Neuverfilmung des Kinderbuchklassikers

Kinofilm „Momo“: Kampf gegen die Zeitdiebe der Tech-Industrie

Fast 40 Jahre nach der Verfilmung von „Momo“ kommt eine neue Produktion heraus. Christian Ditters Version ist schneller, größer und lauter als die alte und lässt „die grauen Herren“ als Vertreter eines hippen Tech-Konzerns im 21.Jahrhundert ankommen.

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Stand

Von Autor/in Julia Haungs

Verlockung des Zeit-Managements

Momos Gabe ist das Zuhören. Wenn das Mädchen mit der roten Mähne im alten Amphitheater den Menschen ihre Zeit für ein Gespräch schenkt, dann fühlen sich diese zutiefst verstanden. Im Alltagsstress bleibt ihnen allerdings immer weniger Zeit für lange Gespräche. Das spürt auch Liliana, alleinerziehende Mutter von Momos bestem Freund Gino.

Zeiterfassung per Tracking-Armband

Als eine Frau in Grau der überforderten Liliana anbietet, sie bei ihrem Zeit-Management zu unterstützen, ist sie einverstanden. Wie viele andere Menschen in der italienischen Stadt trägt Liliana ab jetzt ein Tracking-Armband, ein so genanntes Greycelet: wenn sie sich mit nützlichen Dingen befasst, leuchtet es weiß. Wenn sie ihre Zeit vermeintlich verbummelt, leuchtet es mahnend rot.

„Momo“ von Christian Ditter
Das Waisenmädchen Momo (Alexa Goodall) lebt in den Ruinen eines alten römischen Amphitheaters. Sie hat immer ein offenes Ohr für jeden in der Nachbarschaft. Constantin Film Distribution/Rat Pack Filmproduktion/Ivan Sardi Bild in Detailansicht öffnen
„Momo“ von Christian Ditter
Am liebsten verbringt Momo die Tage mit ihrem besten Freund Gino (Araloyin Oshunremi). Der hat aber auch immer weniger Zeit für sie seit er für den Lifestyle-Tech-Konzerns Grey Influencer ist. Constantin Film Distribution/Rat Pack Filmproduktion/Ivan Sardi Bild in Detailansicht öffnen
„Momo“ von Christian Ditter
Bald ist Momo die Einzige, die noch Zeit übrig hat und an die Kraft der persönlichen Begegnung glaubt. Constantin Film Distribution/Rat Pack Filmproduktion/Ivan Sardi Bild in Detailansicht öffnen
„Momo“ von Christian Ditter
Doch dann taucht eine geheimnisvolle Schildkröte auf und führt sie zu Meister Hora (Martin Freeman), dem Hüter der Zeit. Gemeinsam können sie es mit den Zeit-Dieben aufnehmen – doch wird ihr Plan aufgehen? Constantin Film Distribution/Rat Pack Filmproduktion/Ivan Sardi Bild in Detailansicht öffnen
„Momo“ von Christian Ditter
In der rasanten Neuverfilmung findet eine Figur wie Meister Hora (Martin Freeman), der die Zeit zum Stillstand bringen kann, keinen rechten Platz, zumal ihn Martin Freeman überdreht-klamaukig spielt. Constantin Film Distribution/Rat Pack Filmproduktion/Ivan Sardi Bild in Detailansicht öffnen

Moderne Zeitdiebe setzen auf Influencer

In der Neuverfilmung von „Momo“ sind Michael Endes Bösewichte, die grauen Herren, im 21. Jahrhundert angekommen. Sie haben nichts mehr von den verdrucksten Angestellten der Zeit-Sparkasse. Die modernen Zeitdiebe präsentieren sich hip und selbstbewusst als Vertreter eines Lifestyle-Tech-Konzerns namens Grey. Die gestohlene Zeit der Menschen paffen sie nicht mehr als Zigarren, sondern vapen sie aus kleinen Inhalationsgeräten.

„Momo“ von Christian Ditter
Am liebsten verbringt Momo die Tage mit ihrem besten Freund Gino (Araloyin Oshunremi). Der hat aber auch immer weniger Zeit für sie seit er für den Lifestyle-Tech-Konzerns GREY Influencer ist. Constantin Film Distribution/Rat Pack Filmproduktion/Ivan Sardi

Momo hat als Einzige noch Zeit übrig

Momos Freund Gino machen sie zum Influencer, der Follower für sie generiert. Aus der Puppe Bibigirl ist die Drohne Bibi Bot geworden, die praktischerweise zugleich den öffentlichen Raum überwacht. Bald ist Momo die Einzige, die noch Zeit übrig hat und an die Kraft der persönlichen Begegnung glaubt, weil sie sich dem Druck der kapitalistischen Selbstoptimierung widersetzt. 

„Momo“ verliert an Charme

In dieser internationalen Produktion aus Deutschland ist alles eine Nummer größer, lauter und schneller als in dem alten Film – von den Schauplätzen über den Soundtrack bis zu den Actionszenen. Dadurch verliert „Momo“ an Charme und Atmosphäre, gewinnt aber durchaus an Schauwerten.

Schlüssiger Kommentar auf den Zeitgeist

Die Ästhetik orientiert sich dabei stark an den gängigen Fantasyfilmen für Kinder. Überzeugend ist die Entscheidung, die Zeitdiebe der Tech-Branche entspringen zu lassen. Dass sie die Menschen mit trendigen Gadgets und sozialen Medien versklaven, ist ein schlüssiger Kommentar auf den Zeitgeist. Überraschend allenfalls, dass das Handy keine herausgehobene Rolle in diesem Szenario spielt, obwohl es doch gerade unter Jugendlichen der größte Zeitfresser von allen ist. 

Mehr Tempo, weniger Tiefe

Regisseur und Drehbuchautor Christian Ditter erzählt seine Geschichte in atemlosem Tempo. Man hat den Eindruck, auch ihn zwinge ein Greycelet, sich auf die dramaturgisch nützlichen Momente zu beschränken. So fehlt es den Figuren an Tiefe und der Geschichte über das wundersame Wesen der Zeit an ein paar Momenten des Innehaltens.

„Momo“ von Christian Ditter
In der rasanten Neuverfilmung findet eine Figur wie Meister Hora (Martin Freeman), der die Zeit zum Stillstand bringen kann, keinen rechten Platz, zumal ihn Martin Freeman überdreht-klamaukig spielt. Constantin Film Distribution/Rat Pack Filmproduktion/Ivan Sardi

Figuren wie Meister Hora bleiben auf der Strecke

Gerade eine Figur wie Meister Hora, der die Zeit zum Stillstand bringen kann, findet keinen rechten Platz in der Handlung, zumal ihn Martin Freeman überdreht-klamaukig spielt. Trotz seiner Schwächen ist der Film eine Chance, eine neue Generation für Michael Endes Klassiker zu interessieren und im Buch hinter der Action die philosophischen Aspekte der Geschichte zu entdecken. Wenn das Publikum denn dafür die Zeit findet.

Trailer „Momo“, ab 2.10. im Kino

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Autor/in
Julia Haungs
Julia Haungs, Autorin  und Redakteurin, SWR Kultur