Zwischen Literaturkritik und Vermittlung

Debatte auf Bookstagram: Darf man Debütromane kritisieren?

In den Sozialen Medien stellt sich eine alte Frage neu: Was darf Kritik – und was muss sie? Ein Plädoyer für nuancierte Urteile, auch beim Erstlingswerk.

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Von Autor/in Nina Wolf

„Ich wollte diese fünf Romane wirklich mögen“, sagt Louisa Dellert und hält einen Stapel Bücher in die Kamera. „Ich habe sie gelesen, aber danach blieb es bei mir eher so bei – mittelmäßig." So beginnt das Reel, das Dellert letzte Woche auf dem Instagram-Account sisu_lou_ postete.

Fünf Romane stellt sie darin vor, die sie – wie sie betont, ganz persönlich – beim Lesen nicht überzeugen konnten. Darunter zwei Debütromane von deutschsprachigen Autorinnen.

Social-Media-Beitrag auf Instagram von sisu_lou_

Ein Video-Format, das typisch ist für Bookstagram, oder? Denn das Reel hat für Aufruhr in der Buch-Ecke der Sozialen Medien geführt. Und gibt Anlass eine alte Frage wieder neu aufzurollen: Was darf Buchkritik – in diesem Fall auf Social Media?

Unkompliziert, nahbar und persönlich auf Social Media

Louisa Dellert ist Moderatorin, Influencerin und betreibt ein Buchcafé in Braunschweig. „Sisu Lou“ heißt das und bespielt wird der eigene Instagram-Account der trendigen Buchhandlung – selbstverständlich – regelmäßig mit Videos.

Unter Überschriften wie „Ein Tag im Buchcafé“ im Vlog-Stil, „Buchcharaktere, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen“ oder „Ich zeige euch fünf Bücher, die ich im Urlaub gelesen habe“ hält Dellert Bücher, meist Romane, in die Kamera.

Die Ästhetik und die Ansprechhaltung: unkompliziert, nahbar und persönlich. Dem Account folgen 83.400 Menschen, 83.400 potentielle Buchkäufer und -käuferinnen. Zumindest solange, wie eine Lektüre empfohlen wird.

Doch mit dem jüngsten Reel betrat Dellert eine Grauzone auf Bookstagram: Sie sprach nicht über Highlights, sondern über Enttäuschungen. Zwar betonte sie mehrfach, dass es sich um ihren „individuellen Geschmack“ handele – doch eine Reaktion auf ihr Video zeigt, wie sensibel der Umgang mit (Buch-)Kritik auf Social Media weiterhin ist. Besonders, wenn es um Debüts geht.

Kritik? Ja, aber bitte vorsichtig

„Ich glaube einfach, dass es bei Instagram hauptsächlich darum geht, dass man mit Negativem sehr viel mehr Likes generiert“, meint Sarah Lorenz. Ein Thema, das sie in Bezug auf Buchbesprechungen auf Social Media schon länger umtreibt:

Dellerts Reel war Anlass für Lorenz, deren Debütroman im März 2025 im Rowohlt-Verlag erschienen ist und die selbst einen Instagram-Account unter dem Pseudonym Buchischnubbel mit etwa 20.000 Follower*innen betreibt, dieses Thema kritisch zu besprechen.

Gerade Erstlingswerke sollen von größeren Accounts nicht kritisiert werden, meint sie: „ Es erscheinen so viele Bücher. Muss ich mir dann jetzt ein Debüt vornehmen und sagen: Hier, da und da sprachlich haut irgendwas nicht hin?“

Social-Media-Beitrag auf Instagram von buchischnubbel

Lorenz veröffentlichte, als Reaktion auf Dellerts Reel, selbst ein Video auf ihrem Kanal: „Man kann doch einfach zeigen was einem gefällt oder mal Bücher von Cis-Männern von der Bestsellerliste, die schon das fünfte Buch geschrieben haben, zerreißen, (...) wenn Negatives Klicks bringt.“

Likes sind die Währung auf Instagram. Die nähmen Einfluss auf die realen Verkäufe, vermutet die Autorin: „Wenn ich sage, ich habe ein Budget von 30 Euro, mit dem ich in die Buchhandlung gehe, dann kaufe ich natürlich eher ein anderes Buch, als das, was eine Person, auf deren Meinung ich was gebe, nicht gut fand.“

Ist jede Presse gute Presse?

Anders sieht das Lars Claßen vom Kjona-Verlag. Denn Dellert reagierte auf Lorenz' Kritik und publizierte eine Stellungnahme in ihrem Feed, in der sie ihr Videoformat verteidigte. Claßen kommentierte mit dem offiziellen Verlags-Account seinen Zuspruch. Er sei sehr froh über den regen Austausch auf Bookstagram, erzählt der Verleger:

„Ich wünsche mir in jedem Fall ein lebhaftes, gerne auch streitendes Gespräch über Bücher. Weil sobald ein Buch in die Kamera gehalten und besprochen wird – egal ob jetzt positiv oder negativ – ich adle das ja erstmal mit meiner Aufmerksamkeit und stelle etwas zur Diskussion.“

Wichtig sei ihm allerdings die Qualität des Arguments: „Ich finde, Kritik muss gut formuliert sein. Je härter sie ist, desto besser und klarer muss sie formuliert sein. Aber damit das Gespräch mich interessiert – auch als Leser, als Verleger und aber auch als Teilhaber dieses ganzen literarischen Diskurses –, wünsche ich mir das unbedingt.“

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Sichtbarkeit durch Wiederholung

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Die Welt der Literatur-Influencer und Influencerinnen funktioniert oft zyklisch und die gleichen Bücher tauchen immer wieder in den Feeds auf. Wer einmal Sichtbarkeit hat, wird weiterempfohlen.

Auch wenn negative Rezensionen „likeable“ erscheinen: Viele finden sich davon auf Bookstagram nicht. Denn auf Bookstagram herrscht ein Klima der Affirmation. Die Plattform ist keine der Kritik, sondern setzt auf Vermittlung.

Literaturkritik und Literaturvermittlung haben einen fundamentalen Unterschied, der sich nicht nur in Tonfall und Zielgruppe, sondern auch in Funktion und Haltung offenbart. Literaturkritik prüft ein Werk auf ästhetische, formale und inhaltliche Kohärenz, arbeitet textimmanent, verortet es im literarischen Diskurs – und stellt es, im besten Fall, möglichst objektiv infrage.

Literaturvermittlung hingegen: Die ist affirmativ. Sie möchte Aufmerksamkeit erzeugen, Leselust wecken, Zugang ermöglichen, Brücken bauen. Vermitteln eben. Und das heißt: Statt Rezensionen gibt es Meinungen, statt Analyse Gefühle. So zeigt sich Bookstagram.

Social-Media-Beitrag auf Instagram von sisu_lou_

„Bookstagram ist da zugänglicher und menschlicher.“

Kritik an der Kritik? Die gibt es trotzdem. Und das, obwohl Dellert in ihrem Reel nichts Skandalöses sagte – sie blieb freundlich.

Das mache die Social-Media-Buchszene auch aus, meint Claßen. Sie sei verständnisvoller gegenüber den Autoren und Autorinnen, auch bei negativer Kritik: „Wenn es dann in die Öffentlichkeit geht und man es dann schafft, von so einem großen Account oder einem großen Medium besprochen zu werden – und es dann negativ ist –, dann kann ich total verstehen, dass das wehtut.“

Was er an Bookstagram schätze – und für einen ein Vorteil gegenüber den klassischen Medien halte, so Claßen: „dass es dafür auch ein Verständnis gibt. Weil früher im klassischen Feuilleton hätte man gesagt: ,Ja, aber da müssen die Autor:innen einfach die Füße stillhalten ‘.“

Da sieht er sogar ein Vorbild fürs Feuilleton: „Da nehme ich Bookstagram schon als sehr viel empathischer wahr.“

Keine Zeit für fundierte Argumente

Das Problem, dass Bookstagram sich nicht für fundierte Kritik eigne, läge schon in der Struktur. Die Video-Reels seien dafür schlicht zu kurz, davon ist Autorin Sarah Lorenz überzeugt: „Instagram lebt von kurz. Also ist kurzlebig. Du brauchst kurze Aussagen – schriftlich oder verbal – also kurz und prägnant."

Eine strenge Limitierung, Buchbesprechungen in Print oder im Rundfunk haben hier einen klaren Zeichen- und Zeitvorteil.

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Literatur ist mehr als ein hübsch inszeniertes Produkt

Das Echo auf Dellerts Video zeigt: Bookstagram oder BookTok sind Plattformen, auf denen wichtige Fragen der literarischen Öffentlichkeit verhandelt werden. Sie schaffen niedrigschwellige Zugänge, wecken Leselust und erreichen ein junges Publikum. Dass laut aktuellen Zahlen des Börsenvereins gerade die 16- bis 29-Jährigen wieder mehr Bücher kaufen, ist ein deutliches Signal: Die Begeisterung für Literatur lebt – auch und gerade online.

Gleichzeitig sind Instagram, TikTok & Co. längst integraler Bestandteil des Verlagsmarketings. Sichtbarkeit entsteht heute hybrid.

Doch so inspirierend diese Plattformen sein können, sie ersetzen nicht die fundierte Kritik des Feuilletons. Gerade deshalb darf professionelle Literaturkritik nicht ausgedünnt oder eingespart werden, wie es aktuell vielerorts geschieht. Wenn Sender Redaktionen zusammenlegen oder Rezensionen aus Spargründen kürzen, verliert die Literatur mehr als eine Bühne: Sie verliert die Möglichkeit zur ernsthaften Auseinandersetzung.

Social Media kann ein kraftvoller Resonanzraum sein, aber ohne das kritische Fundament der analytischen Literaturkritik bleibt dieser Raum oberflächlich. Es braucht beides: Begeisterung und Beurteilung. Vermittlung und Kritik. Nur so bleibt Literatur mehr als ein hübsch inszeniertes Produkt. Denn, egal, ob Debüt oder Bestseller, wer Literatur nur lobt, reduziert sie auf ein Konsumprodukt. Wer sie kritisiert, behandelt sie als Kunst.

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