Während Whistler noch das London und Venedig des 19. Jahrhunderts in grafischen Arbeiten dokumentiert, sieht Masuyama die Städte mit heutigem Blick. Zudem entführt er die Besucher mit einer kugelartigen Installation ins Weltall. Ein Erlebnis.
James McNeill Whistler – in Deutschland wenig bekannt, im Rest der Welt berühmt
Eine imposante Häuserfassade rechts, ein Pferdekarren auf der Straße, Fußgänger tummeln sich auf der St. James's Street in London. Viele Details, wie Markisen an den Geschäften oder Rollläden an den Fensterfronten, sind erkennbar. Eine Radierung aus dem Jahr 1878 von James McNeill Whistler, die Zeitgeschichte schreibt.
Whistler ist hierzulande heute nahezu unbekannt, im Rest der Welt ist der Künstler allerdings berühmt. Nach 25 Jahren steht Whistler in Ingelheim erstmals wieder im Zentrum einer deutschen Ausstellung.
Dokument der Zeitgeschichte Londons
Kuratorin Katharina Henkel: „Die Werke, die er schafft, sind auch aus heutiger Sicht wichtige topografische Dokumente. Weil sich London immens verändert hat. Als Whistler Mitte des 19. Jahrhunderts nach London kam, hatte die Stadt eine Bevölkerungsdichte von drei Millionen Menschen, und die Stadt expandierte permanent.“
Whistler war Autodidakt, reiste sehr viel und hielt sich vor allem in London und Venedig auf. Er war fasziniert von Licht und Schatten, von Rembrandt und Dürer und orientierte sich an Charles Baudelaire. Der hatte die Künstlerschaft darauf aufmerksam gemacht, das Leben in der Zeit der Industrialisierung zu reflektieren.
Hiroyuki Masuyama fotografiert die Reiseorte Whistlers
Der Japaner Hiroyuki Masuyama – der zweite ausgestellte Künstler der Ausstellung – hatte für die Internationalen Tage den Auftrag, jene Orte und Plätze, die Whistler darstellte, noch einmal aufzusuchen und zu fotografieren und daraus ein neues Werk zu schaffen.
Masuyama hat einen Abzug von der Whistler-Grafik unter seine Fotografie gelegt, dazwischen liegt eine Acrylschicht, sodass ein Schattenwurf entsteht, wie Katharina Henkel erklärt. „Und dabei prallen Gegensätze aufeinander. Dampfschiffe gegenüber elektrisch betriebenen Schiffen zum Beispiel.“
Masuyama integriert also die Grafik von Whistler in seine Fotografie. Und er kratzt mit einem Skalpell den Übergang zwischen seiner und Whistlers Ansicht frei, sodass es aussieht, als würde man einer archäologischen Grabung zuschauen. Heute und gestern vereint in einem Werk.
In der Kugel zum Einsteigen sind 30.000 Sterne zu sehen
Die Ausstellung widmet Masuyama außerdem einen eigenen Raum, in dem er aktuelle Installationen zeigt. Zum Beispiel eine riesige Kugel, in die man hineinschlüpfen kann.
„Es gibt viele Komponisten, die sich in die Kugel setzen und sich inspirieren lassen“, erzählt Katharina Henkel. „Man sieht den Sternenhimmel mit 30.000 Sternen, die sich in der Galaxie befinden. Und das Besondere ist, dass uns gezeigt wird, was wir in der Realität nie sehen können: Dass wir das gesamte Himmelszelt sehen. Nicht mal aus einer Raumsonde kann man das sehen.“
Die Ausstellung im Kunstforum Ingelheim überzeugt durch ihren Brückenschlag von Whistler zu Masuyama, von London nach Venedig und vom 19. Jahrhundert bis in die Zukunft.
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