Die Vergangenheit mitdenken

Shida Bazyar und ihr Roman „Die Lücken“

Das Schweigen und das Vergessen hinterlassen Lücken in der Geschichte eines Ortes. Shida Bazyar füllt diese mit Erzählungen von Nachbarn, Freundinnen, Kollegen, Familie, Alteingesessenen und Neuankömmlingen. Ein Panorama der letzten hundert Jahre in all seinen Facetten.

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Stand

Von Autor/in Leonie Berger

Ein ganz besonderer Roman

„Die Lücken“ ist ein ganz besonderer Roman, das wird schon in den ersten Sätzen klar:

Wenn wir es gewusst hätten, was hätte es geändert? Hätte unsere Mutter die Fenster geöffnet und der Sonne misstraut? Unser Vater aufgehört, den alten Nachbarn zu grüßen?

Diese unbequemen Fragen zeigen: Hier wird etwas verschwiegen, und diejenige, die das aufdecken will, ist ein Geist. Und sie spricht zu ihrer Schwester. Nach ihrem Tod ist sie nicht etwa im Paradies gelandet, sondern in Heimesbach im Hunsrück, und sie ist sich nicht sicher, ob das vielleicht die Hölle ist.

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Ein Geist als Erzählerin

Die Erzählerin wird in der Zeit hin und hergeworfen, wird zur Zeitzeugin unterschiedlicher Szenen der letzten hundert Jahre und berichtet ihrer Schwester Lu davon, die Heimesbach natürlich ebenso kennt wie sie.

Wir erfahren, dass sie nur drei Jahre dort verbracht haben. Glückliche Kinder sind sie dort gewesen, dorthin geflüchtet, aber wieder gegangen, bevor man sie wegschicken konnte.

Autorin Shida Bazyar war es wichtig, als Autorin selbst nicht aufzutauchen und dabei eine Erzählinstanz zu haben, die das Geschehen kommentieren kann.

Auch die Abgründe, in die sie blickt. Zudem könne der Geist ganz viel, erzählt Shida Bazyar: Die Perspektiven wechseln, viel mehr sehen als alle anderen und durch die Zeiten springen. Dabei sei der Geist aber keine allwissende Erzählerin, sondern bekäme nur das mit, was wir als Lesende auch erfahren.

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Shida Bazyar unter der Kastanie, die in Erinnerung an die Familie Heimann gepflanzt wurde. SWR

Dieser Erzählgeist war eine großartige Idee der Autorin, die im Buch perfekt funktioniert: Häufig nimmt sie sich zurück, erzählt, was sie sieht, ordnet aber gleichzeitig ein. Sie macht ihre Schwester Lu und uns mit vielen Bewohnerinnen und Bewohnern Heimesbachs bekannt, beginnend in den 1920er Jahren, bis in die Gegenwart.

Ein Dorf, ein Jahrhundert, viele Menschen

Wie viele besondere Bücher so erfordert auch dieses Geduld:

Es dauert eine Weile, bis man wiederkehrende Personen erkennt, auch weil sie vielleicht inzwischen gealtert sind, bis man versteht, wer mit wem verwandt oder befreundet ist. Oder befreundet war, aber diese Freunde an die Ideologie verrät.

So wie Lore, die ihre nationalsozialistische Gesinnung bis ins hohe Alter nicht wird ablegen können. Von ihrer einst besten Freundin Johanna, die jüdischen Glaubens ist, wird sie sich abwenden. Johanna wird zu lange in Heimesbach bleiben.

Shida Bazyar zu Besuch im Mainzer Hörfunkstudio
Shida Bazyar im Studio von SWR Kultur.

Jahre später versucht Petra, eine Lehrerin, das Schweigen zu durchbrechen. Das wird ihr nicht gelingen, aber sie ist eine echte Freundin, auch für die, die neu sind im Ort.

Shida Bazyar hat sich beim Schreiben und der Ausgestaltung der Figuren und Szenen ganz auf ihre Intuition verlassen. Zuerst hatte sie gar nicht geplant, zwei geflüchtete Familien aus Iran vorkommen zu lassen. Nach jahrelangem Erzählen gerate man in ein Quotendenken: Eine Familie reicht, um das zu repräsentieren.

Doch dann habe sie beim Schreiben gemerkt, dass sie noch eine Familie in der Hinterhand habe, die andere Perspektiven auf diesen Ort habe und andere Schwierigkeiten. Nun sei sie froh, dass sie auch ihnen Raum gegeben habe, ohne darüber nachzudenken, wie viel Text entstehen würde.

Alle Facetten der Geschichte eines Dorfes

Gut fünfhundert Seiten sind es geworden und man möchte keine davon missen – und sogar nach dem ersten Lesen wieder zurückblättern, um Zusammenhängen und Hinweisen nachzugehen, die beim ersten Mal gar nicht zu fassen sind. So vielschichtig, so reich ist dieses Buch geworden.

Shida Bazyar hat sehr schmerzhafte Szenen geschrieben, Szenen von Diskriminierung, unmenschlicher Strenge, Verbohrtheit, und Fremdsein. Gleichzeitig aber gibt es zarte Szenen sanfter Annäherung, die von offener Neugier erzählen, von Freundschaft und Zugehörigkeit.

Alles ist da, alles gehört in diese Geschichte von Heimesbach, das, wie es heißt „so vielen anderen Orten gleicht und doch nur dieser eine ist“.

Das Gaumusterdorf als Anstoß für den Roman

Den Anstoß für ihren Roman hat Shida Bazyar durch das Buch „Juden im Gaumusterdorf – Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil“ von Heinz Ganz-Ohlig bekommen. Von dessen akribischer Recherche konnte die Autorin profitieren, mit „Die Lücken“ fügt sie die emotionale, die menschliche Dimension hinzu.

Die Bahnhofstraße von Hermeskeil 1920
Die Bahnhofstraße von Hermeskeil 1920. Auf der linken Seite ist ein Laden der jüdischen Familie Heimann zu sehen, auf deren Grundstück später gegen ihren Willen die Hermeskeiler Volksschule errichtet wurde. Fotoarchiv Karl-Heinz Kaub

Shida Bazyars Einfühlungsvermögen ist bemerkenswert, die Nähe zu Heimesbach, zu den Figuren ist immer spürbar und überträgt sich auf die Leserinnen und Leser. Selbst wenn ihr Erzählgeist über das Geschehen traurig oder empört ist, erhebt er keinen durchsichtigen Zeigefinger, verurteilt nicht, sondern sagt, was ist.

Wie etwa, als die jüdischen Jungen Emil Ackermann und Heinz Kahn der Schule verwiesen wurden, noch bevor die antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten es verlangten:

„Vorher fragte der Lehrer die Klasse noch, welche Note man Heinz Kahn zum Abschluss geben solle, die Kinder sagten: Eine Eins. Er war ein guter Schüler, jeder wusste das. Der Lehrer gab ihm eine Drei.

Warum hat er überhaupt gefragt? Frag‘ nicht nach einem Warum. Weil er es wollte. Die Höhere Schule also unterrichtete keine jüdischen Schüler mehr, während man die Volksschule auf dem Acker der Familie Heimann baute."

„Wir profitieren alle davon, dass Juden und Jüdinnen ermordet wurden“

Die Volksschule ist ein Beispiel, das Shida Bazyar von Hermeskeil direkt auf Heimesbach übertragen hat. Die Familie wollte ihr Land nicht hergeben, wurde aber vom ganzen Dorf drangsaliert - die Schule wurde schließlich gebaut. Noch heute ist dies die Schule von Hermeskeil, die auch Shida Bazyar als Kind besucht hat.

Shida_Bayzar
Shida_Bayzar SWR

Das Fazit der Autorin: „Wir profitieren alle nach wie vor davon, dass Juden und Jüdinnen und andere Opfergruppen auch, vertrieben, ermordet wurden, beraubt wurden. Also wenn ich davon reden würde, irgendwem Verantwortung zu geben, dann würde ich sagen: Allen.“

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Ein neuer Blick auf ihren Heimatort

Wenn Shida Bazyar heute in Hermeskeil ist, sieht sie die Lücken der bislang nicht erzählten Schicksale. Sie denkt die Vergangenheit immer mit.

Ihr Roman „Die Lücken“ ist kein historischer Roman, sondern ein sprachlich brillant geknüpftes Netz aus Vergangenheit und Gegenwart, das zeigt, aus wie vielen Facetten die Geschichte eines Ortes besteht.

Schreckliches und Schönes liegen nebeneinander, Menschen werden vertrieben und finden ein Zuhause.

„Die Lücken“ hält die Erinnerung wach, ein hochaktuelles und zugleich zeitloses Buch, das wir genau jetzt brauchen und immer brauchen werden.

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