Geschichte der RAF

„Stammheim – Zeit des Terrors“: Kammerspielartiges Dokudrama von Niki Stein und Stefan Aust

Vor 50 Jahren begann der Prozess gegen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan Carl Raspe. Niki Steins konzentriertes Dokudrama überzeugt mit seinem kammerspielartigen Charakter und einer starken Lilith Stangenberg als Gudrun Ensslin.

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Stand

Von Autor/in Karsten Umlauf

Durch Hungerstreik zum Märtyrer der RAF

Der RAF-Terrorist Holger Meins sollte den Weg nach Stuttgart Stammheim nicht mehr antreten, er starb an den Folgen eines Hungerstreiks in der Haftanstalt Wittlich in der Eifel und wurde so für die RAF zum Märtyrer. Den Tod hätten wohl auch die vier anderen RAF-Mitglieder in Kauf genommen.

Mit Hungerstreiks versuchen sie auch in Stammheim, Ziele zu erreichen. Aber der Vollzugsbeamte Horst Bubeck wacht darüber, dass es nicht dazu kommt.

Stammheim – Zeit des Terrors
Er war eine der aufwändigsten juristischen Aufarbeitungen der Bundesrepublik und hielt die Welt in Atem: Der Stammheim-Prozess gegen die Führung der ersten Generation der RAF, der am 21. Mai 1975 begann, war ein Gerichtsverfahren der Superlative. (v.l.n.r.) Jan-Carl Raspe (Rafael Stachowiak), Andreas Baader (Henning Flüsloh) und Gudrun Ensslin (Lilith Stangenberg). Bild in Detailansicht öffnen
 STAMMHEIM – ZEIT DES TERRORS
Zahllose Tonbänder, 15.000 Seiten mit Wortprotokollen und seltenes Archivmaterial machen den Prozess auch zu den am besten dokumentierten in der Geschichte. Durch den Prozess wurde Stammheim zum identitätsstiftenden Ort der RAF. Gudrun Ensslin (Lilith Stangenberg) beim Stammheim-Prozess. Bild in Detailansicht öffnen
 STAMMHEIM – ZEIT DES TERRORS
Lilith Stangenberg: „Am meisten Zugang zu dem beeindruckenden Zahnrad in Ensslins Gedanken bekam ich durch den Briefwechsel zwischen ihr und dem Vater ihres Kindes Bernward Vesper, ein Buch, was ihr Sohn Felix Ensslin später rausbrachte.“ Bild in Detailansicht öffnen
 STAMMHEIM – ZEIT DES TERRORS
Henning Flüsloh: „Andreas Baader hat in der RAF die Führung übernommen in einer Zeit, in der die Gesellschaft neue politische Werte und Ausrichtungen gesucht hat. Ähnlich wie damals stellt auch heute die Unzufriedenheit vieler Menschen in unserer Gesellschaft den Wertekatalog in Frage.“ Bild in Detailansicht öffnen
 STAMMHEIM – ZEIT DES TERRORS
Rafael Stachowiak: „Die Rolle Jan-Carl Raspe war für mich gleich zu Beginn eine besondere Herausforderung. Nach dem ersten langen Gespräch mit Niki Stein habe ich verstanden, wie komplex dieser Mensch gewesen sein muss und welche Rolle er gespielt hat im Gefüge mit den anderen.“ Bild in Detailansicht öffnen
 STAMMHEIM – ZEIT DES TERRORS
Tatiana Nekrasov: „In meinem Elternaus bzw. in meinem Großelternhaus lagen u.a. Ausgaben von Peter Brückners „Ulrike Marie Meinhof und die deutschen Verhältnisse“, Vespers „Die Reise“ und „Das RAF-Phantom“. Es war klar, dass die Mittel der RAF die falschen waren, aber dass Ulrike Meinhof klug und gedanklich inspirierend war, war unumstritten.“ Bild in Detailansicht öffnen

JVA-WG statt Folter und Isolationshaft

Bubeks Perspektive nimmt der Film immmer wieder ein. So erscheint die lang aufrecht erhaltene Legende von Folter und Isolationshaft in anderem Licht: da wirkt der Trakt sieben in Stammheim, den die vier Terroristen für sich exklusiv haben, fast wie eine JVA-WG. Zugestanden wurden ihnen stundenlange gemeinsame Treffen im Flur, Bücher, Arbeitsmaterial, Zigaretten, Schallplatten.

 STAMMHEIM – ZEIT DES TERRORS
Regisseur Niki Stein nutzt neue, ungewöhnliche Perspektiven. So erleben wir das Drama u.a. durch die Augen vonVollzugsbeamten Horst Bubeck (Moritz Führmann), der als Vollzugsbeamter im Zellentrakt den intensivsten Kontakt zu den Inhaftierten hatte. Hier mit Andreas Baader (Henning Flüsloh) auf dem Weg in dessen Zelle.

Teilweise mögen sie sich selbst im Gefängnis wie ein vorrevolutionärer Thinktank gefühlt haben. Aber das konzentrierte Dokudrama von Niki Stein lässt keinen Raum zur Glorifizierung. Er zeigt auch die toxische und teilweise anachronistische Gruppendynamik der ersten RAF-Generation: um den machohaften Andreas Baader kreisen die Frauen wie die Motten.

Niki Stein zeigt die toxische Gruppendynamik der ersten RAF Generation

Dabei zeigen sich Baader und vor allem die gnadenlose Gudrun Ensslin als die eigentlichen Köpfe, die die frühere Journalistin aus bürgerlichem Haus Ulrike Meinhof immer wieder frontal und persönlich angreifen. Und mit welcher Vehemenz das vor allem Lilith Stangenberg und Tatiana Nekrasov verkörpern, ist große Klasse.

Gudrun Ensslin (Lilith Stangenberg) bei der Ankunft in der JVA Stuttgart Stammheim
Gudrun Ensslin (Lilith Stangenberg) bei der Ankunft in der JVA Stuttgart Stammheim.

Filmische Umsetzungen der RAF-Geschichte gibt es reichlich, von Reinhard Hauff über Heinrich Breloer bis Uli Edel. Auch Niki Steins Dokudrama basiert auf den Recherchen von Stefan Aust, auf Protokollen, Erinnerungen und vor allem auf vor einigen Jahren gefundenen Prozessmitschnitten. Was den Film besonders macht, ist der kammerspielartige Charakter, der die Gefängnisperspektive konsequent beibehält.

Hysterie im sogenannten Deutschen Herbst

Auch bei den Szenen im Gerichtssaal die Bunkermentalität der Terrorgruppe deutlich macht, die die Welt in schwarz und weiß, „Menschen und Schweine“ einteilt. Linksintellektueller Duktus und vulgäre Sprache prallen aufeinander. Von der popkulturellen Faszination für eine Gangsterbande als radikal aufsässige Geistes-Boheme bleibt jedenfalls wenig übrig.

50 Jahre Stammheim-Prozess Fanatismus und Familientrauma: Die RAF und ihre Opfer

Beim Prozess von Stammheim 1975 wurde die RAF für die Öffentlichkeit greifbar. SWR und ARD berichten über den Fanatismus der Terroristen und die Familiengeschichte der Opfer.

„Stammheim - Zeit des Terrors“ vermittelt durch die collageartig eingebauten Originalaufnahmen ein ganz gutes Bild der gesellschaftlichen Atmosphäre, auch der Hysterie im sogenannten Deutschen Herbst. Mit heimlichen Abhöraktionen von Angeklagten und Verteidigern brach auch der Staat das Recht. t

Dass auch die Zellen in der Nacht des kollektiven Selbstmords abgehört wurden, legt der Film nahe. Aber ein bisschen Mythos wird Stammheim wohl immer behalten.

„Stammheim-Zeit des Terrors“ Dokudrama von Niki Stein

Stuttgart

50 Jahre Stammheim-Prozess Die RAF und der Kult um den Schrecken

Seit Beginn des ersten RAF-Prozesses in Stuttgart-Stammheim vor 50 Jahren wird die Terrorgruppe auf der Bühne, in Kunst und Film wahlweise entlarvt oder romantisch verklärt.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Essay Tränen lügen nicht. Der deutsche Schlager und die RAF

50 Jahre nach dem Stammheim-Prozess geht die Autorin einer Frage nach, die sie als radiohörendes Kind hatte: „Gibt es eine Verbindung zwischen dem deutschen Schlager und der RAF?“ 

Von Uta-Maria Heim

Essay SWR Kultur

28.10.1975 Stammheim-Prozess: Jan-Carl Raspe zu den Haftbedingungen

28.10.1975 | Der Angeklagte Jan-Carl Raspe kritisiert während der Verhandlung am 28. Oktober 1975 die Isolationshaft. | RAF

4.5.1976 Baader kritisiert Stammheim-Prozess, Schily fordert Nixon als Zeuge

4.5.1976 | Der Stuttgarter Stammheim-Prozess gegen die Mitglieder der RAF zieht sich hin. Der Angeklagte Andreas Baader wirft dem Gericht vor, dass der Prozess aus wahlkampftaktischen Gründen künstlich in die Länge gezogen werde. Baader sieht das Gerichtsverfahren letztlich als Spiegelbild der globalen Machtverhältnisse.

Zeitwort 09.05.1976: Ulrike Meinhof wird erhängt aufgefunden

Ulrike Meinhof war eine schillernde Figur in der Medienlandschaft der 1960er-Jahre. Sie schrieb eine Kolumne für die Zeitschrift „Konkret“, mit deren Chefredakteur Klaus Röhl sie verheiratet war. Und sie war Namensgeberin der „Baader-Meinhof-Bande“.

SWR2 Zeitwort SWR2

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Karsten Umlauf