Dauerhören als Alltagspraxis
Die Radionachrichten beim Zähneputzen, eine Reportage beim Autofahren, das Hörbuch zum Spazierengehen, der Podcast beim Sport, und Ambiencemusik zum Einschlafen: Audio-Apps und ihre Formate begleiten uns mittlerweile ununterbrochen durch den Alltag.
Das Haus ohne Kopfhörer verlassen oder den Haushalt ohne Stöpsel im Ohr bewältigen? Für viele grenzt das an fahrlässige Zeitverschwendung. Schließlich kann man so all die unnützen, aber notwendigen Stunden mit einem sonst nicht erfüllten Lesepensum anreichern.
Dauerbeschallung in allen Lebensbereichen
Dass Hörformate omnipräsent sind, ist keine neue Entwicklung: Seit Smartphones uns täglich begleiten, Kopfhörer ihre Kabel verloren haben, und aus dem 2G-Netz LTE wurde, ist es leichter denn je geworden, überall digitales Radio zu empfangen und über entsprechende Apps auf unzählige Hörformate zuzugreifen.
Doch der Trend zur Dauerbeschallung in jedem Lebensbereich ist zuletzt stark angestiegen. Laut dem Branchendienst “Media Perspektiven” nutzen mehr als 94 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren regelmäßig Audioangebote.
Mehr als drei Viertel hören täglich Radio oder andere Audioangebote. Unter der Woche verbringen Menschen durchschnittlich über vier Stunden pro Tag damit.
Audiotheken, Apps, Plattformen: Ein heiß umkämpfter Markt
Die Öffentlich-Rechtlichen reagierten auf die technischen Neuerungen unter anderem, indem die ARD 2017 ihre Inhalte auf einer zentralen Audiothek bündelte. Im selben Jahr kam der Hörbuchanbieter Bookbeat in Deutschland auf den Markt, der der Amazon-Tochter Audible Konkurrenz machen sollte.
Auch der Musikstreamingdienst Spotify erweiterte sein Geschäft 2018 um Podcasts. Dieses Jahr stellte das schwedische Unternehmen sein neues Hörbuch-Abomodell vor, um den lukrativen Markt für sich zu erschließen.
Gerade hierzulande stellt sich der Markt dabei als ertragreich dar: Das Hörspiel als Kunstform hat eine spezielle Tradition, auch Podcasts konnten sich hier schnell etablieren. Nach den Vereinigten Staaten soll Deutschland der wichtigste Podcastmarkt für Spotify sein.
Pandemie und Medienwandel
Die Pandemie beförderte das intensive Hörverhalten zudem. Kollektiv sah man sich auf einmal dazu angehalten, Zeit allein zu verbringen und sie neu zu füllen. Zwischen Computerbildmonitor, Handy-Screen und Fernsehen wurden nicht-visuelle Formate dabei zu einer willkommenen Reduzierung für eine exorbitante Bildschirmzeit.
Dass der Podcast- und Hörbuchmarkt so rasant ansteigt, liegt aber auch an einer medialen Verschiebung: Buchverkäufe sind in den letzten zehn Jahren fast um ein Drittel zurückgegangen, Zeitungsverkäufe haben sich fast halbiert (und werden auch durch E-Papers nicht aufgefangen), die Lesefähigkeit nimmt insgesamt stark ab.
Wie der Bochumer Medienwissenschaftler Christoph Engemann in seinem Essay „Die Zukunft des Lesens” beschreibt, handle es sich um eine Medienrevolution: Wissen werde nicht mehr über Bücher und Texte vermittelt und verhandelt, sondern über Hörformate.
Studierende holten ihr Wissen nun aus Podcasts, hält Christoph Engemann fest: „Dort, wo öffentlich räsoniert, gestritten oder Wissen vermittelt wird, regiert mehr und mehr das gesprochene Wort.“
Podcast- und Hörbuchboom in Zahlen
Entsprechend boomt der Podcast- und Hörbuchmarkt. Beliebt sind laut dem „Online-Audio-Monitor 2025” dabei vor allem Unterhaltungs-Podcasts, gefolgt von Wissensformaten, Nachrichten und True Crime. Politik und Gesellschaft seien die meistgehörten Podcast-Themen – acht von zehn Hörenden nutzen Podcasts als Quelle zum aktuellen Geschehen.
Und auch der „Hörbuchkompass 2025“ von Audible in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Verian zeigt: Das neunte Jahr in Folge ist der Hörbuchmarkt gestiegen. 49 Prozent der Deutschen im Alter von 18 bis 65 Jahren hörten 2025 regelmäßig Hörbücher, Hörspiele oder Podcasts (mindestens einmal im Monat).
Ob zu Hause oder unterwegs: Ein Großteil hört Formate über längere Zeiträume, mehr als jeder Fünfte in Deutschland hört in mehreren langen Sequenzen.
Spotify: Jeden Moment begleiten
Spotify setzt dabei auf Dauerberieselung seiner Nutzer: „Wir wollen wirklich jeden Moment deines Lebens musikalisch begleiten“, sagte Spotify-Chef Daniel Ek 2016. Spotify leitete daraus seinen neuen Verkaufskern ab: Die größte Konkurrenz sei nicht Apple oder Amazon – sondern Stille, soll Ek intern verlauten haben lassen.
Wie die amerikanische Musikjournalistin Liz Pelley für ihr Buch „The Mood Machine“ investigativ recherchierte, setzt Spotify gezielt auf Hintergrundmusik mit niedrigen Lizenzgebühren von sogenannten Geistermusikern (die hunderte Künstlerprofile bespielen). Playlisten werden mit sogenanntem „Perfect Fit Content” befüllt, die potenziell zu jeder Lebenslage passen sollen.
Dass Spotify nun auf Hörbücher setzt, ist Teil einer größeren Strategie: Das Unternehmen plant laut Recherchen des „Wall Street Journal”, sich von einem Musikstreamingdienst zu einem übergreifenden Audio-Unternehmen umzubauen. 2023 hat Spotify dafür den Hörbuchvertrieb Findaway übernommen.
Premiumabos und Hörbücher sollen dabei helfen, das Unternehmen profitabel zu halten. Tatsächlich erzielte Spotify wegen wenig ertragreicher Margen und hoher Investitionen im Musik-und Podcastgeschäft erst 2024 sein erstes volles Betriebsjahr mit operativem Gewinn.
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Audible: Bücher hörbar machen
Während Spotify versucht, ein Monopol zwischen Musik und Hörbüchern zu errichten, versucht Audible, den Markt zwischen Hörformaten und Büchern zu dominieren. Der amerikanische Audioanbieter ist weltweit der größte Produzent und Verkäufer von Hörbüchern und Audioinhalten, unter anderem auch von Zeitungen und Zeitschriften.
Im Mai 2025 beanstandete Audible, dass nur ein Bruchteil der Millionen veröffentlichten Bücher als Hörbuch verfügbar seien. Das Unternehmen will vorhandenes Buchmaterial nun durch „AI Narration Solutions“ nutzen: Dabei soll eine KI den gesamten Hörbuchproduktionsprozess übernehmen. Verlage dürfen die Technologie eigenständig nutzen, um ihre Bücher in Audioformate zu transformieren.
Das Ziel ist es, Audio zugleich mit dem Buch herauszubringen. Da der Mutterkonzern Amazon Audible mit der Ebook-Bibliothek Kindle verknüpft hat, würde sich der Katalog rasant erweitern. Premiumnutzer würden zusammen mit den Prime-Video-Angeboten Filme, Serien, Bücher und Hörbücher über Amazon konsumieren.
Eine aktuelle Audible-Kampagne, für die berühmte Kinoschauspieler Literaturklassiker einsprechen, spricht für diese intermediale Strategie.
Unterhaltungsimperativ des Kopfhörerzeitalters
Dass Plattformen über die Audiokultur ihre Konglomerate zu etablieren suchen, zeigt, wie zentral das Hören im Medienkonsum geworden ist.
Das Audio sei damit „die mobile Verwandlungs- und Homogenisierungsmaschine unserer Tage”, schrieb die F.A.Z., die unter „einem allumfassenden Unterhaltungsimperativ” stehe. Es laufe darauf hinaus, dass alle Medien in allen Sprachen „im Hörmedium ausdrückbar sind und in ‘content’ umgesetzt werden können”.
Der Bedarf nach Wissenspodcasts, Hörbüchern und Hintergrundmusik wird im Kopfhörer-Zeitalter erst einmal nicht verschwinden. Vielleicht eröffnet sich dadurch aber ab und an doch eine Pause vom ständigen Lauschen: Laut dem Hörbuchkompass gaben 70 Prozent der Befragten an, durch das Hören auch wieder mehr zu lesen.