Das laute Vorlesen, schrieb die Literaturkritikerin Iris Radisch unlängst in der ZEIT, sei der „Prachtboulevard, auf dem ein Kind in ein reiches Leseleben einreitet“. Na, Donnerwetter! Solche Sätze muss man wahrscheinlich als Symptom verstehen.
Wer zu derart barocken Metaphern greift, der weiß, dass er oder sie alles aufbieten muss, um zu retten, was kaum mehr zu retten ist: das Lesen.
Alle reden über die Krise des Lesens
„Lesekrise“ ist ein Stichwort, das im Kulturteil derzeit Konjunktur feiert. Und das ist auch kein Wunder. Schließlich ist das Feuilleton in besonderem Maß auf diese Kulturtechnik angewiesen.
Dass es also „besonders feinfühlig und eifersüchtig“ auf solche Veränderungen reagiere, sei nicht überraschend, schreibt Christoph Engemann in seinem neuen Essay „Die Zukunft des Lesens“ (Matthes & Seitz Berlin). Dennoch hält er fest: Die Klage darüber, dass immer weniger gelesen wird, ist definitiv mehr als kulturkritische Folklore.
Fest steht: Die Lesefähigkeit nimmt ab
Die Buchverkäufe sind in den zehn Jahren fast um ein Drittel zurückgegangen. Und auch die Lesefähigkeit nimmt ab. Jeder fünfte Deutsche scheitert laut aktuellen Studien an längeren Texten. Sogar die Unis sind von dieser Entwicklung betroffen.
80 Prozent seiner Studierenden hätten „massive Probleme, sich mittelschwere Texte zu erarbeiten“, sagt zum Beispiel der Oldenburger Althistoriker Michael Sommer. Und Engemann beobachtet ähnliches. Auch das Leseverhalten seiner Studierenden ändere sich, sagt er im Interview. „Die holen sich ihr Wissen tatsächlich weniger aus Büchern als aus Podcasts.“
Bedeutungsverlust des Bücherregals
Es ist nicht weniger als eine Medienrevolution, die der Bochumer Medienwissenschaftler in seinem Essay beschreibt. Jahrhundertelang waren Texte und Bücher der zentrale Schauplatz, an dem Wissen verhandelt, vermittelt, weitergegeben wurde. Wissen war Macht. Und Lesen der Schlüssel dazu. Man könnte auch sagen: Man las sich nach oben. Und das Bücherregal war Zeuge, Beweis der eigenen Emanzipation. Das scheint vorbei zu sein.
Vor kurzem hat der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler (Selbstbezeichnung „Buchnostalgiker“) dem Bedeutungsverlust von Hausbibliotheken hinterhergetrauert. Und gemutmaßt, dass dahinter mehr steckt, als nur eine Lesekrise. „Bildung, Wissen, Intellektualität, Diskurs“, all das stehe jetzt auf dem Spiel, so Baßler. Genau diesen Kulturpessimismus versagt sich Christoph Engemann. Und genau das macht seinen Essay so lesenswert.
Das Hören löst das Lesen ab
Den „intellektuellen Hunger“ will er seinen Studierenden nämlich nicht absprechen. Nur werde der eben nicht mehr durch Lektüre gestillt, und auch nicht im Seminarraum, sondern auf digitalen Plattformen wie Spotify, Youtube und Co. In seinen Worten: „Dort, wo öffentlich räsoniert, gestritten oder Wissen vermittelt wird, regiert mehr und mehr das gesprochene Wort.“
Podcasts und Videos, generell mündliche Formate, seien eine „ungeheure intellektuelle Ressource geworden“, sagt Engemann. „Man kann sich dort jedes beliebige Thema, ob das Quantenphysik ist, Max Webers Bürokratietheorie, Freud’sche Triebtheorie, in beliebiger Auflösung und Komplexität aneignen.“
Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass es eher nicht die Einführungen in Max Webers Bürokratietheorie sind, die auf YouTube ein Millionenpublikum finden, und eher schon die Vorträge eines Mannes wie Jordan Peterson, rechter Influencer und Vordenker der sogenannten Manosphere.
Dass Engemann in dem Zusammenhang auch von einer „virtuellen Universität“ spricht, scheint da, um es vorsichtig auszudrücken, ein wenig hochgegriffen. Ein Laberpodcast ist kein Uniseminar. Von Petersons frauenfeindlichen Vorträgen gar nicht zu reden.
Die Vorlesung ist zurück!
Aber wie gesagt: Kulturkritik ist nicht Engemanns Sache. Ihm geht es nicht in erster Linie darum, diesen Medienwandel zu bewerten, viel mehr interessieren ihn die erstaunlichen Kontinuitäten, die sich zwischen Seminarraum und Digitalplattform beobachten lassen.
Der Clou seines Essays ist der Hinweis darauf, dass es sich bei den vielen (Erklär-)Podcasts und Videos sämtlich um digitale Wiederaufführungen eines ganz klassischen akademischen Formats handelt: der Vorlesung. Was in der Hochschuldidaktik mittlerweile als völlig überkommene Form der Wissensvermittlung verschrien ist, feiert auf Spotify ein erstaunliches Revival.
Entstanden sei die Vorlesung eigentlich in bücherknappen Zeiten, so Engemann, Die Studierenden hatten schlicht keine Texte zur Verfügung, der Professor musste ihnen also im Wortsinn „vorlesen“ – die simple Lösung für den literarischen Ressourcenmangel.
Von dem kann heute natürlich keine Rede sein. Im Gegenteil: Der Krise des Lesens zum Trotz – nie in der Geschichte sind mehr Bücher erschienen als heute. Und noch nie standen sie uns so schrankenlos zur Verfügung. Das Problem unserer Tage lautet also nicht Knappheit, sondern Überfluss, ja, Überforderung.
Die digitalen Vorlesungsformate versprechen hier Abhilfe. Sie bieten Orientierung und Arbeitserleichterung, ja, sie machen es möglich, dass wir die mühsame Lektüre „delegieren“.
Wenn nur wenige lesen, wird Lesen dann wieder attraktiv?
An dieser Stelle mögen in der ein oder anderen Leserin von Engemanns Essay dann doch kulturpessimistische Gefühle hochsteigen. Denn was passiert, wenn Bücher zu einer Angelegenheit der anderen werden? Wenn wir das Lesen externalisieren und es entweder der KI oder einer neuen „schrumpfenden und zunehmend professionalisierten Klasse von Textarbeiter:innen“ überlassen?
Wären beide Seiten noch Teil desselben Diskurses? Kann eine Hörerin mit einer Leserin mithalten? Oder wird der Wissenserwerb und -transfer in Zukunft noch stärker die Sache eine lesenden Elite?
Nun, vielleicht könnte für den einen oder anderen zumindest das ein Anreiz sein, mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen. Auch die Tech-Milliardäre im Sillicon Valley seien schließlich Leser, betont Engemann. Als Macht- und Emanzipationsmittel könnte diese Kulturtechnik also gerade im Moment ihrer Gefährdung wieder relevanter werden.
„Heute ist ein durchtrainierter Körper ein Statussymbol“, hat der Kollege Philipp Bovermann vor kurzem in der Süddeutschen geschrieben. „Morgen ein durchtrainierter Geist, gestählt an echten, gedruckten Büchern?“ Man kann diese Frage offenlassen. Immerhin.