Der Bibliotheks-Kubus als Wissensspeicher
Ein schwarzer Riesen-Kubus aus Eifeler Basalt steht in einem Wohngebiet in Köln-Müngersdorf. Er wirkt, als wäre er gerade vom Himmel gefallen. 1989 hat ihn der Architekt Oswald Mathias Ungers in seinen Garten gebaut, als Privatbibliothek für seine mehr als zehntausend Bücher zu Architektur und Stadtplanung, darunter historische Raritäten.
Der Innenraum mit elegant geschwungener Treppe strahlt große Ruhe aus. Er ist geometrisch klar strukturiert und trägt eindeutig Ungers' Handschrift: Wie so oft hat er auch hier das Quadrat als elementares Gestaltungsprinzip durchdekliniert, etwa beim Grundriss, den Bücherregalen oder der umlaufenden Galerie und ihren Stützen.
Das Ungers-Archiv ist Forschungsstätte
Die Bibliothek ist das Herz des „Ungers Archiv für Architekturwissenschaft“, das seine Tochter Sophia Ungers gemeinsam mit Anja Sieber-Albers leitet. Im Untergeschoss befindet sich der Nachlass: Hier findet man seine Vorträge und Schriften sowie Unterlagen, Fotos und Skizzen zu all seinen Projekten.
„Hier ist das Gehirn von Ungers gelagert“, sagt Sophia Ungers, die selbst Kunsthistorikerin ist. Immer wieder kämen Architekten und Wissenschaftlerinnen, um über Ungers zu forschen oder seine Bibliothek zu nutzen, erzählt sie. Außerdem würden Führungen durch das Ungers-Archiv angeboten.
Die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe
Mit seiner Architektur hat sich Ungers nicht nur in das Stadtbild von Köln, Hamburg oder Frankfurt eingeschrieben. Auch in Karlsruhe realisierte er mehrere Bauten. So habe er bei seinem Entwurf für die Badische Landesbibliothek bewusst den Genius Loci, den speziellen Charakter des Ortes, berücksichtigt, erklärt seine Tochter.
„Wie verhält sich meine Architektur zur Architektur der Stadt?“ habe er sich gefragt. Und in seinem Bibliotheksbau Elemente der gegenüberliegenden klassizistischen Kirche von Friedrich Weinbrenner aufgegriffen. Unter anderem krönte Ungers die zentrale Lesehalle mit einer Kuppel und griff so die Kuppelform der bestehenden Kirche auf.
Starke Bindung an die Eifel
Aber auch in Rheinland-Pfalz, wo er zur Welt kam, hat Oswald Mathias Ungers Spuren hinterlassen: Die heutige Gestaltung des Domplatzes in Speyer geht auf ihn zurück und auch den Platz vor der Trierer Konstantinbasilika hat er konzipiert. In seinem späteren Leben zog es ihn regelmäßig in die südliche Eifel, die Landschaft seiner Kindheit.
Die Familie Ungers habe jeden Sommer in einer Pension auf Schloss Malberg verbracht, erzählt Sophia Ungers. Als die Pension irgendwann geschlossen wurde, habe ihr Vater lange nach einer geeigneten Immobilie gesucht: „Er brauchte ja sein Refugium in der Eifel.“
Die „Villa Glashütte“ in Utscheid
Die Wahl fiel schließlich auf das Örtchen Utscheid. Dort, inmitten der Natur, an zwei Teichen gelegen, baute sich Oswald Mathias Ungers Ende der 1980-er Jahre ein Landhaus, die „Villa Glashütte“. Wieder auf quadratischem Grundriss, mit flachem Satteldach und vier identischen Seiten. Und mit eigens für das Haus entworfenen Möbeln.
Das Haus sei eine Reminiszenz an die Villa Rotonda des Renaissance-Architekten Palladio, sagt Sophia Ungers. Und natürlich auch an die Antike. „Es gab zwischen Trier und Köln alle 30 Kilometer eine römische Villa, weil die Truppen nur so weit laufen konnten. Und mit diesem Gedanken hat er eine Villa gebaut, die auch an diese Tradition anknüpft.“
Ungers arbeitete gerne in der Römerstadt Trier
Ungers war Kenner der antiken Architektur und orientierte sich an klassischen Formen und Proportionen. Von daher bedeuteten ihm die Projekte in der Römerstadt Trier sehr viel: Dort überbaute er nicht nur die Thermen am Viehmarkt. Als letztes Projekt vor seinem Tod 2007 entwarf er dort auch den Eingangsbereich der Kaiserthermen.
Mit dem Kölner „Ungers Archiv für Architekturwissenschaft“ will Sophia Ungers das Erbe ihres Vaters weitertragen. Denn die Stiftung ihrer Eltern hat ein klares Ziel: Durch Führungen, Vorträge und Ausstellungen die allgemeine Architektur-Debatte zu fördern - ganz im Geiste von Oswald Mathias Ungers.