Treffpunkt für den Animationsfilm startet

Internationales Trickfilm-Festival Stuttgart 2026: Spiegel der Gesellschaft

Stuttgart wird wieder zum Hotspot für Animationskunst: Ab dem 5. Mai lockt das Trickfilm-Festival um die 70.000 Fans und Kreative aus aller Welt an. Die Bandbreite der rund 500 Filme ist groß. Die aktuelle Weltlage zwischen Krisen und Ungewissheit spiegelt sich auch in den Themen der Filme – es geht oft dystopisch zu.

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Stand

Von Autor/in Sophia Volkhardt

„Im Auto Tapes und Butterbrot“ – Berührender Kurzfilm

Die Welt von Shari zerfällt zu Sternenstaub. Die junge Frau mit langen blauen Fake-Wimpern und einer roten Mütze auf dem kahlen Kopf, die sich für den Weltraum begeistert, erfährt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat.

With Tapes and Toasts in the Car“ von Kiana Naghshineh
„With Tapes and Toasts in the Car“ (Im Auto Tapes und Butterbrot) von Kiana Naghshineh, Deutschland, Frankreich.

Es zieht ihr den Boden unter den Füßen weg, sie weiß nicht, wie sie mit ihrer Familie darüber sprechen kann. In dieser Ausnahmesituation erscheint ihr Laika, die Hündin, die 1957 von der Sowjetunion ins All geschossen wurde. Sie überlebte nur wenige Stunden. Das erste Wesen im Weltraum und jetzt Sharis Begleitung durch die Phasen der Trauer – von der Verleugnung bis zur Akzeptanz

Der Film „Im Auto Tapes und Butterbrot“ von Regisseurin Kiana Naghshineh tritt in der Kategorie Kurzfilm an. Ein berührender Film, der Hoffnung macht. Die Macherin ist Alumni der Filmakademie BW. 

„1981“ – Eine unvergessliche Party in der Pubertät

Wie vielfältig die Filme in diese Kategorie sind, zeigt auch der 8-Minuten Film „1981“ von Andy und Carolyn London über einen 14-jährigen Amerikaner, der seinen Geburtstag in einem Vorort von Long Island feiert. Mitten in der Pubertät. Es wird eine unvergessliche Party, da die Eltern eine Burlesque-Tänzerin bestellt haben – dabei ist der Sohn wohl eher am anderen Geschlecht interessiert. 

„1981“ von Andy London, Carolyn London, USA
„1981“ von Andy London, Carolyn London, USA.

In der typischen 80er-Jahre-Optik werden Themen wie toxische Männlichkeit und Selbstfindung verhandelt. Die Bilder sind mit einer Animationstechnik entstanden, bei der reale Filmaufnahmen Bild für Bild nachgezeichnet werden, um realistische Bewegungen zu erzeugen.

Viele Filme spiegeln die weltweiten Krisen

Weniger bunt ist der Film „Tears“ – „Tränen“ von Paulina Ziolkowska. Der Kurzfilm wirkt optisch wie eine handgezeichnete Collage, der Bewegung eingehaucht wurde, in 2D-Technik mit Ausschnitten von Zeitschriften, Papierfragmente, zerrissene Karten und Papier.

Silhouetten von Körpern, die in einem Bild noch da sind und dann wie herausgerissen werden; die Farben gedeckt. In dem Film geht es darum, wie schwer es ist, eine Entscheidung zu treffen in einer Welt voller Möglichkeiten, und um eine Frau, die dabei zerrissen und verloren scheint.

Kurzfilm „Tears“ von Paulina Ziolkowska
Kurzfilm „Tears“ von Paulina Ziolkowska.

Annegret Richter ist die künstlerische Leiterin des Trickfilm-Festivals. Ihre Beobachtung ist, dass die Filme zeigen, was gerade in der Gesellschaft passiert: „Die Ängste, das Verlorensein, der Begriff von Heimat – was bedeutet das, wenn ich wo anderes leben muss? Viele dieser großen Fragen werden aufgemacht.“

Insgesamt seien viele Filme dystopisch, sagt Richter, „deswegen haben wir geschaut, dass wir auch Filme finden, die tolle andere Seiten der Animation zeigen.“

Lotte Reinigers Pionierfilm mit Livemusik vom SWR Symphonieorchester

In diesem Jahr gibt es einige Besonderheiten beim Trickfilm-Festival: Unter anderem wurde das Kinder- und Jugendprogramm weiter ausgebaut. Auch gibt es mehr Mitmachangebote für Jugendliche, um die Begeisterung für den Animationsfilm früh zu wecken. 

Der Technik-Fokus liegt in diesem Jahr auf dem Scherenschnitt. Vor genau hundert Jahren wurde der Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ der Regisseurin Lotte Reiniger erstaufgeführt. Im Rahmen des Festivals läuft der Film der Pionierin, live vertont vom SWR Symphonieorchester.

„Das ist der erste abendfüllende Animationsfilm der Welt“, sagt Festival-Leiterin Annegret Richter, „und das von einer Frau in einer Zeit, in der die Möglichkeiten nicht so groß waren. Dass sie das geschafft hat, das in sehr filigraner Silhouetten-Technik durchzuführen, ist schon großartig. Wir wollen zeigen, was da passiert ist in den letzten hundert Jahren.“

„Allah Is Not Obliged“ – Ein Waisenjunge in den Wirren des Bürgerkriegs in Westafrika

„Allah Is Not Obliged“ - Allah ist nicht verpflichtet von Zaven Najjar
„Allah Is Not Obliged“ - Allah ist nicht verpflichtet von Zaven Najjar

Auch in der Kategorie der Langfilme ist die Auswahl sehr divers. Da ist zum Beispiel „Allah Is Not Obliged“ – Allah ist nicht verpflichtet. Es geht um einen Waisenjungen, der sich in einer Welt voller Gewalt allein durch die Wirren der Bürgerkriege in Westafrika schlagen muss – auf der Suche nach seiner Tante.

Trotz der Grausamkeiten um ihn herum bewahrt er sich – auch durch kindliche Naivität – seinen Überlebenswillen. Dargestellt wird das mit grellen und ausdrucksstark realistischen Bildern. Dem gegenüber stehen fast expressionistische, verfremdete Bilder, wenn Gewalt gezeigt werden soll.

Film „Bouchra“ über eine queere Filmemacherin in New York

Filmisch sehr spannend ist auch der Langfilm „Bouchra“ der Regisseurinnen Orian Barki und Meriem Bennani. Surreal die Bilder, bei denen computeranimierte Effekte und reale Hintergründe verschmelzen wie Wirklichkeit und Fantasie. Die titelgebende Protagonistin ist eine junge, queere Filmemacherin in New York – in Gestalt einer vermenschlichten Kojotin. 

„Bouchra" von Meriem Bennani, Orian Barki
„Bouchra" von Meriem Bennani, Orian Barki, Vereinigte Staaten, Italien, Marokko.

Zum Teil sind es irritierende Bilder, die die Verletzlichkeit, die Identitätssuche der Heldin unterstreichen, die ihr Coming-Out in ihrer marokkanischen Familie hat. Rahmenhandlung sind reale Elemente wie Telefonate, Nachrichten aus dem Leben der Regisseurinnen, die anhand ihrer Hauptfigur auch den Prozess des Filmemachens reflektieren.

Bewegend, aufrüttelnd, aber auch komisch sind die vielen unterschiedlichen Positionen beim Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart, das in die vielfältige Welt des Animationsfilmes entführt, in der der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Stuttgart

Ein Wal auf der Suche nach seinem Lied „Der letzte Walsänger“ – Berührender Animationsfilm auf dem Trickfilm-Festival Stuttgart

Der märchenhafte Animationsfilm „Der letzte Walsänger“ von Reza Memari erzählt vom jungen Wal Vincent, der mit seinem Gesang die Unterwasserwelt retten soll.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Stuttgart

Internationales Trickfilm-Festival Prinzen und Punks - Das unerschöpfliche Potential des Scherenschnitts

Das internationale Trickfilmfestival Stuttgart feiert die große Regisseurin Lotte Reiniger. Vor 100 Jahren hatte ihr Scherenschnitt-Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ Premiere.

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Stuttgart

Der Meister der Apokalypse Schauspielhaus Stuttgart und SWR Kultur: Roland Emmerich im Gespräch mit Michael Steinbrecher

Das Schauspiel Stuttgart und SWR Kultur laden am 8. Mai 2026 zu einem Live-Gespräch mit dem Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Roland Emmerich ein.