Die sperrigen Käfige dürfen den Altar verdecken
Im Mittelschiff der Evangelischen Stadtkirche, direkt vor dem Altar, entsteht ein riesiges Holzgerüst: fünf Meter hoch, acht Meter lang und fünf Meter breit. Die ersten zehn Reihen der Kirchenbänke wurden für die Installation „The Cage“ ausgebaut.
Ursprünglich hatte Pfarrerin Claudia Rauch daran gedacht, das Kunstwerk in einem der Seitenschiffe aufbauen zu lassen. „Dann war aber schnell klar: Wir müssen es mittig stellen“, erzählt Claudia Rauch. „Das muss im Weg sein, weil die Themen, die sich mit „The Cage“ verbinden, auch sperrig und unbequem sind. Dann dürfen sie auch den Altar verdecken.“
500 kunstvoll gestapelte Vogelkäfige
Der Künstler Fahar Al-Salih ist glücklich, dass er dank der Unterstützung der Stadtkirche und seiner Galeristin Yvonne Hohner die Installation an einem so prominenten Platz mitten in Karlsruhe zeigen kann. Für ihn ist die Kirche vor allem ein spiritueller Ort, in dem sein Kunstwerk noch einmal eine ganz eigene Wirkung entfalten kann.
„The Cage“ besteht aus über 500 Vogelkäfigen, die kunstvoll übereinander gestapelt sind und so einen großen Käfig ergeben.
"Die haben einen Drogentransport vermutet" Von Bagdad nach Karlsruhe: Über 500 Vogelkäfige auf großer Lkw-Reise
In der Stadtkirche in Karlsruhe startet "The Cage". Für die Kunstinstallation ließ Künstler Fahar Al-Salih 550 Vogelkäfige mit dem Lkw herbringen - keine leichte Aufgabe.
Eine traditionelle irakische Handwerkskunst
Früher wurden im Irak, dem Heimatland seines Vaters, vor allem Nachtigallen in solchen Vogelkäfigen gehalten, erklärt Fahar Al-Salih: „Das ist eine traditionelle irakische Handwerkskunst. Nur ein paar Familien sind noch übrig, die das machen. Und dieses Handwerk ist am Aussterben, und da wollte ich das auch wiederbeleben, sozusagen.“
Die Käfige werden aus Resten von Palmenblättern mit der Hand gebogen, wie Fahar Al-Salih weiter erläutert: „Das ist sehr umweltfreundlich. Da wird kein Kleber benutzt, da wird kein Nagel benutzt. Alles wird mit der Hand gebogen, während die Blätter grün sind, dann sind sie biegsam. Und wenn es trocken wird, dann ist das fertig.“
Die Idee entstand im Gespräch mit jungen Kunststudierenden in Bagdad
Das erste Mal hatte der Künstler seine Installation 2022 in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, aufgebaut. Die Idee dazu entstand allerdings einige Jahre zuvor, als Fahar Al-Salih eine kleine Ausstellung in seiner Geburtsstadt Bagdad zeigte und mit vielen jungen Kunststudierenden ins Gespräch kam.
„Und die waren so durstig, neue Kunst zu sehen“, erinnert er sich. Alle hätten sie Lust gehabt, nach Europa zu gehen, aber nicht, um auszuwandern, wie Fahar Al-Salih zunächst dachte, vielmehr wollten sie einen Austausch mit anderen jungen Menschen in anderen Ländern. „Und das war meine Basisidee: Genau, die sind wie in einem Käfig!“, so Al-Salih.
Ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft
Fahar Al-Salih möchte mit seinem Kunstwerk auch Diskussionen über Migration, staatliche Gewalt, Freiheit und Identität anstoßen. Der Künstler selbst ist in Bagdad geboren, in Kuwait aufgewachsen und kam als junger Mann nach Europa. Er studierte unter anderem bei Markus Lüpertz und Hermann Nitsch.
Seit einigen Jahren lebt er jetzt in Karlsruhe. Gerade im Moment macht er sich wieder große Sorgen um die Zukunft der Menschen im Irak und der ganzen Region. Fahar Al-Salih plädiert mit seiner Installation „The Cage“ für eine offene Gesellschaft.
„Was wir hier haben, ist ein offener Käfig“, sagt er. „Das ist dieser Optimismus: dass man rein- und rausgeht. Man kann Schutz suchen. Das hat Vorteile: ein Käfig schützt auch, man ist nicht nur darin gefangen. Und wenn man diesen Schutz haben will, dann kann man rein und raus, weil ich eine Seite habe, die offen ist.“ So ist die Installation begehbar.
Das Publikum in Karlsruhe ist schon jetzt von den Käfigen fasziniert
Wenn das Licht durch die vielen Holzstäbe der kleinen Käfige in den Innenraum des großen Käfigs fällt, entsteht dort eine ganz besondere, fast magische Stimmung.
Und schon jetzt zeigt sich, dass das Publikum von der Installation fasziniert ist: Viele Freiwillige helfen spontan beim Aufbau mit und zahlreiche Kooperationspartner haben ein breit gefächertes Rahmenprogramm ermöglicht, sodass in diesem Projekt auch die Stadtgesellschaft zusammengebracht wird, sagt Pfarrerin Claudia Rauch.
Jetzt hofft sie, „dass auch viele Leute kommen, die Angebote wahrnehmen und sich „The Cage“ anschauen, wirken lassen und sich ihre Gedanken dazu machen.“
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