Wer sich auf diesen Ton einlässt, wird reich belohnt – mit schwarzem Humor, Schauspielern, die ihre Rollen lustvoll überziehen, und einer filmischen Energie, die im heutigen Kino selten geworden ist.

So ist „Honey Don’t!" ein Werk, das nicht allen gefallen wird, aber als mutiger, eigensinniger Beitrag zum zeitgenössischen US-amerikanischen Film weit herausragt.

Trailer „Honey Don´t!“, ab 11.9. im Kino

HONEY DON'T! | Offizieller Trailer deutsch/german HD

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