Glosse

Diktatur der Lerchen: Leben nach dem Takt der Frühaufsteher

Lerchen und Eulen, also Frühaufsteher und Langschläfer, ticken im Alltag selten gleich. Zwischen den Jahren war das kurz kein Problem, im Urlaub blieben die Wecker stumm. Jetzt ist Ferienende – und die Lerchen haben wieder einmal gewonnen.

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Stand

Von Autor/in Samira Straub

Urlaub als Ausnahmezustand: Zwei Wochen im richtigen Takt

Der Urlaub seit Weihnachten war ein biologisches Asyl: Endlich leben wie ein normales Lebewesen. Zwei Wochen lang durften Eulen so leben, wie Gott, Darwin oder zumindest die Evolution es vorgesehen hat.

Aufstehen, wenn der Körper bereit ist. Denken, wenn das Gehirn hochgefahren ist. Leistung nicht nach Uhrzeit, sondern nach Wachsein. Der Körper hatte sich daran erinnert, wie Schlaf eigentlich gedacht ist – und der Kopf gleich mit.

Und dann: Rückkehr in die Realität. Die Realität beginnt früh. Zu früh. Der Kalender reißt uns aus dem natürlichen Rhythmus, der Wecker erledigt den Rest.

Wer früh wach ist, gilt als fleißig

Ich bin seit fünf wach, hab schon Sport gemacht.

Das sind Sätze, die nicht informieren, sondern urteilen. Sätze, die nicht erzählen, was war, sondern festlegen, wer hier als fleißig gilt. Frühaufstehen ist keine Uhrzeit, es ist eine Haltung.

Eine schreiende Lerche
Die Lerche meldet sich früh – und bestimmt damit seit Jahren den Takt des Alltags.

Später am Tag folgt oft die nächste Beschwerde aus dem Lerchenmilieu: „Abends kann ich nichts mehr leisten.“ Ja – weil ihr uns trotz Erfindung der Glühbirne zwingt, morgens aufzustehen. Das ist kein persönliches Problem, das ist ein System.

Tatort Büro

Der Tag ist schon halb rum! (um 9:30)

Das Büro ist in Wahrheit ein Ort, an dem Eulen fürchtliche Dinge widerfahren. Besprechungen um halb neun statt gesundem REM-Schlaf, beispielweise.

Wer früh da ist, gilt als engagiert. Wer später kommt, gilt als verdächtig. Frei nach Rosa von Praunheim: Nicht die Eule ist daneben, sondern die Situation, in der sie lebt.

Ein Hund schläft unter dem Schreibtisch im Büro
Biologisch bereit für ein Nickerchen, gesellschaftlich leider nicht vorgesehen.

Der Wecker als Rohrstock

Das Büro ist kein neutraler Raum. Es ist architektonisch und zeitlich auf Lerchen ausgelegt. Und irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Schreibtisch beginnt die eigentliche Qual. Der Kapitalismus beginnt nicht mit Ausbeutung – sondern mit dem Weckerklingeln.

Früh aufstehen ist eine Frage des Willens.

Papperlapapp. Der Wecker ist kein harmloses Gerät. Er ist ein Disziplinierungsinstrument.

Für die Tauben ist alles in Ordnung

Aber wir Eulen können nichts dafür — Das ist keine Charakterfrage, sondern eine der Biologie. Man nennt das Chronotypen. In der Steinzeit waren es die Eulen, die nachts das Feuer bewacht haben. Ohne sie wäre die Menschheit erfroren. Heute dürfen wir nicht mal ausschlafen.

Eine zerzauste Eule
Die Eule nach dem Urlaub: wach, aber eindeutig zu früh.

Nur etwa zehn Prozent der Menschen sind echte Lerchen, zehn bis 15 Prozent ausgeprägte Eulen – die Mehrheit liegt dazwischen und zählt zu den sogenannten Tauben – also chronobiologisch pflegeleicht. Und genau weil die meisten so flexibel sind, fällt kaum auf, was hier eigentlich passiert.

Zurück in den falschen Takt

Der eigentliche Höhepunkt dieser stillen Repression ist ein vermeintlich normaler Morgen im Januar. Millionen Menschen stellen gleichzeitig ihre Wecker. Die eigentliche Uhrumstellung ist nicht am 29. März. Sie ist jetzt.

Nach dem Urlaub wird nicht nur gearbeitet, es wird biologisch zurückgerüstet. Die innere Uhr wird zurückgedreht, kollektiv, diszipliniert, gegen jede Vernunft. Langschläfer aller Länder – vereinigt euch. Aber bitte erst ab zehn.

Glosse Der vielleicht beste Schlaf der Welt: Ein Nickerchen in der Oper!

Zu unserer Themenwoche Musik und Schlaf haben wir natürlich auch unseren Glossisten Gordon Kampe befragt: Der empfiehlt einen ganz besonders erholsamen Schlaf – den Opernschlaf! Vorzugsweise bei Wagner.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur

Musikgespräch Weiterlernen im Schlaf? Die Musik macht’s möglich erklärt Schlafforscher Ingo Fietze

Der 21. Juni ist der längste Tag des Jahres und trotzdem oder vielleicht auch deshalb der Tag des Schlafes. Welche Rolle spielt die Musik im Schlaf? Können wir mit ihr besser einschlafen, und falls ja, welche Musik hilft? Die Antwort ist – wie so oft – es kommt drauf an. Außerdem können wir mit Musik das Erlernte vom Tag nachts besser speichern, mit der passenden Musik, erklärt der Leiter des interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Prof. Dr. med. Ingo Fietze im Musikgespräch.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Samira Straub
Samira Straub, Autorin und Redakteurin bei SWR Kultur Digital