Care-Arbeit wird auch in der Landwirtschaft systematisch übersehen
Sie melken Kühe, bewirtschaften Felder, organisieren Betriebe – und bleiben doch oft unsichtbar. Obwohl Frauen laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rund 39 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Arbeit leisten, erfahren sie bis heute strukturelle Benachteiligung.
Die UN haben deshalb 2026 zum Internationalen Jahr der Landwirtin erklärt. Ein symbolischer Akt, der jedoch auf tief sitzende Probleme verweist. Eine zentrale Ursache für die Unsichtbarkeit von Frauen liegt in der Art, wie landwirtschaftliche Arbeit bewertet wird.
„Das ist vor allem die Nicht-Sichtbarkeit von Arbeit von Frauen, weil die oft eben in dieser Reproduktionsarbeit liegt“, sagt Lioba Degenfelder, Diplom-Ingenieurin für Umweltsicherung und Leiterin des Projekts „Ackerwert“. Care-Arbeit, Organisationsarbeit und der Blick auf das Gesamtsystem Hof seien unverzichtbar – würden aber „systematisch übersehen und auch monetär einfach nicht bewertet“.
Benachteiligt durch Strukturen
Hinzu kommen historisch gewachsene Besitz- und Machtverhältnisse. Global – und auch in Deutschland – seien Frauen lange von der Erbfolge ausgeschlossen gewesen, so Degenfelder. „Wer bekommt den Hof? Das war ja bei uns auch über Jahrhunderte lang so, dass die Jungs den Hof geerbt haben und nicht die Mädels.“ Zwar ändere sich das inzwischen, doch die Strukturen wirkten fort.
Wer heute ohne familiären Hintergrund Landwirtin werden möchte, steht vor hohen Hürden. „Es ist total schwer, einen Hof sich zu erarbeiten und zu kaufen, das kann man sich eigentlich nicht leisten“, sagt Degenfelder. Der Zugang zu Land bleibe eines der größten Probleme – für Frauen ebenso wie für Männer.
Eine andere Art, Landwirtschaft zu denken
Gleichzeitig beobachtet Degenfelder Unterschiede in der Art, wie Betriebe geführt werden. „Man sieht auch, dass die das anders machen“, sagt sie über Höfe, die von Frauen geprägt sind. Oft sei da „atmosphärisch“ etwas spürbar, ohne dass es sich sofort benennen lasse: ein stärkerer Blick auf Zusammenhänge, auf Menschen, Tiere und Boden.
Die Landwirtschaft sei seit der Nachkriegszeit stark auf Effizienz und Produktivität ausgerichtet, erklärt Degenfelder. Doch diese einseitige Orientierung habe ihren Preis. „Wir sehen mehr und mehr die Kehrseite von dieser Medaille“, etwa bei Themen wie Nachhaltigkeit oder psychischer Gesundheit in der Landwirtschaft. Aspekte, die lange vernachlässigt worden seien.
Sichtbarkeit statt Symbolik
Damit das Internationale Jahr der Landwirtin mehr wird als ein symbolisches Bekenntnis, braucht es aus Sicht Degenfelders konkrete Veränderungen. „Frauen müssen sichtbarer werden, sie müssen sich auch trauen“, sagt sie. Dazu gehöre auch, politische Verantwortung zu übernehmen und Ämter zu bekleiden.
Gleichzeitig warnt sie davor, weibliche Perspektiven allein an Anpassung an bestehende Machtlogiken zu knüpfen. Wichtig sei, das eigene Gespür ernst zu nehmen: „Dieses Bauchgefühl, diese weibliche Intuition – wie man mit Welt, mit Tieren, mit Boden umgeht – dem wirklich Gewicht zu geben.“
Die Herausforderung liege darin, eine Balance zu finden: zwischen politischer Durchsetzungskraft und einer Haltung, die nicht nur auf Konkurrenz und Lautstärke setzt. Genau darin, so Degenfelder, liege eine besondere Stärke weiblicher Landwirtschaft.
Das Jahr der Landwirtin könnte so zu einem Wendepunkt werden – wenn Sichtbarkeit nicht bei Kampagnen endet, sondern strukturelle Veränderungen nach sich zieht. Denn geht weibliches Wissen verloren, verlieren nicht nur Höfe ihre Vielfalt, sondern ganze Kulturlandschaften ihre Zukunft.