„Dann ist man ein Opfer“ – aha?
Etwas scheiße finden, völlig okay, aber wer mehr als fünf Minuten dafür investiere, sei ein „Opfer“. So sagt es Rezo in einem vor ein paar Tagen veröffentlichten Insta-Video. Und es ist ziemlich klar, wen er damit meint: Die Autorin, Lyrikerin und „Zeit“-Journalistin Juliane Liebert.
„Opfer“ ist sie seiner Meinung nach, weil sie – so die Unterstellung – mehr als fünf Minuten darauf verwendet habe, das neue Album von Nina Chuba („Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“) zu rezensieren. Okay, sagen wir, zu verreißen.
Skandalforscher Franzen nicht überrascht
Ein Skandal? „Noch nicht“, sagt Johannes Franzen. Der Grad der öffentlichen Empörung halte sich schließlich in Grenzen. Na gut, von einem „Erregungsereignis“ könne man vielleicht sprechen. Als „Skandalforscher“ ist Franzen in solchen Dingen Empirie-gestählt. 2024 hat der Literaturwissenschaftler ein Buch vorgelegt („Wut und Wertung“), das danach fragt, wieso Auseinandersetzungen über Kunst und Kultur die Tendenz haben, so schnell zu eskalieren.
Überrascht hat ihn der aktuelle Fall nicht. Dass jemand auf Social Media die Musik einer Freundin verteidige, geschenkt. Und die „Zeit“ habe ja durchaus eine Vorlage dafür geliefert. Der Verriss sei „schon sehr, sehr hart“, sagt Franzen. Recht hat er. Schon die Eröffnung ist eine Ansage. „Nina Chuba ist eine sehr sympathische Person“, heißt es da, „und ihr neues Album ist grässlich.“
Dass die Autorin schnell ein „Schauen Sie nicht so vorwurfsvoll“ nachschiebt, zeigt, dass sie durchaus mit dem Blutdruck ihrer Leserinnen kalkuliert. Das „Erregungsereignis“ kommt, anders gesagt, nicht aus dem Nichts.
Rezo überliest viel und urteilt hart
Kritik an der Kritik halte er an sich für unproblematisch, meint Franzen dazu. Schwierig werde es erst, wenn es zu pauschal werde. „Zu sagen, das hat überhaupt keine Berechtigung, würde eine starke Verarmung des intellektuellen und ästhetischen Diskurses bedeuten.“
Tatsächlich verwendet Rezo wenig bis gar keine argumentative Mühe darauf, die Rezension selbst zu kritisieren (Kritik sei eh immer „extrem subjektiv“). Dafür schießt er umso heftiger gegen ihre Autorin. Was sie tue sei „wertlos“, lautet sein schlichtes Urteil.
Hätte er besser gelesen, wäre er vielleicht zu einem anderen Schluss gekommen. Dann wäre ihm womöglich aufgefallen, dass die „Zeit“ zwar hart urteilt, an keiner Stelle aber gegen die Person. Liebert trennt konsequent zwischen Künstlerin und Musik, sie sorgt mit einigem rhetorischen Aufwand dafür, klarzumachen, dass sie sich gerade nicht an Nina Chuba abarbeiten will, sondern ihr Werk meint.
Kritik an „verweigerter Popkritik“
Und außerdem verfolgt Liebert mit ihrer Polemik erklärtermaßen auch eine programmatische Absicht: Sie stößt sich nämlich an dem, was sie „verweigerte Popkritik“ nennt. Vor allem, wenn es um Popstars gehe, so ihre Beobachtung, fielen die Rezensionen entweder wohlwollend aus oder würden es gleich ganz vermeiden, etwas zur Musik zu sagen.
„Klassische Gatekeeper“, so schreibt sie, „haben unter den Bedingungen von Streaming und Social Media viel weniger Macht, und alle wollen Anteil an den Klicks. Also entsteht ein Perpetuum mobile des Hypes.“ Lieberts Verriss ist so gesehen eine demonstrative Unterbrechung dieses Perpetuum mobile.
Forum Kampf ums Schöne – Warum wir über Geschmack streiten
Michael Köhler diskutiert mit
Dr. Johannes Franzen, Literatur- und Kulturwissenschaftler, Universität Siegen
Prof. Dr. Melanie Möller, Klassische Philologie, FU Berlin
Jens-Christian Rabe, Feuilletonredakteur, Süddeutsche Zeitung
Schon lange Krise der klassischen Rezension
Ein Problem, das nicht nur die Popkritik umtreibt. Dass das klassische Rezensionswesen in der Krise steckt, ist ein Dauerthema im Kulturteil. Nach dem Erscheinen des neuen Romans („Die Assistentin“) der Bestsellerautorin Caroline Wahl entspann sich etwa eine Diskussion darüber, ob sie im Feuilleton zu zärtlich angefasst werde.
„Wer hat Angst vor Caroline Wahl?“, fragte Melanie Mühl in der FAZ damals sarkastisch und mutmaßte, die hohen Verkaufszahlen wirkten auf die Literaturkritik wohl einschüchternd. Lieber also ein wohlwollendes Porträt als eine kritische Besprechung, sicher ist sicher. „Nicht, dass einem noch Neid unterstellt wird oder sich ein Internet-Mob formiert, der behauptet, man sei ein alter weißer Mann.“
Knickt das Feuilleton vor dem Populären ein?
Franzen erkennt hier durchaus Parallelen zu dem, was Liebert schildert. In beiden Fällen gehe es um die „Vormachtstellung des Populären“ und um die die Frage, wie das Feuilleton mit der „Ermächtigung des Publikums“ umgehen solle. Auch redaktionsintern haben Rezensionen einen schlechten Stand. Klicks bringen sie jedenfalls nicht.
Da überlegt man sich zweimal, ob man sich mit einem selbstbewussten Onlinepublikum anlegen möchte, das bereit ist, seinen Star bis in die allerletzte Kommentarspalte zu verteidigen. „Je weniger materielle Macht die klassische Kritik hat“, so Franzen, „desto anfälliger wird sie natürlich.“ Lieber also sich anschmiegsam geben, als sich den Vorwurf einzuhandeln, arroganter Elfenbeinturmbewohner zu sein.
Bestseller-Autorin | 26.10.2025 Caroline Wahl: "Schreiben macht mir Bock aufs Leben!"
Caroline Wahls erster Roman "22 Bahnen" wurde verfilmt und ist inzwischen Schullektüre. Aber rund um das dritte Buch wächst plötzlich die Kritik – auch an ihr als Person.
Vor dem Hintergrund kann man dem Verriss in der „Zeit“ einen gewissen Mut nicht absprechen. Zumindest würde man ihm wünschen, wenn schon, dann ordentlich kritisiert zu werden. Gut, Rezo hält nichts davon, in die Kritik von Kulturprodukten mehr als fünf Minuten zu investieren. Soviel hat er klargemacht. Opfer und so. Aber vielleicht denkt er nochmal drüber nach. Meistens wird’s ja dann erst interessant.