Es ist eine Erfolgsgeschichte wie aus dem Bilderbuch: 1819 gründet der junge Tischler Michael Thonet in Boppard am Rhein seine erste Werkstatt. Knapp 50 Jahre später kennt man ihn und sein bekanntestes Design, den Kaffeehaus-Stuhl, auf der ganzen Welt.
Motor des Erfolgs sind sicher nicht Thonets ikonisches Design und seine neuartige „Bugholz“-Technik – sein Gespür für den Zeitgeist spielt dabei eine Rolle und vor allem die Möglichkeit der Massenproduktion.
Erste Monographie über das Unternehmen Gebrüder Thonet
Bis heute sind die Möbel von Thonet Kult. Sie werden nach wie vor fast unverändert produziert, aber auch weitervererbt. Alte Stücke haben Sammlerwert und werden bei Auktionen zum Teil teuer gehandelt. Der ehemalige Lehrer Wolfgang Thillmann sammelt seit den 1990er-Jahren Möbel aus dem Hause Thonet. Heute ist er Autor und Experte für Thonet-Mobiliar.
Im Rhein-Mosel Verlag veröffentlichte Thillmann jüngst die erste Monographie des Unternehmens Gebrüder Thonet, die die Geschichte des Unternehmens neu erzählt.
Hintergrund ist, dass die Erfolgsgeschichte bisher vor allem vom Narrativ der Familie Thonet selbst geprägt war. Thillmann machte sich an den Faktencheck und durchforstete Archive, auch außerhalb von Deutschland.
Bugholz: Mit Erfindergeist an die Spitze
Schon früh experimentiert Michael Thonet mit Holzbiegetechniken. In den 1830er-Jahren entwickelt er auf der Suche nach einem preiswerten Herstellungsverfahren für geschwungene Holzmöbel, die zu der Zeit in Mode sind, die sogenannte Bugholztechnik. Hölzer mit langen Fasern wie Buche oder Esche werden mit Wasserdampf über einen längeren Zeitraum weich gemacht und dann mithilfe spezieller Werkzeuge gebogen.
Die Technik ermöglicht es, auch massive Holzteile ohne Schnitte und Verleimungen in geschwungene Form zu bringen. Das spart Material und ist zudem besonders stabil und langlebig.
Das Biegen von Holz war schon vor Thonet üblich, doch der Tischler aus Boppard perfektionierte die Technik. Neue technische Entwicklungen ermöglichten es zudem, Stühle industriell herzustellen. Das Motto: schlicht, chic und bezahlbar.
Thonet zieht es nach Wien
Mit seinen Kreationen machte Thonet nicht nur in der Region im Oberen Mittelrheintal auf sich aufmerksam. Der sogenannte „Bopparder Stuhl“ sorgte bis über die Landesgrenzen für Aufsehen. Trotzdem war es vor Ort schwierig, unter anderem mit den Patenten. In Boppard gab es für Thonet keine Zukunft.
Michael Thonet folgte schließlich der Einladung eines prominenten Fans, dem in Koblenz geborenen österreichischen Staatskanzler Fürst Clemens von Metternich. Anfang der 1840er-Jahre zog er nach Wien. Hier war der Markt größer und es war genau die richtige Zeit für Thonets Bugholz-Möbel. Wie konnte ein Stuhl, bei dem es vorher kein Bedarf bestand, so erfolgreich werden? Dieser Frage ist auch Thonet-Experte Wolfgang Thillmann nachgegangen.
Es hat mit den wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu tun. Die Urbanisierung brachte einen größeren Bedarf an guten und preiswerten Sitzgelegenheiten mit sich.
Thonet erfand dort das Möbelstück für den neuen Zeitgeist: Im 19. Jahrhundert stieg der Wohlstand des Bürgertums, viele hatten mehr Freizeit, die Kaffeehaus-Kultur boomte in Wien. Thonets Antwort: Sein berühmter Stuhl „Nr. 14“, der sich nach und nach mit der Popularität der Kaffeehäuser über die ganze Welt verbreitete.
Dank Kaffeehaus-Kultur zum Weltunternehmen
Ein weiterer Pluspunkt mit Blick auf den Verkaufsboom: Der Stuhl bestand aus wenigen, einfach zerlegbaren Einzelteilen und konnte so massenhaft produziert und platzsparend weltweit versandt werden. Aus der ehemaligen Tischlerwerkstatt wuchs in kurzer Zeit ein weltweit operierendes Unternehmen mit mehreren Produktionsstätten in holzreichen Gegenden, etwa in Osteuropa.
Bereits 1853 übertrug Michael Thonet seinen fünf Söhnen das Geschäft, das nun unter dem Namen „Gebrüder Thonet“ geführt wurde. 1856 entstand die erste Fabrik zur Serienproduktion der Möbel.
Die Firma präsentierte sich bei den großen Welt- und Industrieausstellungen, das Geschäft florierte. Wirkliche Konkurrenz drohte erst, als 1869 das Bugholz-Patent auslief.
Eine der bedeutendsten Möbel-Fabriken
Dennoch entwickelte sich Thonet Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der bedeutendsten Möbelfabrik der Industriegeschichte.
Michael Thonet erlebte das nicht mehr, er starb 1871 in Wien. Seit 1889 gibt es das Werk im hessischen Frankenberg, seit 1953 ist dort auch der Hauptsitz des Unternehmens.
Thonet-Stahlrohrmöbel in der Bauhaus-Ära
Der Kaffeehaus-Stuhl wurde zum prägenden Stuhl für das 19. Jahrhundert. Aber auch im 20. Jahrhundert blieb Thonet stilprägend. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der deutschen und österreichischen Monarchien stürzte das Unternehmen in eine Krise. Grund waren auch innerfamiliäre Krisen, das ergaben Thillmanns Nachforschungen.
In den 1920er-Jahren investierte der ungarische Kaufmann Leopold Pilzer in Thonet. Ihm gelang es, die finanzielle Schieflage wieder auszugleichen. In Berlin kaufte er sich in Unternehmen ein, die für das neu gegründete Bauhaus produzierten.
Thonet fertigte jetzt auch erste Einrichtungsgegenstände aus Stahlrohr und hob das neuartige Konzept mit Entwürfen aus kaltgebogenem Stahl auf ein neues Level.
Der holländische Architekt Mart Stam gestaltete den sogenannten Freischwinger. Bei der Ausstellung „Die Wohnung“ in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung 1927 wurden Stahlrohrmöbel zum ersten Mal in größerem Umfang öffentlich präsentiert. In den 1930er-Jahren startete auch Thonet die neue Produktionstechnik.
Freischwinger wird zum neuen Kult-Stuhl
Die heutigen Klassiker S 32 und S 64 nach den Entwürfen des Designers Marcel Breuer waren die Verbindung der traditionellen Bugholztechnik und des Werkstoffs Stahl, dem Material des 20. Jahrhunderts. Die Stühle schrieben als Ikonen der Bauhaus-Ära Geschichte.
In den 1930er-Jahren arbeiteten einige berühmte Architekt*innen wie Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier oder Charlotte Pérriand mit Thonet zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Thonet-Werke in Osteuropa enteignet. Der Wiener Stammsitz und die Produktionsstätte in Hessen waren zerstört.
Georg Thonet, der Urenkel von Michael Thonet, baute schließlich das Werk im hessischen Frankenberg neu auf. 1953 gründete er dort die Thonet GmbH. Der wirtschaftliche Erfolg stellte sich schnell wieder ein. In den Folgejahren entstanden durch die Zusammenarbeit mit Größen wie Egon Eiermann oder Pierre Paulin neue Designs, die inzwischen ebenfalls Klassiker geworden sind.
Die millionenfach verkauften Thonet-Möbel werden in Neuauflagen größtenteils bis heute weiter gebaut. Nur die Nummer 14 trägt seit einem „Bequemlichkeitsupdate“ in den 1960er-Jahren die Nummer 214.
Auch im rheinland-pfälzischen Boppard ist das Thonet-Imperium nach wie vor präsent: Das Thonet-Museum in der Kurfürstlichen Burg zeigt Möbel aus gebogenem Holz, vor allem die der „Gebrüder Thonet“. Sammlungsschwerpunkt sind Möbel aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
Die Familie Thonet bleibt bis heute im Unternehmen aktiv, selbst wenn die Mehrheitsanteile im 21. Jahrhundert nicht mehr bei der Familie liegen.