Einschlafhilfe Wagner
Nessun dorma – keiner schlafe! Wer kennt sie nicht, die viel zu viel gesungene und dennoch wunderbar gebliebene Arie aus Puccinis Turandot. Eigentlich, so denke ich mir manchmal, hätte die Arie eher von Wagner sein müssen. So als Intermezzo, alle paar Stunden. Als Durchbrechen der vierten Wand und direkte Ansprache ans Publikum: Parsifal, erster Akt – immer mal ein Nessum dorma einstreuen. Ein Held nämlich, wer im Parsifal noch nicht weggedämmert ist und Fluchtreflexe hatte!
Beim eigenen Stück eingeratzt
Oh, was bin ich schon in Opern eingeratzt! Schlimmstes Beispiel: meine eigene. Ich sag nicht wo. Ich war in fernem Land und hatte dort eine unheimliche Begegnung mit nicht wirklich frischen Muscheln. Sehr lecker, aber auch sehr unfrisch. Am nächsten Tag Generalprobe an anderem Ort, nach schlimmer Nacht.
Rein ins Flugzeug, direkt zur Probe. Licht aus, Komponist aus. Ich habe bis jetzt noch keine Ahnung, wie die Probe war. Jedenfalls glaube ich, dass der Opernschlaf das letzte Tabu im Bereich des Musiktheaters ist.
Live-Piercings, Blut, schwarze Messen, allerlei Schweinkram: kein Problem. Aber einschlafen im Parsifal: das entehrt die Kunst und verachtet den Meister! Doch was, wenn die Luft fehlt und das Herz erstickt. Na und, sag ich mir, wer schläft, schreibt keine Verrisse, also ruhet wohl, ihr müden Glieder!
Perfekte Vorbereitung für den Opernschlaf
Ich wünsche mir daher bei jedem Opernbesuch neben Opernglas und Brezel, ein schniekes Nackenkissen, ein Anti-Schnarchspray und vielleicht noch eine dieser heizkissenartigen Vorrichtungen mit eingebauter Vibrationsfunktion, die einen sanft wachrüttelt, damit man den Karfreitagszauber nicht auch noch verschläft.
Zum Traum wird hier die Zeit – die Stelle möchte man dann schon hören. Ich will eine Kuschelloge statt einer Königsloge, mit Wärmflasche und allem Schnickschnack.
Der Schlaf: ein Kompliment an die Musik
Der Opernschlaf, ist er endlich enttabuisiert, wird zum ästhetischen Schlaf. Nicht die Langeweile hat einen niedergestreckt, sondern die Wucht der Kunst! Und ist es nicht auch eine Form von Hingabe, der Musik so sehr zu vertrauen, dass man ihr sogar im Tiefschlaf begegnet?
In einer Wagner-Oper gelassen von Verdi zu träumen und mit La Traviata im schlafenden Ohr durch ein mächtiges Rums-Bums in der Götterdämmerung zu landen: das wäre mal eine Opernerfahrung, man erschnarcht sich seine eigene Regie!
Konzentration bei Gordon Kampe!
Wer aber in einer meiner Opern einschläft, der – das ist klar – bekommt Ärger. Ich schreibe doch nicht jahrelang an einer 12 Meter Partitur, damit man einratzt. Ich träume also von irgendeiner geheimen Technik, die mir die Hirnströme meines Publikums misst. Und wenn die Daten sagen „Schnarchgefahr im Parkett!“ werden Tempo und Dynamik ebenso erhöht, wie der Ausstoß an Kunstblut.
Insofern: Der Opernschlaf ist ein interessantes und unterforschtes Phänomen. Probieren Sie das gern mal aus. Aber bitte nicht bei mir. Also: Vorhang auf, Augen zu, gute Nacht.