Kanzler, Zeitzeuge, Wegbereiter

Macher der Bundesrepublik: 150 Jahre Konrad Adenauer

Als Gründungskanzler der Bundesrepublik und Architekt der Westbindung steht Konrad Adenauer zu seinem 150. Geburtstag im Fokus der historischen Betrachtung. Historiker Norbert Frei hat eine neue Biografie geschrieben.

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Konrad Adenauer hat die deutsche Geschichte nach 1945 geprägt „wie kein anderer“, erklärt der Historiker Norbert Frei im Gespräch mit SWR Kultur. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland sei eine Schlüsselfigur der demokratischen Neugründung gewesen.

Im Ersten Weltkrieg meistert Adenauer die Notversorgung von Köln

Geboren wird Konrad Adenauer am 5. Januar 1876 in Köln. Nach dem Abitur studiert er ab 1894 Rechtswissenschaften in Freiburg, München und Bonn, ab 1901 praktiziert er in Köln als Rechtsanwalt. Vier Jahre später tritt Adenauer als Mitglied der Zentrumspartei bei.

Als stellvertretender Bürgermeister von Köln ist Adenauer im Ersten Weltkrieg für die Lebensmittelversorgung der Stadtbevölkerung verantwortlich. Er beginnt, selbst Ersatzprodukte zu erfinden, darunter eine von ihm als „Friedenswurst“ bezeichnete Ersatzwurst aus Sojamehl.

Von den Nazis als Oberbürgermeister von Köln abgesetzt

1917 wird Adenauer zum Oberbürgermeister von Köln gewählt, mehrfach ist er auch als Kandidat für das Amt des Reichskanzlers im Gespräch, bleibt allerdings bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten als Stadtoberhaupt im Dienst. Im April 1933 wird er von seinem Amt suspendiert.

Konrad Adenauer, rechts im Bild neben Reichspräsident Paul von Hindenburg (1930)
Konrad Adenauer, im Bild rechts neben Reichspräsident Paul von Hindenburg, wird 1917 Bürgermeister der Stadt Köln. Mit 41 Jahren ist er der jüngste Bürgermeister in der Geschichte der Domstadt. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wird er aus dem Amt entlassen. ZUMA/Keystone

In seiner neuen Biografie legt Norbert Frei den Fokus besonders auf diese Jahre Adenauers im Nationalsozialismus. Er sei ein Mensch gewesen, der das „Dritte Reich in einer inneren Emigration“ erlebt habe, so der Historiker.

„Nachdem er 1933 aus seinem Amt als Kölner Oberbürgermeister gejagt worden war, hat er sich im Grunde genommen zwölf Jahre lang auf mehr oder weniger dramatische Weise von den Nationalsozialisten sekiert und verfolgt gesehen“, erklärt Frei. „Er ist dann ein Jahr fast im Kloster Maria Lach gewesen, er hat sich ganz zurückgezogen auf seine Familie konzentriert.“

Konrad Adenauer – Stationen eines bewegten Lebens

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer kommt am 5. Januar 1876 in Köln als Sohn eines Justizsekretärs auf die Welt. Seine Kindheit ist von Entbehrungen geprägt. Nur durch ausgeprägten Ehrgeiz des Elternhauses wird eine höhere Bildung für den oft kränkelnden Jungen möglich: Adenauer studiert nach seinem Abitur 1894 Rechts- und Staatswissenschaft. Fotograf unbekannt - gemeinfrei Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Ein seltenes Foto aus jungen Tagen: Bevor Konrad Adenauer Politiker wurde, war er unter anderem als Jurist tätig, schlug sich dort aber nur mäßig gut. So wechselte er 1906 in die Kommunalpolitik und arbeitete sich von dort aus nach oben. Fotograf unbekannt, gemeinfrei Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Von 1917 an war Adenauer 16 Jahre lang Oberbürgermeister seiner Geburtsstadt Köln. 1933 setzten ihn die Nazis ab - Adenauer hatte sich zuvor mehrfach von ihrer Ideologie distanziert. Gussie Adenauer Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Auf ein Neues: Am 23. Mai 1949 verkündete Adenauer als Präsident des Parlamentarischen Rates das Grundgesetz der Bundesrepublik. Adenauer zeigte sich der monumentalen Bedeutung dieses Tages bewusst: „Wer die Jahre seit 1933 bewusst erlebt hat, (...) der denkt bewegten Herzens daran, dass heute, mit dem Ablauf dieses Tages, das neue Deutschland entsteht.“ SZ Photo Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Ein historischer Moment: Konrad Adenauer wird im September 1949 als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland vereidigt. Gewählt worden war er durch eine äußerst knappe Mehrheit: 202 der 402 stimmberechtigten Mitglieder des Hauses stimmten für ihn. ZUMA Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Die CDU war seine Partei: Konrad Adenauer als Fraktionsvorsitzender auf dem Gründungsparteitag der Christdemokraten 1950 in Goslar. Damit löste die CDU offiziell ihre Vorgängerpartei CDP (Christlich Demokratische Partei) ab. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Konrad Adenauer traf in seinen Amtsjahren auf große Persönlichkeiten - wie hier 1958 bei einem Bankett mit der damals erst 31-jährigen Königin Elisabeth II. ZUMA Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Nach jahrhundertelanger Fehde legte Konrad Adenauer den Grundstein für die heutige deutsch-französische Freundschaft. Hier mit dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle bei der Unterzeichnung des Elysee-Vertrags 1963. ZUMA Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Eine gute Beziehung zu den westlichen Staaten, allen voran den USA, war Adenauer wichtig. Dieses Bild zeigt ihn und Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Westberlin, mit US-Präsident John F. Kennedy bei dessen Besuch in Berlin im Sommer 1963. United Archives International Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Da nannte man ihn schon lange „den Alten": 1966 porträtierte der Künstler Oskar Kokoschka den Ex-Kanzler Adenauer - nur rund ein Jahr vor dessen Tod. Für Kokoschka ein eindrucksvolles Erlebnis: „Das Licht der Morgensonne fiel in sein offenes Gesicht mit den tief eingegrabenen Furchen und in die Augen, die forschend schauten auf das, was ringsum geschah." Sven Simon Bild in Detailansicht öffnen
Konrad Adenauer
Es war das Ende einer Ära: 1967 verstarb Konrad Adenauer nur vier Jahre nach seinem Rücktritt als deutscher Bundeskanzler. Bis zuletzt hatte er sich politisch engagiert, etwa für die deutsch-israelischen Beziehungen. Adenauer wurde 91 Jahre alt. ZUMA Bild in Detailansicht öffnen

Kein Widerstandskämpfer, dennoch von der Gestapo verhaftet

Auch wenn Adenauer ein klarer Gegner der Nationalsozialisten gewesen sei, wollte er nichts mit den Widerstandskreisen zu tun haben, sagt der Historiker, um sein Leben und das seiner Familie nicht zu gefährden. Dennoch werden Adenauer und seine Frau 1944 im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli von der Gestapo verhaftet.

Die Tatsache, dass er selbst Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurde, habe Adenauer nach 1945 allerdings nie politisch ausgeschlachtet, so Frei. „Er wusste sehr genau, dass die übergroße Mehrheit der Deutschen, die bis eben noch Hitler zugejubelt hatten, nicht so gerne hören wollten, dass es andere gab, die das nicht getan haben.“

Konrad Adenauer
Als erster deutscher Bundeskanzler erwarteten Adenauer nach dem Zerfall des Nazi-Regimes große Herausforderungen. Eine davon war das Wiederherstellen einer guten Beziehung zu Israel - etwa durch das Luxemburger Abkommen von 1952, auch Wiedergutmachungsabkommen genannt. Hier bei einem Pressetermin mit Israels Ministerpräsident Ben-Gurion. Sven Simon

Adenauer prägt die politische und gesellschaftliche Ausrichtung der jungen BRD

Nach Kriegsende wird Adenauer von der US-Besatzung erneut als Kölns Oberbürgermeister eingesetzt. Er engagiert sich als eines der Gründungsmitglieder der CDU im Rheinland und wird 1946 Fraktionsführer der jungen Partei im ersten Landtag von Nordrhein-Westfalen.

Als Präsident des Parlamentarischen Rates ist er 1948/49 maßgeblich an der Gestaltung des deutschen Grundgesetzes beteiligt. 1949 wird er zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er ist maßgeblich an der Entscheidung beteiligt, Bonn zur vorübergehenden Hauptstadt zu machen.

Adenauer prägte die Politik der jungen BRD maßgeblich Die Westbindung, Adenauers unbeirrter Weg Richtung Westen, sei gesellschaftlich in der frühen Bundesrepublik umstritten gewesen, so Frei. Ebenso die Remilitarisierung Deutschlands, die Adenauer vorantrieb und der Versuch der sogenannten Wiedergutmachung gegenüber Israel.

„Da musste er ja sogar, gegen einen Teil seiner eigenen Regierung, die sozialdemokratische Opposition bemühen, um den sogenannten Israel-Vertrag durch den Bundestag zu bekommen 1953“, erklärt der Historiker und Adenauer-Biograf.

Adenauers Politik erhält neue politische Aktualität

1963 tritt der 88-jährige Adenauer als Bundeskanzler zurück. Am 19. April 1967 stibt er in seinem Haus in Rhöndorf bei Bonn. Gerade angesichts heutiger Krisen der westlichen Ordnung gewinne Adenauers Politik neue Aktualität, findet Historiker Norbert Frei:

„Wir sehen jetzt, nach fast acht Jahrzehnten, dass dieser Weg der konsequenten Westbindung der Bundesrepublik durch die äußeren Entwicklungen an ein Ende zu geraten scheint“, resümiert Frei. Es lenke auch nochmal das Interesse darauf, wie diese politische Realität damals unter Adenauer gestaltet worden sei.

Porträt zum 150. Geburtstag Konrad Adenauer – Der erste Bundeskanzler und seine Bedeutung heute

Am 5. Januar 1876, vor 150 Jahren, wurde Konrad Adenauer geboren. Er gab der Bundesrepublik nach Krieg und NS-Zeit Orientierung: West-Bindung, Aussöhnung mit Frankreich und Israel.

Das Wissen SWR Kultur

Forum Kanzler mit Kompass – Was lehrt uns Adenauer heute?

Konrad Adenauer wurde im Kaiserreich geboren, er erlebte die Weimarer Republik, wurde von den Nazis verfolgt und nach dem Krieg für vierzehn Jahre Bundeskanzler. Wie hat er Deutschland geprägt? Können wir in heutigen Krisenzeiten etwas von ihm lernen?

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Unsere Nationalhymne mit dem Text von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ist toxisch, zumindest in Teilen. Auch deshalb hat man sich nach dem Krieg Gedanken gemacht über eine andere Nationalhymne.

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Zeitwort 21.03.1966: Konrad Adenauer tritt als CDU-Vorsitzender zurück

Als Konrad Adenauer vom Amt des Bundeskanzlers zurücktrat, war er 87 Jahre alt. Vorsitzender der CDU sollte er trotzdem noch eine ganze Weile bleiben.

SWR2 Zeitwort SWR2

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Kerstin Bachtler
Interview mit
Norbert Frei