Von der Mönchtonsur bis zum Buzzcut

10 Frisuren, die Geschichte schrieben, und was sie bedeuten

Warum tragen Mönche Glatze – und warum wurden lange Haare zum Protest? Was sagt ein Vokuhila über Geschmack aus, ein Buzzcut über Kontrolle? Ein Streifzug durch Frisuren, die mehr erzählen, als man denkt.

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Von Autor/in Helen Roth

Was unsere Haare über uns verraten

Ob lang, kurz, frisch rasiert, glatt oder auffällig gelockt – Haare sind nie nur Stilfrage. Sie erzählen von Schönheit und Begehren, von Macht und Ohnmacht, von Anpassung und Rebellion. Seit Jahrtausenden sind sie eine Art universelle Sprache: Wer wir sind beziehungsweise wie wir gesehen werden wollen – das zeigen wir allzu gern auf unserem Kopf.

Genau davon erzählt die Ausstellung „Haar – Macht – Lust“ in der Kunsthalle München. Rund 200 Exponate aus drei Jahrtausenden zeigen, wie politisch, oft auch sinnlich und soziokulturell aufgeladen Frisuren sein können. Geschichtlich reicht die Ausstellung von der Antike bis zur Gegenwart.

Zwischen antiken Skulpturen, barocken Gemälden und zeitgenössischer Mode wird klar: Haare markieren Zugehörigkeit und Status, formen Geschlechterbilder – und sind immer wieder Mittel des Protests. Sie können verführen wie die Schlangen der Medusa oder Stärke symbolisieren wie bei Samson, dem Löwentöter.

Ein Streifzug durch die Geschichte zeigt: Jede Epoche trägt ihre Haltung auf dem Kopf. Hier sind zehn Frisuren, die Geschichte geschrieben haben:

  1. Cleopatras Bob: Macht in klaren Linien
  2. Tonsur: Demut als sichtbares Zeichen
  3. Barocke Perücken: Status zum Aufsetzen
  4. Der Irokesenschnitt: Rebellion als Stil
  5. Rastalocken: Spiritualität und Widerstand
  6. Hippie-Mähnen: Natürlichkeit als Protest
  7. Der Bubikopf: Emanzipation mit praktischem Ansatz
  8. Afros: Sichtbare Selbstermächtigung
  9. Der Vokuhila: Zwischen Pop und Parodie
  10. Buzzcut: Kontrolle über den eigenen Körper

1. Cleopatras Bob: Macht in klaren Linien

Elizabeth Taylor als Cleopatra mit Richard Burton als Marc Antonius
Elizabeth Taylor als Cleopatra mit Richard Burton als Marc Antonius im Hollywood-Epos „Cleopatra“ (1963). Böse Zungen würden behaupten, Liz Taylor sei die Perücke am Set wortwörtlich zu Kopf gestiegen. Nach der Premiere schrieb „Newsweek“: „Aus Liebe zu ihr gab Cäsar sein Herz, Antonius sein Leben und die Twentieth-Century-Fox ein ganzes Gesellschaftsvermögen.“

Die Darstellungen von Cleopatra zeigen eine Herrscherin, deren Erscheinung bis ins Detail kalkuliert ist. Der gerade geschnittene Bob mit Pony wirkt fast modern, obgleich er Teil einer antiken Bildpolitik ist.

Im Alten Ägypten waren Perücken und streng gearbeitete Frisuren Ausdruck von Status und Ordnung. Cleopatras Haar steht damit für Perfektion und Kontrolle – nicht nur über das eigene Erscheinungsbild, sondern auch über ihr Reich.

2. Tonsur: Demut als sichtbares Zeichen

Ein Geistlicher mit Tonsur sitzt in der Priesterweihe
Die Priesterbruderschaft St. Pius X., 1970 von Marcel Lefebvre gegründet, ist eine traditionalistische Gemeinschaft innerhalb des Katholizismus, die wesentliche Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) ablehnt. Auch bei der Frisur bleibt die Bruderschaft sich treu.

Bei der Tonsur wird teilweise oder das gesamte Kopfhaar aus religiösen Gründen entfernt. Seit dem frühen Mittelalter trugen etwa christliche Mönche die Tonsur. Der kahle Kreis auf dem Kopf verwies symbolisch auf die Dornenkrone Christi. Die Schur soll aber auch ein Akt der Demut sein.

Gleichzeitig markiert die Tonsur Zugehörigkeit. Wer sie trug, war Teil einer geistlichen Gemeinschaft und entzog sich der weltlichen Ordnung. 1973 wurde die ästhetisch eigenwillige Frisur von Papst Paul VI. innerhalb der katholischen Kirche abgeschafft.

3. Barocke Perücken: Status zum Aufsetzen

Schauspieleron Kirsten Dunst spielt Marie Antoinette Kirsten Dunst
Wunderbar opulent hat Regisseurin Sofia Coppola 2006 Marie Antoinettes Leben in Bilder gefasst. Ob Kirsten Dunst dank der großen Perücken am Set öfter Kopfschmerzen hatte?

Am Hof von Louis XIV. wurde der Körper zur Bühne politischer Macht. Die aufwendig frisierten Allongeperücken waren Teil eines streng codierten Systems höfischer Repräsentation. Sie wurden sowohl aus Menschen- als auch aus Tierhaaren gefertigt.

Darüber hinaus hatten die Perücken aber auch einen ganz praktischen Sinn: Sie kaschierten etwa Krankheiten wie Syphilis, die zu Haarausfall führten. Auch sorgten zweifelhafte Schönheitsprodukte wie Arsenpillen und Bleipuder bei den feinen Damen und Herren der Zeit für Haarausfall. So wurde die Not zum Stil und der schöne Schein gewahrt.

4. Der Irokesenschnitt: Aneignung und Aufbegehren

Sängerin Nina Hagen mit grüner Irokesen-Frisur
Als „Godmother of Punk“ beeinflusste Nina Hagen den deutschen New Wave. Ikonisch sind nicht nur ihr Make-up, sondern auch ihre Frisuren, wie Anfang der 80er-Jahre ihr grüner Irokesen-Schnitt.

Der sogenannte Irokesenschnitt verdankt seinen Namen indigenen Gruppen Nordamerikas wie den Mohawk, deren Haartrachten jedoch deutlich vielfältiger waren als das heutige Klischee.

In der Punkbewegung der 1970er-Jahre wurde der Schnitt neu codiert: als bewusster Bruch mit bürgerlichen Normen. Auffällig gefärbt und steil gestellt, wurde das Haar zur Kampfansage. Heute sieht man den Frisurentrend kritischer, denn man kann ihn auch als Zeichen kultureller Aneignung lesen.

5. Rastalocken: Spiritualität und Widerstand

Sänger Bob Marley singt während eines Konzerts auf der Bühne
Rastaman Vibration: Bis heute zählt Bob Marley zu den wohl berühmtesten Rasta-Trägern. Seine Dreadlocks waren keine Modeerscheinung, sondern ein zentraler Teil seiner Religion „Rastafari“.

Dreadlocks sind eng mit der Rastafari-Bewegung verbunden, die in den 1930er-Jahren auf Jamaika entstand. International bekannt wurden sie vor allem durch die Reggae-Musik von Bob Marley.

Die Frisur ist religiös aufgeladen, verweist auf biblische Traditionen und steht zugleich für Widerstand gegen koloniale Einflüsse. In ihr verbinden sich Spiritualität und politische Haltung – bis heute nicht ohne Konflikte um kulturelle Deutungshoheit. Dabei spielt auch das Problem der kulturellen Aneignung immer wieder eine Rolle.

6. Hippie-Haare: Natürlichkeit als Protest

Musiker John Lennon und Künstlerin Yoko Ono im Bett während ihrer Aktion Hair Peace
1969 machten John Lennon und Yoko Ono das „Bed-In for Peace“ zur Bühne ihres Protests gegen den Vietnamkrieg – im Hotelbett in Amsterdam und Montreal. Die Aktion wurde zum Symbol jugendlicher Rebellion und gewaltfreien Widerstands.

Lange Haare waren in den 1960er-Jahren nicht einfach Mode, sondern ein bewusster Regelverstoß, der das Establishment gehörig provozierte. Für Männer bedeuteten sie den Bruch mit tradierten Vorstellungen von Männlichkeit.

Noch vor der eigentlichen Hippie-Welle in Amerika gab es in Westdeutschland Anfang der 1960er-Jahre die sogenannten Gammler. Sie markierten eine der ersten sichtbaren Jugendkulturen in der Bundesrepublik, die sich gegen bürgerliche Normen auflehnte. Ungepflegt zu wirken, das war Teil des Programms: ein stiller Protest gegen eine Gesellschaft, die Ordnung über Individualität stellte.

7. Der Bubikopf: Emanzipation mit praktischem Ansatz

Liza Minnelli im Film Cabaret
Stilikone und Ausnahmekünstlerin Liza Minnelli machte in den 1970er-Jahren den Bubikopf – modern interpretiert als Pixie-Cut – wieder populär.

Als Frauen in den 1920er-Jahren begannen, ihre Haare kurz zu tragen, ging es um mehr als Ästhetik. Der Bubikopf stand für einen gesellschaftlichen Umbruch. Die alten Zöpfe wurden also buchstäblich abgeschnitten.

Er passte zu einem neuen Lebensstil: Frauen begannen zu arbeiteten, gingen allein aus und bewegten sich insgesamt freier und unabhängiger in der Gesellschaft. Die kurze Frisur war praktisch und wurde zugleich zum sichtbaren Zeichen von Emanzipation.

8. Der Afro: Sichtbare Selbstermächtigung

Soul-Sängerin und Pianistin Roberta Flack im Schaukelstuhl
Die vierfache Grammy-Gewinnerin Roberta Flack trug ihre Afro-Mähne mit Stolz. Damit inspirierte sie in den 1970er-Jahren viele weitere Menschen, ihr krauses Haar zur Selbstermächtigung wachsen zu lassen.

Der Afro wurde in den USA der 1960er-Jahre zu einem politischen Statement. Aktivist*innen, etwa aus dem Umfeld der Black Panther Party trugen ihn bewusst als Zeichen von „Black Pride“.

Natürlich gewachsenes Haar widersprach den vorherrschenden Schönheitsidealen. Der Afro machte Identität sichtbar und stellte die Frage, wer definiert, was als „gepflegt“ oder „schön“ gilt.

9. Der Vokuhila: Zwischen Pop und Parodie

Sänger Markus mit Vokuhila-Frisur in der ARD-Show Die Spielbude
Mit der Single „Ich will Spaß“ schaffte es Sänger Markus Anfang der 1980er-Jahre an die Chartspitze. Sein blond gelockter Vokuhila flatterte bei 210 km/h im Maserati sicherlich herrlich im Fahrtwind.

„Vorne kurz und hinten lang – und meistens noch ’ne Zündschnur dran“: Die Punkrock-Band „Die Ärzte“ hat der Kultfrisur der 80er-Jahre gleich einen ganzen Song gewidmet. Der eigenwillige Schnitt war nie bloß eine Frisur, sondern umriss ein ganzes Lebensgefühl. Unbekümmert, spaßorientiert und ja, auch ein wenig eitel – das sind die Attribute des Vokuhila-Trägers.

Die Frisur fand Anklang in Subkulturen ebenso wie im Mainstream. Zugleich haftete ihr früh ein sozialer Beiklang an: Der Vokuhila galt vielen als „Proll“-Frisur – und wurde damit zum Spiegel von Klassenklischees und Geschmacksurteilen.

Heute kehrt er wieder, oft mit ironischem Unterton. Doch gerade diese Ambivalenz macht ihn interessant: eine Frisur zwischen Abgrenzung und Anpassung, zwischen Ernst und Zitat.

10. Buzzcut: Kontrolle über den eigenen Körper

Social-Media-Beitrag auf Instagram

Der radikal kurze Haarschnitt ist historisch eng mit militärischen Strukturen verbunden. Einheitlichkeit, Hygiene, Disziplin – der Körper wird normiert. Gleichzeitig taucht das rasierte Haar in vielen Kulturen auch als Zeichen des Bruchs auf: nach Niederlagen, in Trauerritualen oder als bewusste Geste der Selbstentäußerung.

Gerade deshalb kann der Buzzcut auch eine individuelle Entscheidung sein. Als Britney Spears sich 2007 öffentlich die Haare rasierte, wurde weltweit darüber gestritten, ob das ein Moment von Kontrollverlust oder Selbstbehauptung sei.

Auch in der Politik kommt der Schritt vor – eher pragmatisch als symbolisch: Die FDP-Politikerin Nicole Büttner rasierte sich 2026 nach der verlorenen Landtagswahl in Baden-Württemberg die Haare und hielt damit eine zuvor angekündigte Wette ein.

Haare als kulturelles Archiv

Frisuren sind nie neutral. Sie entstehen im Spannungsfeld von Norm und Abweichung, von Mode und Politik, von Individuum und Gesellschaft.

Die Ausstellung in der Kunsthalle München zeigt, wie viel Geschichte in etwas steckt, das täglich wächst und oft unterschätzt wird.

Stuttgart

Nachlass des Lyrikers des Symbolismus Haar und Federkiel – Unerwartete Entdeckungen aus dem Stefan-George-Archiv

Künftig wird das Stefan-George-Archiv vom Land Baden-Württemberg übernommen. Der Nachlass des 1933 verstorbenen Lyrikers aus Bingen birgt Überraschungen und George-Reliquien.

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