Buchkritik

Eine Frau positioniert sich: Ulrich Woelks „Hellere Tage“

Ethikprofessorin Ruth Lember wurde von ihrem Mann verlassen. Eine Jugendsünde holt sie ein. Mit 56 sucht sie neu nach Sinn und Liebe. Davon erzählt Ulrich Woelks „Hellere Tage“.

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Von Autor/in Eberhard Falcke

Woran zeigt sich der Geist einer Zeit? Wie manifestiert sich gesellschaftlicher Wandel in individuellen Lebensläufen? Das sind Fragen, auf die Ulrich Woelk immer wieder erzählerische Antworten sucht.

Am Beispiel der Berliner Ethikprofessorin Ruth Lember hat er dazu sogar eine Langzeitbeobachtung angestellt, die sich nun über zwei Romane erstreckt. 

In „Mittsommertage“ von 2023 lernten wir Ruth an einem Scheitelpunkt ihres Lebenslaufs kennen, an dem sich berufliche und private Erfolge plötzlich als brüchig erwiesen. 

Frau, Mitte fünfzig, intelligent, geschieden 

Nun, in Woelks neuem Roman „Hellere Tage“ wird sie von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen. Sie muss sich neu orientieren, zum Beispiel beim Outfit fürs Fitness-Studio. Soll sie sich in jugendlichen Stretchleggings zeigen oder in formlosen Klamotten verstecken? 

Sich dazwischen als Frau mit ihrem Persönlichkeitsprofil – Mitte fünfzig, intelligent, geschieden – äußerlich ganz selbstverständlich zu positionieren, findet sie noch gar nicht so einfach.

Keine Frage: Hier spricht und fühlt eine Akademikerin und sie artikuliert sich in der begrifflich abgefederten Sprache der gebildeten Schichten. Damit werden solche zeittypischen Redeweisen im Text gut dokumentiert, aber stilistische Vorzüge oder gar Glanz entstehen daraus nicht. 

Kleinteiliger Realismus 

Dasselbe gilt für den kleinteiligen Realismus, mit dem der Autor Alltag und Lebensumstände seiner Heldin ausbuchstabiert: Die Tauben auf den Ampelmasten, die Tempo-30-Zonen, das Prozedere beim Urnenbegräbnis des Vaters, die Kunst des Schminkens in reiferen Jahren, die Inventur der Küchenvorräte. 

Im Türfach des Kühlschranks stehen Kuh- und Hafermilch und eine angebrochene Flasche Weißwein. Joghurt, Butter, Marmelade und ein durchsichtiges Plastikschälchen mit Heidelbeeren, die leider Schimmel haben, stehen auf den Glasablagen.

Glücklicherweise lässt der Autor seine Romanheldin in dieser Kulissenwelt der Banalitäten nicht völlig untergehen, sondern konfrontiert sie mit einigen interessanten Herausforderungen. 

Die Doppelzüngigkeiten akademischer Konkurrenzkämpfe 

So muss sich die Ethikprofessorin für eine terroristische Jugendsünde vor der Fakultät rechtfertigen. Mit der Schilderung dieser Sitzung ist Woelk ein großartiges Kabinettstück über die Doppelzüngigkeiten akademischer Konkurrenzkämpfe gelungen.

Fesselnde Intensität gewinnt auch Ruths kurze Affäre mit einem Außenseiter aus der alternativen Szene, der als einer der derzeit flüchtigen RAF-Terroristen der dritten Generation in Verdacht gerät.

Weitere Verweise auf aktuell angesagte Themen bilden die verheimlichte Homosexualität des Vaters und die nichtbinäre Geschlechtsorientierung der Tochter. 

Rundblick auf Wohlbekanntes 

Wirkliche Tiefe und Brisanz entwickeln die damit verbundenen Konflikte allerdings nicht. Sie bleiben genauso blass im Ungefähren, wie das Bild, das die Romanheldin von sich selbst zeichnet: 

„Du hast recht, ich stehe für etwas … Ich weiß nicht so genau, wofür eigentlich, aber irgendetwas ist es wohl. Was ist falsch daran?“ 

Ganz ähnlich verhält es sich mit Ulrich Woelks Roman: Man erkennt darin mancherlei Details der bundesdeutschen Gegenwart, falsch ist daran nichts, aber der Gewinn aus diesem Rundblick auf Wohlbekanntes erscheint insgesamt gering.

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Eberhard Falcke