Dunkler Schatten über einem Wiedersehen
Die unbeschwerte College-Zeit der beiden Freundinnen Agnes und Lydie ist lange her. Lydie ist weggezogen, Agnes inzwischen Professorin für Literatur. Sie hat jetzt „seine“ Stelle und „seinen“ Raum. Und weil „er“ nicht namentlich genannt wird, liegt eine dunkle Ahnung über dem fröhlichen Wiedersehen.
Im Rückblick deutet der intensive Film an, was passiert ist. Ihr Literaturprofessor hat Agnes, seine beste Studentin, zur Besprechung ihrer Masterarbeit zu sich nach Hause eingeladen. Die Kamera zeigt das gediegene Backsteingebäude am späten Nachmittag, die Sonne geht unter, drinnen geht das Licht an.
In „Sorry, Baby“ zerbricht ein sicher geglaubtes Weltbild
Das Treffen dauert schon beim Zuschauen dieser vollkommen statischen Einstellung viel zu lange. Dann stolpert Agnes aus der Tür, ihre Schuhe in der Hand. Später wird sie ihrer Freundin die Vergewaltigung mit grausamer Sachlichkeit schildern.
„Sorry, Baby“ handelt davon, wie ein sicher geglaubtes Weltbild zerbricht. Im Rückblick versucht Agnes zu begreifen, was ihr passiert ist.
Regisseurin und Hauptdarstellerin Eva Victor verarbeitet eigenes Erlebnis
Eva Victor, die in dem Film ein eigenes Erlebnis verarbeitet, spielt Agnes in den unterschiedlichen Phasen der Erstarrung. Mit äußerster Selbstbeherrschung versucht sie ihre Identität zu bewahren.
Das Trauma bricht in Panikattacken durch. Bei einer Autofahrt muss ihr ein Sandwichverkäufer aus dem Wagen helfen. Wunderbar warmherzig hört John Carroll Lynch der verstörten jungen Frau zu.
Kein Aufmerksamkeit für den Täter
Dem Täter gönnt Eva Victor keine Aufmerksamkeit. Der Professor hatte schon vor dem Treffen mit Agnes seine Stelle gekündigt, wissend, welche Konsequenzen seine Tat haben würde. Etwas holzschnittartig wirken die Gespräche mit den Institutionen, einem Arzt im Krankenhaus oder den Angestellten der Univerwaltung.
Grandios vermittelt der Film die Schwankungen der Gefühle. Die fundamentale Verunsicherung der Studentin, deren Texte ihr Professor noch mit „herausragend“ kommentiert hatte. Und die ersten Versuche, aus der Schockstarre wieder in die Bewegung zu finden. Die Farben changieren zwischen kühlen Blau- und warmen Brauntönen.
Naomie Ackie als Agnes Freundin spielt die zugewandte Gesprächspartnerin, die Agnes schenkt, was sie verloren, hat: Vertrauen. Sehr zart, sehr nuanciert, manchmal mit sarkastischem Humor erzählt Eva Victor nicht etwa von einer Heilung. Aber doch von dem Beginn einer Rückkehr in ein anderes Leben.
Trailer „Sorry, Baby“ ab 18.12. im Kino
Aktuell im Kino
Eine Figur kämpft gegen den Zeitgeist Stromberg ist zurück und plötzlich wieder zeitgemäß
„Stromberg – Wieder alles wie immer“ startet im Kino: Bernd Stromberg trifft auf moderne Sensibilitäten. Ein Comeback, das humorvoll zeigt, wie sehr sich die Zeiten geändert haben.
Düsterer Science-Fiction-Thriller „Zone 3“ im Kino – Wenn Paris von einer KI kontrolliert wird
Im Paris der nahen Zukunft setzt die Polizei Recht und Ordnung mit Hilfe der allgegenwärtige KI ALMA durch. Als ALMAs Schöpfer ermordet wird, droht Chaos auszubrechen.
Vom Hoffnungsträger zum Buhmann der Nation Nahaufnahme des Scheiterns: „Jetzt.Wohin.“ begleitet Robert Habeck im Wahlkampf
Filmemacher Lars Jessen hat einen persönlichen Film gemacht, der herausfinden will, was im Wahlkampf 2024 eigentlich schiefgelaufen ist – und der dabei selbst in Schieflage gerät.