Konrad Adenauer hat die deutsche Geschichte nach 1945 geprägt „wie kein anderer“, erklärt der Historiker Norbert Frei im Gespräch mit SWR Kultur. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland sei eine Schlüsselfigur der demokratischen Neugründung gewesen.
Im Ersten Weltkrieg meistert Adenauer die Notversorgung von Köln
Geboren wird Konrad Adenauer am 5. Januar 1876 in Köln. Nach dem Abitur studiert er ab 1894 Rechtswissenschaften in Freiburg, München und Bonn, ab 1901 praktiziert er in Köln als Rechtsanwalt. Vier Jahre später tritt Adenauer als Mitglied der Zentrumspartei bei.
Zeitwort 26.06.1918: Konrad Adenauer erfindet die Soja-Wurst
Der Kölner Oberbürgermeister Adenauer war für die Versorgung der Bevölkerung zuständig. Die Sojawurst, auch Friedenswurst genannt, sollte die Fleischknappheit lindern.
Als stellvertretender Bürgermeister von Köln ist Adenauer im Ersten Weltkrieg für die Lebensmittelversorgung der Stadtbevölkerung verantwortlich. Er beginnt, selbst Ersatzprodukte zu erfinden, darunter eine von ihm als „Friedenswurst“ bezeichnete Ersatzwurst aus Sojamehl.
Von den Nazis als Oberbürgermeister von Köln abgesetzt
1917 wird Adenauer zum Oberbürgermeister von Köln gewählt, mehrfach ist er auch als Kandidat für das Amt des Reichskanzlers im Gespräch, bleibt allerdings bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten als Stadtoberhaupt im Dienst. Im April 1933 wird er von seinem Amt suspendiert.
In seiner neuen Biografie legt Norbert Frei den Fokus besonders auf diese Jahre Adenauers im Nationalsozialismus. Er sei ein Mensch gewesen, der das „Dritte Reich in einer inneren Emigration“ erlebt habe, so der Historiker.
„Nachdem er 1933 aus seinem Amt als Kölner Oberbürgermeister gejagt worden war, hat er sich im Grunde genommen zwölf Jahre lang auf mehr oder weniger dramatische Weise von den Nationalsozialisten sekiert und verfolgt gesehen“, erklärt Frei. „Er ist dann ein Jahr fast im Kloster Maria Lach gewesen, er hat sich ganz zurückgezogen auf seine Familie konzentriert.“
Konrad Adenauer – Stationen eines bewegten Lebens
Kein Widerstandskämpfer, dennoch von der Gestapo verhaftet
Auch wenn Adenauer ein klarer Gegner der Nationalsozialisten gewesen sei, wollte er nichts mit den Widerstandskreisen zu tun haben, sagt der Historiker, um sein Leben und das seiner Familie nicht zu gefährden. Dennoch werden Adenauer und seine Frau 1944 im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli von der Gestapo verhaftet.
Die Tatsache, dass er selbst Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurde, habe Adenauer nach 1945 allerdings nie politisch ausgeschlachtet, so Frei. „Er wusste sehr genau, dass die übergroße Mehrheit der Deutschen, die bis eben noch Hitler zugejubelt hatten, nicht so gerne hören wollten, dass es andere gab, die das nicht getan haben.“
Adenauer prägt die politische und gesellschaftliche Ausrichtung der jungen BRD
Nach Kriegsende wird Adenauer von der US-Besatzung erneut als Kölns Oberbürgermeister eingesetzt. Er engagiert sich als eines der Gründungsmitglieder der CDU im Rheinland und wird 1946 Fraktionsführer der jungen Partei im ersten Landtag von Nordrhein-Westfalen.
Als Präsident des Parlamentarischen Rates ist er 1948/49 maßgeblich an der Gestaltung des deutschen Grundgesetzes beteiligt. 1949 wird er zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er ist maßgeblich an der Entscheidung beteiligt, Bonn zur vorübergehenden Hauptstadt zu machen.
Adenauer prägte die Politik der jungen BRD maßgeblich Die Westbindung, Adenauers unbeirrter Weg Richtung Westen, sei gesellschaftlich in der frühen Bundesrepublik umstritten gewesen, so Frei. Ebenso die Remilitarisierung Deutschlands, die Adenauer vorantrieb und der Versuch der sogenannten Wiedergutmachung gegenüber Israel.
„Da musste er ja sogar, gegen einen Teil seiner eigenen Regierung, die sozialdemokratische Opposition bemühen, um den sogenannten Israel-Vertrag durch den Bundestag zu bekommen 1953“, erklärt der Historiker und Adenauer-Biograf.
Adenauers Politik erhält neue politische Aktualität
1963 tritt der 88-jährige Adenauer als Bundeskanzler zurück. Am 19. April 1967 stibt er in seinem Haus in Rhöndorf bei Bonn. Gerade angesichts heutiger Krisen der westlichen Ordnung gewinne Adenauers Politik neue Aktualität, findet Historiker Norbert Frei:
„Wir sehen jetzt, nach fast acht Jahrzehnten, dass dieser Weg der konsequenten Westbindung der Bundesrepublik durch die äußeren Entwicklungen an ein Ende zu geraten scheint“, resümiert Frei. Es lenke auch nochmal das Interesse darauf, wie diese politische Realität damals unter Adenauer gestaltet worden sei.
150 Jahre Konrad Adenauer
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