Nach 30 Jahren ist Miren aus ihrer Ehe geflüchtet. Sie hat ihren Mann verlassen und ist mit ihrer Anwältin heimlich zur Polizei gegangen. Ihren Mann Iñigo lernt man erstmal nicht als machohaften Klotz kennen. Zwar ein Typ alter Schule, aber auch im festen Glauben, seine Frau zu lieben. Ihn und vor allem die beiden erwachsenen Söhne Aitor und Jon stößt die Anzeige völlig vor den Kopf.
Sex mit und vor allem ohne Einverständnis
Was ist in den ganzen Jahren tatsächlich passiert, vor allem hinter den verschlossenen Türen des Schlafzimmers? Mirens Aussagen bringen viele Details aus dem relativ klassischen Eheleben zu Tage: finanzielle Abhängigkeit, Routine, Sex mit und vor allem ohne Einverständnis.
Miren, erfährt man, ließ es geschehen aus Angst vor den Launen ihres Mannes, falls der wöchentliche Geschlechtsverkehr mal nicht nach Plan lief. Iñigo hat bei ihr dagegen keinen Widerwillen wahrgenommen. Die Freunde, seine Familie und Iñigo selbst unterstellen Miren eine Depression.
„Die Wahrheit“ ist schwer zu ermitteln
Die vierteilige Miniserie der baskischen Filmemacherin Alauda Ruiz de Azúa erhielt beim „Series Mania Festival“ den Hauptpreis als beste Serie. Sie spielt nicht mit Rückblicken, sie versucht auch keine Beweisführung, denn „die Wahrheit“ ist hier im wörtlichen Sinn gefühlt. Stattdessen arbeitet sie in ruhigen Bildern und Dialogen die durchaus auch widersprüchlichen Charaktere heraus.
Die beiden Söhne tendieren je nach Temperament zu einer Seite: der pflichtbewusste Aitor hält zum Vater, der empfindsame Jon eher zur Mutter. In ihren eigenen Beziehungen reproduzieren sie allerdings teilweise das Verhalten der Eltern, zunächst unterbewusst. Aber irgendwann bemerken sie es auch.
Wo endet die Liebe und wo beginnt der Missbrauch?
„Querer“ ist ebenso ein Familien- wie ein Beziehungsdrama. Der spanische Begriff bedeutet übersetzt „begehren“, „lieben“ und „wünschen“. Aber wo endet die Liebe und wo beginnt der Missbrauch?
Verletzungen und Gewalt, über die man wiederum kaum wagt, zu sprechen. Wie geht man damit in einer Familie um, die man nicht einfach abstreifen kann und meistens auch nicht will? Inwiefern muss über das Zusammenleben und -lieben immer wieder neu Einverständnis hergestellt werden?
Diese Fragen werden nicht offensiv formuliert, sie ergeben sich, aber sie berühren einen. Auch unangenehm, so wie die Kinder unangenehm berührt sind von den Intimitäten der Eltern und der Frage, wem sie vertrauen. Das alles verdichtet „Querer“ in nur vier Folgen (1. Staffel) zu einer starken und lange nachhallenden Serie.
„Querer“ in der Arte Mediathek und am 12.6. auf Arte