100 Jahre Scherenschnitt-Pionierfilm von Lotte Reiniger

Vorläufer des Animationsfilm: Das Trickfilm-Festival feiert den Scherenschnitt

Das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart feiert die große Regisseurin Lotte Reiniger. Vor 100 Jahren hatte ihr Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ Premiere – ein Scherenschnitt-Spektakel in Spielfilmlänge, das bis heute kreative Resonanz auslöst.

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Von Autor/in Andreas Langen

Scherenschnitt liegt voll im Trend

Der Animationsfilmer Hannes Rall hat einen besonderen Überblick über sein Metier. Nach Studien und Abschlüssen in der schwäbischen Heimat arbeitet Rall seit über 20 Jahren als Hochschulprofessor in Singapur; er kennt also sowohl die asiatische als auch die europäisch-deutsche Trickfilmszene.

„Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, Lotte Reiniger, Carl Koch, Deutschland, 1926.
„Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, Lotte Reiniger, Carl Koch, Deutschland, 1926.

Bei seinen Singapurer Studierenden und bei deren Kollegen von der Filmhochschule in Berlin beobachtet Hannes Rall einen Trend, den man im Werkzeugkasten von Digital Natives nun wirklich nicht vermuten würde – den Scherenschnitt.

„Das Coole“ am Scherenschnitt sei der hohe Grad an Abstraktion des Schattenspiels, der darin stecke, so Rall. Das könne sehr gut auf die moderne, digitale Trickfilmtechnik übertragen werden und überlasse dem Zuschauer eine große Projektionsfläche für die eigene Interpretation.

„Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, Lotte Reiniger, Carl Koch, Deutschland, 1926.
„Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, Lotte Reiniger, Carl Koch, Deutschland, 1926.

Pionierleistung der Berliner Regisseurin Lotte Reiniger

Für das Internationale Trickfilm-Festival in Stuttgart hat Hannes Rall nun eine Ausstellung kuratiert, die das Thema Silhouetten- oder Scherenschnitt-Film beleuchtet. Anlass ist die Uraufführung des abendfüllenden Scherenschnitt-Films „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ der Berliner Regisseurin Lotte Reiniger vor genau 100 Jahren.

„Das war noch weit vor Walt Disneys Schneewittchen“, sagt Hannes Rall, „und ist auch daher eine Pionierleistung, weil das damals außergewöhnlich war, dass eine Frau als Regisseurin so einen Animationslangfilm produziert hat. Es war der erste überhaupt weltweit.“

Ausschnitte aus „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926)

1926 Lotte Reiniger - "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" (visual highlights)

Aber nicht nur in Sachen Gender ist Lotte Reiniger bis heute relevant. Die Handlung von Prinz Achmed ist zwar reiner Märchenstoff , aber alles andere an Reinigers epochalem Werk ist beeindruckend modern.

Zu ihren Lebzeiten komponierten Kurt Weill und Paul Hindemith Filmmusik für sie, Bert Brecht wollte mit Lotte Reiniger kooperieren. Und die Wirkung des Scherenschnitts ist per se zeitlos – digitaler Look altert rapide, Silhouetten kaum.

Dazu kommt eine weitere Entwicklung, die vor allem im Bereich von Design und Kunst stattfindet, seit Bildmedien wie Fotografie und Film fast nur noch digital existieren: Es gibt ein großes Interesse an Handgemachtem.

„Spiritus - die Sinfonie des Chaos“ von Antoine Freuchet, Juliette Schminke
„Spiritus - die Sinfonie des Chaos“ von Antoine Freuchet, Juliette Schminke, Deutschland 2025.

Zahlreiche Künstler würdigen Reinigers Werk

Diese Faszination teilen auch Juliette Schminke und Antoine Freuchet, die jungen Berliner Macher des Kurzfilms „Spiritus – die Sinfonie des Chaos“. Hier kehrt Lotte Reinigers Ästhetik zurück nach Berlin, an den Geburtsort der Regisseurin, aber ins 21. Jahrhundert.

Und es sind nicht nur künstlerische Experimente, die Scherenschnitt nutzen. Als ausdrückliche Verbeugung vor Lotte Reiniger ist eine Silhouetten-Sequenz in Harry Potter angelegt, und Google hat vor einigen Jahren zu Reinigers Geburtstag sein Logo in ihrem Stil verändert. Also von wegen Scherenschnitt, zopfig und altbacken.

„Spiritus - die Sinfonie des Chaos“ von Antoine Freuchet, Juliette Schminke
„Spiritus - die Sinfonie des Chaos“ von Antoine Freuchet, Juliette Schminke, Deutschland 2025.

Hannes Rall schwört auf das Gegenteil: „Das ist wirklich zu so einer ikonischen Technik geworden, die ohne Lotte Reiniger nicht vorstellbar wäre!“

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