Was für oder gegen die Streichnung einzelner Feiertage spricht, haben wir Holger Schäfer vom IW und Susanne Wingertszahn, Vorsitzende des DGB Rheinland-Pfalz, gefragt.
SWR1: Woran liegt es, dass wir Deutschen im Vergleich so wenig arbeiten?
Holger Schäfer: Im Wesentlichen liegt es daran, dass wir in Deutschland einen sehr hohen Teilzeitanteil haben. Der ist höher als in den meisten anderen Ländern. Dadurch ist die durchschnittliche Stundenzahl der Erwerbstätigen gering und umgerechnet auf die Einwohner auch sehr gering.
Es gibt andere Länder, die auch relativ hohe Teilzeitanteile haben, etwa in den Niederlanden. Dort wird trotzdem mehr gearbeitet als in Deutschland. Das liegt im Wesentlichen daran, dass dort offensichtlich aufs Jahr gerechnet weniger Tage ausfallen. Also etwa durch Urlaub, Krankheit oder Ähnliches.
Wenn wir einen bundeseinheitlichen Feiertag abschaffen würden, käme das direkt unserem Wohlstand zugute.
SWR1: 2024 sollen die Deutschen 1,3 Milliarden Überstunden geleistet haben, ungefähr die Hälfte davon unbezahlt. Wie passt das zusammen?
Schäfer: Die Überstunden sind in meiner Rechnung mit drin. Da geht es nicht so sehr darum, ob sie erfasst worden sind oder nicht. Diese Statistik der Überstunden basiert im Wesentlichen auf Personen-Befragungen. Die Statistik führt trotzdem nicht dazu, dass die Arbeitszeit in Deutschland überdurchschnittlich hoch ist.
SWR1: Ist die Abschaffung von Feiertagen wirklich die Lösung für mehr Produktivität in Deutschland?
Schäfer: Es ist nicht eine Lösung für mehr Produktivität, sondern es ist eine Lösung für mehr Produktion, weil länger gearbeitet wird - und zwar durchweg über alle Bundesländer hinweg. Wenn wir einen bundeseinheitlichen Feiertag abschaffen würden, käme das direkt unserem Wohlstand zugute.
Die wesentliche Herausforderung liegt darin, dass wir in sehr kurzer Zeit, sehr geburtenstarke Jahrgänge verlieren, die auf dem Arbeitsmarkt ausscheiden, weil sie das Renteneintrittsalter erreichen. Die können wir nicht adäquat ersetzen durch die jungen Menschen, die in den Arbeitsmarkt reinwachsen. Und wir können das nicht kompensieren, wenn wir nicht alle mehr arbeiten.
Wenn wir das nicht tun, dann verlieren wir an Wohlstand, verlieren aber auch die Möglichkeit, zum Beispiel Dinge für soziale Zwecke umzuverteilen. Wir haben daher nicht nur Wohlstandsverluste, sondern im schlimmsten Falle womöglich auch Verteilungskonflikte.
Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen eine Ausweitung der Arbeitszeit attraktiv wird
SWR1: Sie sagen, die hohe Steuerlast bei mittleren Einkommen macht Mehrarbeit in vielen Fällen auch unattraktiv. Dann kommt noch dazu, dass viele Teilzeitbeschäftigte vielleicht gerne mehr arbeiten würden. Das geht aber nicht, weil die Betreuungszeiten von Kita und Schule das nicht möglich machen. Sollte die neue Regierung da ansetzen? Also, Steuerlast runter und endlich eine gute, verlässliche Kinderbetreuung für alle, die arbeiten wollen.
Schäfer: Ja, auf jeden Fall. Das sind zwei wesentliche Ansatzpunkte, die wir haben. Man muss bedenken, es geht nicht darum, irgendjemanden zu zwingen, mehr zu arbeiten. Das geht auch gar nicht, das bestimmt jeder selbst, wieviel er arbeitet.
Sondern es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen eine Ausweitung der Arbeitszeit attraktiv wird. Und da spielt die Abgabenbelastung eine große Rolle, weil es nur dann attraktiv wird, länger zu arbeiten, wenn ich auch was davon habe. Deswegen ist die Abgabenbelastung so ein wichtiger Punkt.
Feiertage sind kein Luxus.
SWR1: Da kommt jemand mit dem Vorschlag um die Ecke, einen Feiertag zu streichen. Was ist Ihre Reaktion darauf?
Susanne Wingertszahn: Das ist schon wieder so ein Vorschlag aus der Mottenkiste mit Ideen aus dem letzten Jahrtausend. Und es geht darum, einen Feiertag abschaffen zu wollen. Gleichzeitig stellen wir fest, dass in Bayern und Baden-Württemberg die wirtschaftliche Leistung stark und hoch ist - und es dort gleichzeitig die meisten Feiertage gibt.
Es geht darum, dass die Menschen, wenn sie arbeiten, eine Erholungsphase brauchen.
SWR1: Bayern hat 13 Feiertage, wir in Rheinland-Pfalz zum Vergleich 11. Man könnte sich auch auf eine einheitliche bundesweite Zahl an Feiertagen einigen. Machen wir überall 13 …
Wingertszahn: Feiertage sind ja kein Luxus. Es geht darum, dass die Menschen, wenn sie arbeiten, eine Erholungsphase brauchen. Und es sind auch schöne Vorstellungen, dass Familien am Christi Himmelfahrt oder Pfingsten gemeinsam Wandern gehen im Pfälzerwald oder die Eifeler Maare besuchen.
Das ist alles kein Luxus, sondern davon profitiert die Gesellschaft. Davon profitiert die Wirtschaft vor Ort, davon profitiert die Gesundheit der Menschen.
SWR1: Aber das wir in der IW-Studie schlecht abschneiden, müssen wir wohl akzeptieren. Zumindest auf dem Papier arbeiten wir anscheinend viel weniger als die meisten anderen.
Wingertszahn: Das kann man nicht vergleichen mit anderen Bundesländern und mit anderen Ländern. Es ist so, dass wir in Deutschland ganz viel Teilzeitarbeit haben. Das betrifft vor allem Frauen, die aufgrund von der Sorgearbeit oder weil sie ihre Eltern pflegen oder weil Kinder auch mal krank werden, deshalb ihre Arbeitszeit reduzieren.
Und da müssen wir alles dafür tun, dass Frauen aus diesen teilweise Teilzeitfallen herauskommen und mehr arbeiten können. Dafür brauchen wir aber bessere Kinderbetreuung. Wir brauchen bessere Unterstützungsleistungen und wir brauchen mehr Männer, die sich auch um Sorge- und Care-Arbeit kümmern.
Der Bundeskanzler sollte sich mal angucken, wie viele Überstunden die Menschen leisten.
SWR1: Bundeskanzler Merz (CDU) sagt, wir müssen wieder mehr arbeiten, wenn wir die Feiertage so lassen wollen. Was wäre denn eine andere Option?
Wingertszahn: Der Bundeskanzler sollte sich mal angucken, wie viele Überstunden die Menschen leisten. Wir haben alleine im letzten Jahr über 1,3 Milliarden Überstunden und die Hälfte davon sind unbezahlt. Damit man sich das Mal vorstellen kann, das ist so viel, als wenn die komplette Bevölkerung von Mainz ein Jahr lang unbezahlt arbeiten würde.