Eva Victor erzählt zart und nuanciert

Grandioses Filmdebüt: „Sorry, Baby“ erzählt von der Schockstarre nach einer Vergewaltigung

„Sorry, Baby“ handelt davon, wie ein sicher geglaubtes Weltbild zerbricht. In ihrem Debütfilm verarbeitet Eva Victor ein eigenes Erlebnis, führt Regie und spielt die Hauptrolle Agnes in ihren unterschiedlichen Phasen der Erstarrung.

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Von Autor/in Simone Reber

Dunkler Schatten über einem Wiedersehen

Die unbeschwerte College-Zeit der beiden Freundinnen Agnes und Lydie ist lange her. Lydie ist weggezogen, Agnes inzwischen Professorin für Literatur. Sie hat jetzt „seine“ Stelle und „seinen“ Raum. Und weil „er“ nicht namentlich genannt wird, liegt eine dunkle Ahnung über dem fröhlichen Wiedersehen.

„Sorry, Baby“ von Eva Victor
Lydie (Naomie Ackie, re) schenkt ihrer Freundin Agnes (Eva Victor, li) was sie verloren, hat: Vertrauen.

Im Rückblick deutet der intensive Film an, was passiert ist. Ihr Literaturprofessor hat Agnes, seine beste Studentin, zur Besprechung ihrer Masterarbeit zu sich nach Hause eingeladen. Die Kamera zeigt das gediegene Backsteingebäude am späten Nachmittag, die Sonne geht unter, drinnen geht das Licht an.

In „Sorry, Baby“ zerbricht ein sicher geglaubtes Weltbild

Das Treffen dauert schon beim Zuschauen dieser vollkommen statischen Einstellung viel zu lange. Dann stolpert Agnes aus der Tür, ihre Schuhe in der Hand. Später wird sie ihrer Freundin die Vergewaltigung mit grausamer Sachlichkeit schildern.

„Sorry, Baby“ von Eva Victor
Das Trauma von Agnes (Eva Victor) bricht in Panikattacken durch. Bei einer Autofahrt muss ihr ein Sandwichverkäufer (John Carroll Lynch) aus dem Wagen helfen. Wunderbar warmherzig hört er ihr zu.

„Sorry, Baby“ handelt davon, wie ein sicher geglaubtes Weltbild zerbricht. Im Rückblick versucht Agnes zu begreifen, was ihr passiert ist.

Regisseurin und Hauptdarstellerin Eva Victor verarbeitet eigenes Erlebnis

Eva Victor, die in dem Film ein eigenes Erlebnis verarbeitet, spielt Agnes in den unterschiedlichen Phasen der Erstarrung. Mit äußerster Selbstbeherrschung versucht sie ihre Identität zu bewahren.

Das Trauma bricht in Panikattacken durch. Bei einer Autofahrt muss ihr ein Sandwichverkäufer aus dem Wagen helfen. Wunderbar warmherzig hört John Carroll Lynch der verstörten jungen Frau zu.

Kein Aufmerksamkeit für den Täter

Dem Täter gönnt Eva Victor keine Aufmerksamkeit. Der Professor hatte schon vor dem Treffen mit Agnes seine Stelle gekündigt, wissend, welche Konsequenzen seine Tat haben würde. Etwas holzschnittartig wirken die Gespräche mit den Institutionen, einem Arzt im Krankenhaus oder den Angestellten der Univerwaltung.

„Sorry, Baby“ von Eva Victor
Agnes Nachbar Gavin (John Carroll Lynch ) wird zwar nicht die große Liebe, ist aber ein ganz Lieber.

Grandios vermittelt der Film die Schwankungen der Gefühle. Die fundamentale Verunsicherung der Studentin, deren Texte ihr Professor noch mit „herausragend“ kommentiert hatte. Und die ersten Versuche, aus der Schockstarre wieder in die Bewegung zu finden. Die Farben changieren zwischen kühlen Blau- und warmen Brauntönen.

Naomie Ackie als Agnes Freundin spielt die zugewandte Gesprächspartnerin, die Agnes schenkt, was sie verloren, hat: Vertrauen. Sehr zart, sehr nuanciert, manchmal mit sarkastischem Humor erzählt Eva Victor nicht etwa von einer Heilung. Aber doch von dem Beginn einer Rückkehr in ein anderes Leben.

Trailer „Sorry, Baby“ ab 18.12. im Kino

Sorry, Baby | Official Trailer HD | A24

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