25 Jahre nach den Anschlägen in New York

Vom Live-Schock zur Bilderflut: Was 9/11 die Medien lehrte

Der 11. September 2001 brachte den Nachrichtenjournalismus an seine Grenzen. 25 Jahre später würde ein vergleichbares Ereignis unter völlig anderen Bedingungen stattfinden, Bilder und Behauptungen wären sofort überall. Wie würden Redaktionen heute damit umgehen und was haben sie aus 9/11 gelernt?

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Stand

Von Autor/in Samira Straub

Ein Turm brennt. Schwarzer Rauch steigt über Manhattan auf. Was genau passiert ist, weiß zunächst niemand. Die erste Meldung, die kurz vor 15 Uhr deutscher Zeit die Redaktionen erreicht, klingt noch nach einem möglichen Unglück: Ein Flugzeug hat das World Trade Center getroffen.

Dann, 17 Minuten nach dem ersten Einschlag, fliegt vor laufenden Kameras eine zweite Maschine in den Südturm. Millionen Menschen sehen einen Terroranschlag, während er geschieht. Journalisten und Publikum erleben denselben Moment und wissen gleichermaßen wenig darüber, was gerade passiert.

Ein zweites Flugzeug fliegt am 11.9.2001 in das World Trade Center
Eine Live-Aufnahme, die alles verändert: Bis zum Einschlag des zweiten Flugzeuges gehen die meisten Berichterstatter noch von einem Unglück aus. picture-alliance/ dpa

25 Jahre später lohnt der Rückblick auf diesen Tag auch deshalb, weil sich an ihm die Zumutungen des Livejournalismus so klar zeigen. Redaktionen mussten senden, obwohl sie kaum etwas wussten. Heute wäre die Ausgangslage eine andere. Ein vergleichbares Ereignis würde sich sofort über die Sozialen Netzwerke vervielfachen. Die entscheidende Frage wäre nicht nur, was passiert ist, sondern auch, welchem Material überhaupt zu trauen ist.

Ein Stresstest für den Nachrichtenjournalismus

Für den Medienwissenschaftler Prof. Dr. Stephan Weichert war 9/11 keine „Medienstunde null“, sondern ein „Stresstest des modernen Nachrichtenjournalismus“. Er forscht seit mehr als zwei Jahrzehnten zur medialen Verarbeitung der Anschläge, lehrt heute an der Universität der Künste Berlin und ist Vorstand des VOCER Instituts für Digitale Resilienz.

24-Stunden-Nachrichtensender, Live-Schalten und Breaking News gab es 2001 längst. Neu war, wie brutal die Grenzen dieses Systems sichtbar wurden: „Ein weltgeschichtliches Ereignis entfaltet sich vor laufenden Kameras, während die Journalisten selbst noch gar nicht wissen, was sie da eigentlich sehen“, beschreibt es Weichert.

Auch das Internet spielte bereits eine Rolle, nur eine völlig andere als heute. Millionen Menschen suchten online nach Nachrichten, viele große Nachrichtenseiten waren dem Andrang aber technisch kaum gewachsen. CNN.com verzeichnete laut damaligen Daten des US-Marktforschungsunternehmens Comscore ein Plus von 680 Prozent, CBS.com sogar 819 Prozent. Google verwies Nutzer zeitweise ausdrücklich auf Fernsehen und Radio, weil viele Nachrichtenseiten überlastet waren.

Ein Feuerwehrmann blickt an 911 auf die brennenden Türme
Wenige Bilder bestimmten am 11. September 2001 die Berichterstattung. Undenkbar heute, wo fast jeder ein Smartphone dabei hat. picture-alliance / dpa /

„Echtzeit-Journalismus verlangt Geschwindigkeit, guter Journalismus aber Prüfung, Distanz und Kontext“, erklärt Weichert im Gespräch mit SWR Kultur. Heute gehört es zum professionellen Standard, Unsicherheit offen zu benennen und Material vor einer Veröffentlichung genauer zu prüfen. 2001 war diese Vorsicht deutlich schwächer ausgeprägt.

Live hieß damals oft: draufbleiben

Bei RTL unterbricht Peter Klöppel um 15:09 Uhr deutscher Zeit das Nachmittagsprogramm. Mehr als sieben Stunden wird er anschließend durchmoderieren. 2001 lief öffentliche Orientierung noch durch wenige große Nachrichtenkanäle: Wer wissen wollte, was passiert, blieb beim Fernsehen. Klöppels Moderation wurde selbst Teil der deutschen Fernseherinnerung an 9/11.

Die Sender bleiben auf den Bildern aus New York, weil es kaum Alternativen gibt. Genau das verschärft das Problem. Was sichtbar ist, wirkt automatisch wichtig. Was noch nicht bekannt ist, muss trotzdem irgendwie benannt werden. So entstehen in Echtzeit Spekulationen, die ein nüchterner Nachrichtenbetrieb normalerweise erst einmal aussortieren würde.

Menschen betrachten auf einer Leinwand eine TV-Stellungnahme von Präsident George W. Bush
Millionen sehen den damaligen US-Präsidenten George W. Bush live im Fernsehen – zu einem Zeitpunkt, an dem vieles noch unklar ist. indiv

Genau hier arbeiten Redaktionen heute anders: Nach späteren Anschlägen wurde stärker berücksichtigt, dass Medien nicht nur über Terror berichten, sondern seine Bilder auch weiterverbreiten. Das verändert die Verantwortung. Ein Livestream kann dokumentarisch wertvoll sein. Er kann aber ebenso Teil der Inszenierung sein, auf die durch die Täter gesetzt wurde.

Bei den Anschlägen von Halle oder Hanau sei die Sensibilität deutlich größer gewesen, sagt Weichert. Redaktionen achteten stärker darauf, nicht selbst zum Verstärker terroristischer Inszenierung zu werden. Denn Terror zielt auch auf Öffentlichkeit. Die Bilder eines Anschlags können die Angst weit über den eigentlichen Tatort hinaus tragen.

Auch Aufnahmen von Menschen, die aus den Türmen stürzten, waren am 11. September im Fernsehen zu sehen. Solches Material würde heute sehr viel strenger geprüft und gar nicht oder nur stark kontextualisiert gezeigt.

Dass diese Regeln heute stärker verankert sind, heißt nicht, dass sie immer eingehalten werden. Gerade nach dem Anschlag von Hanau 2020 gab es erneut Kritik an Spekulationen und an der starken medialen Präsenz des Täters. Der Unterschied liegt also weniger darin, dass Fehler verschwunden wären: Redaktionen diskutieren heute bewusster darüber, welche Wirkung ihre Berichterstattung entfaltet.

Aus einem Bild wird eine Endlosschleife

Flugzeug, Feuerball, brennende Türme, Einsturz, Staubwolke: Wenige Bilder haben sich als visuelle Chiffren von 9/11 ins Gedächtnis eingebrannt. Nicht nur wegen ihres Inhalts, sagt Weichert, sondern wegen ihrer Wiederholung: Die 50. Wiederholung des Einschlags lieferte keine zusätzliche Information mehr, sie steigerte nur dessen emotionale Wirkung, so der Wissenschaftler.

Dabei ist Erinnerung längst nicht identisch mit dem, was damals tatsächlich live zu sehen war. Was wir heute als die Bilder von 9/11 erinnern, war deshalb nicht zwangsläufig das, was Zuschauer in den ersten Minuten tatsächlich sahen.

Menschen fliehen vor der Staubwolke in New York am 11.9.2001
Die alles verschlingende Staubwolke über Manhattan gehört zu den Bildern, die sich tief ins kollektive Gedächtnis von 9/11 eingebrannt haben. dpa

Das zeigt beispielsweise bewegendes Bildmaterial aus einer später veröffentlichten Dokumentation. Der französische Dokumentarfilmer Jules Naudet begleitete an diesem Morgen Feuerwehrleute bei einem Einsatz, als er den ersten Einschlag zufällig aufnahm.

Gerade Naudets Aufnahme zeigt, wie begrenzt das Bildangebot zunächst war. Ein einzelner zufälliger Kameramoment konnte prägen, wie ein ganzer Tag später erinnert wurde.

Das Bild braucht Einordnung

Damit stellt sich eine Frage, die Redaktionen heute sehr viel bewusster abwägen als damals: Wann informiert ein Bild und wann wird es nur noch wiederholt, weil es so stark wirkt? Dass ein Bild emotionalisiert, macht es noch nicht journalistisch falsch. Weichert verweist darauf, dass Krieg sonst schnell abstrakt bleibt. Gleichzeitig müsse eine Redaktion abwägen, was sie ihrem Publikum zumuten kann.

Für Weichert liegt die Verantwortung deshalb nicht allein darin, ein Bild zu zeigen oder nicht. Entscheidend sei, das Publikum damit nicht alleinzulassen. „Was auf jeden Fall gar nicht geht, ist, dass man irgendwelche Bilder einfach nur zeigt und dazu gar nichts sagt.“

Am 11. September wurde auch sichtbar, wie wichtig die Person im Studio in einer Krisenlage ist. Wer als Moderator stundenlang durch eine unübersichtliche Situation führt, vermittelt seinem Publikum auch ein Gefühl dafür, ob diese Lage noch beherrschbar erscheint.

Zugleich sind sie für die Zuschauenden, wie Weichert sagt, „verlässliche Orientierungsgeber“. Professionalität heißt deshalb nicht, Unsicherheit zu verstecken, sondern sie kenntlich zu machen. In einer Breaking-News-Lage kann genau dieser Satz professionell sein: Wir wissen es noch nicht.

Staubwolken verschlingen die Stadt
Die Bilder vermittelten apokalyptische Zustände: An einem sonnigen Spätsommertag hüllte eine Staubwolke am 11. September die Stadt in Dunkelheit. picture alliance / AP

Wie würde eine 9/11-Berichterstattung heute aussehen?

Was würde eine Redaktion heute also anders machen? Sie würde zunächst langsamer behaupten, etwas sicher zu wissen. Verfügbares Material dürfte nicht sofort auf Sendung gehen. Auch eine Behauptung, die plötzlich überall auftaucht, wäre noch keine bestätigte Nachricht.

Außerdem würde stärker geprüft, welche Folgen eine Veröffentlichung haben kann, etwa ob sie einem Täter zusätzliche Öffentlichkeit verschafft. „Man macht sich mehr Gedanken über die möglichen Folgen, die das für die Zuschauer oder Zuhörer haben könnte“, so Weichert. Die Regel dahinter ist einfach: Richtigkeit vor Schnelligkeit.

Ein eingestaubter Wecker mit dem Datum 11.9.2001
9/11 wurde nicht nur durch das Ausmaß der Anschläge, sondern auch durch seine Bilder zu einem Ereignis im kollektiven Gedächtnis weltweit. picture-alliance

2001 fehlten gesicherte Informationen. Heute wäre Material nicht knapp. Binnen Minuten würden Handyvideos, Augenzeugenberichte und Posts kursieren. Dazwischen lägen alte Aufnahmen, Fehlinterpretationen und gezielte Falschinformationen.

Damals mussten Redaktionen wenige dominante Bilder erklären. Heute müssten sie zuerst klären, welche der vielen Aufnahmen überhaupt belastbar sind.

Die Gatekeeper-Rolle des Fernsehens ist vorbei

Auch deshalb hat Fernseh-Journalismus seine alte Gatekeeper-Rolle weitgehend verloren. Damals entschieden Fernsehsender und Agenturen maßgeblich, welche Bilder Millionen Menschen sahen. Heute können Augenzeugen oder Behörden selbst Öffentlichkeit herstellen, ohne dass eine Redaktion dazwischen geschaltet ist.

Früher fand Prüfung meist vor der Veröffentlichung statt. Heute zirkuliert Material oft längst, bevor eine Redaktion seine Herkunft geklärt hat. Verifikation sei deshalb für Journalisten von einer Arbeitstechnik zu einer Kernkompetenz geworden, sagt Weichert.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch ein besser informiertes Publikum: „Wir wären potenziell besser informiert, aber praktisch überforderter“, sagt Weichert zur Problematik.

Für ihn gehört deshalb auch digitale Resilienz zur heutigen Nachrichtenlage. Gemeint ist auch die Fähigkeit, mit vorläufigem Wissen umgehen zu können, ohne jeder neuen Behauptung sofort zu folgen. Für Redaktionen bedeutet das, Unsicherheit sichtbar zu machen, ohne ihr Publikum mit ihr allein zu lassen.

Vom Informationsmangel zur Informationsflut

Vor 25 Jahren sahen Millionen Menschen dieselben wenigen Bilder und fragten sich, was sie bedeuteten. Heute würde ein vergleichbares Ereignis sofort in viele Versionen zerfallen.

Für Redaktionen beginnt die Arbeit deshalb früher, bei der Prüfung dessen, was längst im Umlauf ist. Entscheidend ist am Ende aber dieselbe Frage wie noch 2001: Wem traut ein Publikum zu, aus Unsicherheit verlässliche Orientierung zu machen?

25 Jahre nach den Anschlägen des 11. September 2001 9/11 und das Feuilleton – Apokalypse und Melange

25 Jahre ruhten die Zeitungen vom Tag nach 9/11 in der Schublade von Alexander Wasner. Mit Intellektuellen in Wien und Berlin sprach er darüber, wie sich die Welt gewandelt hat.

Feature SWR Kultur

Forum 25 Jahre 9/11 – Was bleibt vom „Angriff auf die freie Welt“?

Die tödlichen Angriffe auf das World Trade Center waren nicht nur ein Anschlag auf Amerika. Wie hat 9/11 das Selbstverständnis des Westens und das Verhältnis zum internationalen Recht verändert?

Forum SWR Kultur

Feature | ARD Radiofeature Nach 9/11: Deutschland im Krieg

25 Jahre nach 9/11: Wie der Terror Deutschland mit in den Krieg zog und nachhaltig veränderte. Zeitzeug:innen aus Politik und Bundeswehr über den ersten KSK-Einsatz in Afghanistan.

Von Christoph Heinzle und Sugárka Sielaff

Feature SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Samira Straub
Samira Straub, Autorin und Redakteurin bei SWR Kultur Digital