Meister des jüdischen Humors
Es sind nicht unbedingt die feinsinnigen Zwischentöne, mit denen man Mel Brooks assoziiert. Ganz im Gegenteil: Sein Name steht nahezu synonym für den dick aufgetragenen Klamauk, die beißende Ironie und den bitterbösen Sarkasmus der großen jüdischen Humortradition. Kompromisslos komisch, mit viel Slapstick und mit absolutem Schenkelklopfer-Potenzial, dafür lieben Generationen von Fans den New Yorker Filmemacher bis heute.
Mit mächtig Chuzpe preschte Mel Brooks 1967 in die Filmwelt vor: mit singenden und steppenden SS-Offizieren und Revue-Mädchen in Brezel-, Bier- und Brünnhilde-Kostümen, die in bester Musical-Manier den „Frühling für Hitler“ und den Angriff auf Polen besingen.
Der Jude Brooks, der selbst an der Front gegen Nazi-Deutschland gekämpft hatte, gab das betroffenheitsverklärte Hitler-Regime der Lächerlichkeit preis.
Wut und Feindseligkeit als Motor für Brooks‘ Humor
Es ist ein passendes Filmdebüt für diesen Sohn jüdischer Immigranten aus New York. Am 28. Juni 1926 wird Melvin James Kaminsky auf dem Küchentisch in einer Mietwohnung in Brooklyn geboren. Der Vater stammt aus dem damals noch deutschen Danzig, die Mutter aus Kyjiw, seinerzeit noch Teil des russischen Zarenreichs.
Als der Vater mit gerade einmal 34 Jahren an einer Niereninfektion stirbt, ist der Sohn erst zwei Jahre alt. Mel Brooks wird den Verlust nie ganz verwinden:
„Ich bin sicher, dass ein Großteil meiner Komik auf Wut und Feindseligkeit basiert“, erklärt er sich 2015 in einem Standup-Special. „Als ich in Williamsburg aufwuchs, habe ich gelernt, sie in Komik zu kleiden, um mir Probleme zu ersparen – wie zum Beispiel einen Schlag ins Gesicht.“
Vom Soldaten zum gefragten Comedy-Schreiber
Von klein auf ist Brooks klar, dass er auf die Bühne möchte. Seine ersten Gigs hat er als Unterhaltungskünstler in Ferienhotels in den Catskills – dem sogenannten „Borscht Belt“, wo gutbetuchte jüdische Familien aus New York ihren Urlaub verbringen.
Mit 18 Jahren wird Brooks in die Armee eingezogen. Die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs erlebt er als Soldat an der europäischen Westfront. Er kämpft in der Ardennenoffensive gegen die Wehrmacht und ist zeitweise in Saarbrücken, im pfälzischen Baumholder und nach Kriegsende in Wiesbaden stationiert.
1950 holt sein Freund und Vorbild, der vier Jahre ältere Komiker Sid Caesar, Brooks ins Autorenteam seiner TV-Reihe „Your Show of Shows”. Hier arbeitet der 24-Jährige mit anderen jungen Komikern zusammen, die später ebenfalls Schwergewichte in der US-Unterhaltungsindustrie werden sollen, darunter Woody Allen und Carl Reiner, der als Schöpfer der „Dick Van Dyke Show“ amerikanische Fernsehgeschichte schreiben wird.
Mit Reiner startet Brooks als Stand-Up-Komiker durch. Ihr gemeinsamer Sketch „The 2000 Year Old Man“ wird zum Gassenhauer.
Brooks improvisiert die Rolle eines 2.000 Jahre alten Juden, schwadroniert über seine Bekanntschaft mit Christus – „dünner Kerl, trug Sandalen, lange Haare, lief mit elf anderen Jungs herum“ – und erzählt von hunderten Ehen und mehr als 42.000 Kindern, von denen ihn keines besuchen kommt. Die Schallplatte mit dem gemeinsamen Comedy-Programm wird zum Riesenhit.
Durchbruch mit „Frühling für Hitler“
1960 zieht es Brooks nach Hollywood. Jahrelang schwirrt ihm die Idee eines Musicals über Adolf Hitler durch den Kopf. 1967 realisiert er sie schließlich in „Frühling für Hitler“.
Im Film versuchen zwei erfolglose Broadway-Produzenten, ihre Investoren ums Geld zu prellen, indem sie einen kalkulierten Flop auf die Bühne bringen: eine Liebeserklärung an Hitler, geschrieben von einem durchgeknallten Nazi.
Für Brooks wird dieser erste Film, bei dem er sowohl Regie führt als auch das Drehbuch schreibt, zum Überraschungserfolg. Bei den Oscars wird er für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet und setzt sich damit unter anderem gegen Stanley Kubrick und „2001: Odyssee im Weltraum“ durch.
Welterfolg mit Parodien aus Western, Horror und Krieg der Sterne
Die Filme, die Mel Brooks ab den 1970er-Jahren realisiert, bringen ihm den bis heute anhaltenden Nimbus des Kult-Komikers ein:
In „Der wilde wilde Westen“ (1974) persifliert Brooks das Western-Genre, in „Young Frankenstein“ die Horrorfilme der 1930er-Jahre, in „Spaceballs“ (1987) die „Star-Wars“-Trilogie und in „Robin Hood: Helden in Strumpfhosen“ schließlich das Mantel-und-Degen-Genre, das Anfang der 1990er-Jahre dank Kevin Costner ein Revival erlebt. Mit „Dracula – Tot aber glücklich“ legt Brooks 1995 seine letzte Regiearbeit vor.
Weniger bekannt bleibt, dass Mel Brooks mit seiner Produktionsfirma Brooksfilms auch ernste Filme finanziert. Der bekannteste unter ihnen: David Lynchs „Der Elefantenmensch“, in dem Brooks‘ Frau und kreative Partnerin Anne Bancroft die weibliche Hauptrolle spielt.
Späte Karriere als Musical-Macher
Doch damit wird es noch lange nicht ruhig um den großen Komiker. Ende der 1990er-Jahre wendet sich Brooks dem Theater zu und adaptiert seinen ersten Film für die Bühne. Das Musical „The Producers“ feiert 2001 am Broadway Premiere und wird erneut zum großen Triumph für den Unterhaltungsveteranen.
Mit zwölf Tony Awards wird die Produktion ausgezeichnet, drei davon gehen an Brooks selbst als Komponist, Librettist und Produzent der Theaterwelt-Persiflage. 2005 produziert Brooks die Neuverfilmung der Musical-Version mit Nathan Lane und Matthew Broderick in den Hauptrollen.
„Spaceballs“-Fortsetzung kurz vor dem 99. Geburtstag angekündigt
Bis heute arbeitet Brooks noch an seinem komödiantischen Vermächtnis: 2021 legt er seine Autobiografie vor, zwei Jahre später erscheint mit „Die verrückte Geschichte der Welt, Teil II“ eine Fortsetzung des gleichnamigen Kultfilms von 1981 als achtteilige Streamingserie bei Disney+. Brooks selbst übernimmt darin die Rolle des Erzählers, die im ersten Teil von Orson Welles gespielt wurde.
Nun, zwei Wochen vor seinem 99. Geburtstag, hat der unermüdliche Comedy-Veteran sein nächstes Projekt angekündigt: 2027 soll der zweite Teil seiner „Star-Wars“-Parodie „Spaceballs“ in die Kinos kommen. Mel Brooks wird dann 101 Jahre alt sein.
An Material für die Fortsetzung soll es nicht mangeln: Prequels, Sequels und Prequel-Sequels zum „Krieg der Sterne“ gibt es ja zuhauf, genauso wie insgesamt 36 Marvel-Blockbuster und mehrere erfolglose Versuche vom Comic-Verlag DC, es Marvel gleichzutun.
Brooks will in der Rolle des weisen Meisters Joghurt, die er bereits 1987 spielte, auch selbst wieder vor der Kamera stehen. Man habe gefragt, was die Fans sehen wollten, sagt Brooks am Ende des kurzen Videos in die Kamera. „Aber stattdessen machen wir diesen Film. Möge der Saft mit dir sein“, erklärt der nahezu Hundertjährige mit schelmischem Grinsen.
Vielleicht ist es Mel Brooks' letzter großer Coup, mal schauen. Bislang war der Komiker noch immer für eine Überraschung gut.