Schweinefleischfreier Grill
Wer hätte gedacht, dass der Tagesordnungspunkt „Sonstiges“ für den Tennisverein Lengenheide so viel Sprengstoff bietet? Eigentlich soll die Mitgliederversammlung nur schnell die Anschaffung eines neuen Grills abnicken, doch dann macht Melanie, die Doppelpartnerin des Deutschtürken Erol, einen fatalen Vorschlag. Sie schlägt einen zweiten Grill für alle Mitglieder mit Migrationshintergrund vor.
An dieser Stelle könnte die Diskussion über islamkonformes Grillen zu Ende sein. Stattdessen nimmt sie jetzt erst richtig Fahrt auf und schraubt sich schon bald in die absurdesten Höhen. Im Tennisverein bildet man sich zwar viel auf die eigene Kultiviertheit ein, doch der Firnis der Zivilisation erweist sich in „Extrawurst“ als dünn.
Unter dem forciert harmonischen Miteinander brodeln wechselseitige Ressentiments, Vorurteile und Alltagsrassismus. Das Grillproblem wird zur Stellvertreterdiskussion über Einwanderung, Integration und kulturelle Zugehörigkeit.
Filmversion kämpft mit der Theatervorlage
„Extrawurst“ basiert auf dem gleichnamigen Theaterhit von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, die auch das Drehbuch für den Film geschrieben haben. Regisseur Marcus Rosenmüller versucht, das Kammerspiel für die Filmversion aus dem Vereinsheim herauszuholen und die gesamte Anlage des Tennisvereins zu bespielen.
Doch wirkt der dialoglastige Film immer wieder statisch theatral. Rosenmüllers stärkster Trumpf ist das hochkarätig besetzte Ensemble rund um Hape Kerkeling.
Hape Kerkeling zurück im Kino
Nach 16 Jahren Kino-Abstinenz feiert er sein Comeback als autoritär-jovialer Vereinsvorsitzender. Dazu kommen ein zunehmend verzweifelter Fahri Yardim als Streitobjekt Erol, Christoph Maria Herbst und Anja Knauer als linksliberale Besserwisser sowie Friedrich Mücke als rechter Hüter deutscher Grillkultur.
Die hohe Gagdichte des Anfangs kann „Extrawurst“ auf Dauer nicht durchhalten, aber der Film hat viele gute Momente, vor allem, weil er allen Figuren ihre Widersprüche zugesteht. Hier steht am Ende keiner gut da. Denn auch die vermeintlich Aufgeklärten und sogar Erol selbst tragen rassistisches Denken in sich.
Satirisch überspitzte Eskalationsspiralen
Was alle vereint, ist zudem die Unfähigkeit, andere Meinungen auszuhalten und das Gefühl, mit Normalität sei nie die der Anderen gemeint. Ähnlich wie zuletzt Simon Verhoeven in „Alter weißer Mann“ dekliniert „Extrawurst“ heutige Eskalationsspiralen satirisch-überspitzt durch und wirbt dafür, sich gegenseitig zuzuhören statt sich hinter der eigenen Empörung zu verschanzen.
Eine wirkliche Lösung präsentiert die Komödie allerdings nicht, sondern stiehlt sich mit einem halbherzigen versöhnlichen Ende aus der Affäre. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man bei manchen Themen vielleicht lieber nicht so genau weiß, was der Andere darüber denkt. Zumindest wächst dann die Wahrscheinlichkeit, dass der Verein das nächste Grillfest überlebt.