In ihrem neuen Roman „Die Lücken“, der Anfang September erscheint, erzählt die Schrifstellerin Shida Bazyar vom Schicksal jüdischer Familien in dem fiktiven Ort Heimesbach. Das Vorbild dafür ist ihr Heimatort Hermeskeil im Landkreis Trier-Saarburg, den die Nationalsozialisten zum „Gaumusterdorf“ machten. Also einem Ort, der propagandistisch als vermeintlich ideal und vorbildlich im Sinne der NS-Ideologie inszeniert wurde.
Shida Bazyars Auseinandersetzung mit Hermeskeil
Bazyar wurde 1988 im Hermeskeil geboren und lebt heute in Berlin. Zum ersten Mal habe sie sich 2018 intensiver mit der NS-Vergangenheit ihrer rheinland-pfälzischen Heimat auseinandergesetzt, erzählt die Autorin im Gespräch mit SWR Kultur. „Das hat viel in mir ausgelöst“, sagt sie. Vor allem eine Frage habe sie damals nicht losgelassen: Wie konnte es so weit kommen, dass Menschen ihre eigenen Nachbarinnen und Nachbarn verraten und verfolgen?
Bazyar schloss sich in Hermeskeil der „Projektgruppe Gaumusterdorf“ an, die die NS-Vergangenheit des Ortes erforscht und aufarbeitet. Die Gruppe entwickelte unter anderem einen Stadtrundgang, der heute an die NS-Zeit und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in Hermeskeil erinnert.
Antifaschismus als Grundlage
Das literarisches Schreiben auf der einen, Engagement in ihrem Heimatort auf der anderen Seite – für Bazyar sind das keine getrennten Bereiche. „Das, was bei mir am lautesten ist, das ist meine Haltung. Eine dezidiert antifaschistische Haltung“, sagt die Autorin.
Nur Zuspruch dürfe man dafür nicht erwarten, so die Schriftstellerin. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei nicht bequem. „Über die NS-Zeit zu schreiben und im Dreck zu wühlen, damit macht man sich nach wie vor unbeliebt.“
Bei ihren Recherchen stieß die Schriftstellerin unter anderem auf Briefe eines verfolgten jüdischen Ehepaares aus Hermeskeil. Frieda und Otto Ackermann aus dem Ort schrieben ihrer Tochter Cäcilie aus der Zeit ihrer Verfolgung. Die Briefe werden im Ort präsentiert und sollen im Frühjahr 2027 Teil einer größeren Ausstellung werden.
Stolpersteine in Hermeskeil verlegt
Und auch zwei Stolpersteine hat Hermeskeil nun bekommen. Sie erinnern an die jüdischen Familien Samuel und Ackermann und wurden am Mittwoch vom Künstler Gunter Demnig verlegt.
Damit wächst in Rheinland-Pfalz ein Erinnerungsprojekt weiter, das 1992 mit dem ersten Stolperstein in Köln begann. Inzwischen erinnern mehr als 100.000 Stolpersteine in Europa an Menschen, die unter dem Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.