Ada Kaleh – das Atlantis der Donau
Das Dorf Ada Kaleh: Ein malerischer Ort mit Torbögen, Festungsanlage und einem Basar, auf dem mit Obst, Fisch, Tabak und Kaffee gehandelt wird. Durch die Gassen weht der Duft von Rosen. So ist es nachzulesen in historischen Beschreibungen.
Auf dem Foto von 2024 ist davon allerdings nichts zu sehen. Es zeigt nur die Donau, wie sie sich in engen Kurven durch eine dichte grüne Hügellandschaft schlängelt. Den Ort Ada Kaleh – das sogenannte Atlantis der Donau – gibt es nicht mehr.
„Das war eine Insel in der Donau“, erzählt Kuratorin Andrea Vándor. „Sie lag zwischen Rumänien und Serbien. Und als das Wasserkraftwerk ‚Eisernes Tor‘ gebaut wurde, da wurde diese Insel überflutet.“
Menschen müssen sich ein neues Zuhause suchen
Kuratorin Andrea Vándor zeigt in der Ulmer Ausstellung verlorene Dörfer von Minderheiten im Donauraum, zum Beispiel von Deutschen in Serbien, Italienern in Kroatien oder, wie im Falle von Ada Kaleh, türkischen Minderheiten in Rumänien. Mit dem Verschwinden der Insel im Jahr 1971 mussten sie sich ein neues Zuhause suchen.
Mit ihnen ging vieles verloren. Darauf will Andrea Vándor mit der Ausstellung hinweisen. Die Verluste reichen von den Gebäuden und ihrer Architektur bis zur gewachsenen Gemeinde. „Das ist einerseits für uns alle ein Verlust, aber hauptsächlich für die, die ihr Zuhause verloren haben“, so die Kuratorin.
Ursachen für das Verschwinden: Wirtschaftliche Interessen, Vertreibung, Klimawandel
Die Ursachen für das Verschwinden dieser Orte sind vielfältig. Bei Ada Kaleh waren es wirtschaftliche Interessen. Andere Dörfer wurden durch Umsiedlungen und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg oder durch den Klimawandel zerstört. Mit Geräuschen, die an den verlassenen Orten aufgenommen wurden, Musik und Gesängen soll die Atmosphäre der Dörfer nachempfunden werden.
„Diese Ausstellung ist auf der einen Seite sachlich und wissenschaftlich, aber auf der anderen Seite auch emotional, sehr emotional“, sagt Andrea Vándor. „Das habe ich bewusst so gestaltet, so zugelassen. Wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt, dann weiß man, dass es in Europa im 20. und 21. Jahrhundert eigentlich Millionen von Menschen betroffen hat, dass ihr Zuhause verschwunden ist.“
Das Letzte, was bleibt, sind die Obstbäume
Gezeigt wird auch, was übrig geblieben ist: Zugewachsene Kirchtürme, die hinter riesigen Bäumen verschwinden. Ganze Orte holt sich die Natur zurück. Wildtiere werden wieder heimisch. Nur wenige Spuren der Zivilisation sind noch sichtbar.
„Was das Letzte ist, was bleibt, das sind die Obstbäume“, sagt Andrea Vándor. „Und das ist tatsächlich so: Wenn man in Deutschland oder anderswo unterwegs ist, und im Wald oder an einer Lichtung Obstbäume sieht, dann kann man davon ausgehen, dass es da irgendwann mal eine Siedlung gab.“
Wie die Obstbäume in der Wildnis als stumme Zeugen vergangener Siedlungen, bleiben auch die Erinnerungen an verlorene Orte lebendig. Und das stimmt, bei allem Verlust, versöhnlich.
Mehr Fotografie
Städtische Galerie Ostfildern Der Blick auf das Verhältnis Mensch und Umwelt – Maxim Dondyuk und Rainer Zerback
Unter dem Titel „Vuca World“ zeigt die Städtische Galerie in Ostfildern Werke von Maxim Dondyuk und Rainer Zerback. Thema ist die Beziehung zwischen dem Menschen und der Landschaft.