Verlockung des Zeit-Managements
Momos Gabe ist das Zuhören. Wenn das Mädchen mit der roten Mähne im alten Amphitheater den Menschen ihre Zeit für ein Gespräch schenkt, dann fühlen sich diese zutiefst verstanden. Im Alltagsstress bleibt ihnen allerdings immer weniger Zeit für lange Gespräche. Das spürt auch Liliana, alleinerziehende Mutter von Momos bestem Freund Gino.
Zeiterfassung per Tracking-Armband
Als eine Frau in Grau der überforderten Liliana anbietet, sie bei ihrem Zeit-Management zu unterstützen, ist sie einverstanden. Wie viele andere Menschen in der italienischen Stadt trägt Liliana ab jetzt ein Tracking-Armband, ein so genanntes Greycelet: wenn sie sich mit nützlichen Dingen befasst, leuchtet es weiß. Wenn sie ihre Zeit vermeintlich verbummelt, leuchtet es mahnend rot.
Moderne Zeitdiebe setzen auf Influencer
In der Neuverfilmung von „Momo“ sind Michael Endes Bösewichte, die grauen Herren, im 21. Jahrhundert angekommen. Sie haben nichts mehr von den verdrucksten Angestellten der Zeit-Sparkasse. Die modernen Zeitdiebe präsentieren sich hip und selbstbewusst als Vertreter eines Lifestyle-Tech-Konzerns namens Grey. Die gestohlene Zeit der Menschen paffen sie nicht mehr als Zigarren, sondern vapen sie aus kleinen Inhalationsgeräten.
Momo hat als Einzige noch Zeit übrig
Momos Freund Gino machen sie zum Influencer, der Follower für sie generiert. Aus der Puppe Bibigirl ist die Drohne Bibi Bot geworden, die praktischerweise zugleich den öffentlichen Raum überwacht. Bald ist Momo die Einzige, die noch Zeit übrig hat und an die Kraft der persönlichen Begegnung glaubt, weil sie sich dem Druck der kapitalistischen Selbstoptimierung widersetzt.
„Momo“ verliert an Charme
In dieser internationalen Produktion aus Deutschland ist alles eine Nummer größer, lauter und schneller als in dem alten Film – von den Schauplätzen über den Soundtrack bis zu den Actionszenen. Dadurch verliert „Momo“ an Charme und Atmosphäre, gewinnt aber durchaus an Schauwerten.
Schlüssiger Kommentar auf den Zeitgeist
Die Ästhetik orientiert sich dabei stark an den gängigen Fantasyfilmen für Kinder. Überzeugend ist die Entscheidung, die Zeitdiebe der Tech-Branche entspringen zu lassen. Dass sie die Menschen mit trendigen Gadgets und sozialen Medien versklaven, ist ein schlüssiger Kommentar auf den Zeitgeist. Überraschend allenfalls, dass das Handy keine herausgehobene Rolle in diesem Szenario spielt, obwohl es doch gerade unter Jugendlichen der größte Zeitfresser von allen ist.
Mehr Tempo, weniger Tiefe
Regisseur und Drehbuchautor Christian Ditter erzählt seine Geschichte in atemlosem Tempo. Man hat den Eindruck, auch ihn zwinge ein Greycelet, sich auf die dramaturgisch nützlichen Momente zu beschränken. So fehlt es den Figuren an Tiefe und der Geschichte über das wundersame Wesen der Zeit an ein paar Momenten des Innehaltens.
Figuren wie Meister Hora bleiben auf der Strecke
Gerade eine Figur wie Meister Hora, der die Zeit zum Stillstand bringen kann, findet keinen rechten Platz in der Handlung, zumal ihn Martin Freeman überdreht-klamaukig spielt. Trotz seiner Schwächen ist der Film eine Chance, eine neue Generation für Michael Endes Klassiker zu interessieren und im Buch hinter der Action die philosophischen Aspekte der Geschichte zu entdecken. Wenn das Publikum denn dafür die Zeit findet.
Trailer „Momo“, ab 2.10. im Kino
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