Innere Stille und intensives Zuhören

„Ich höre zu“: Der Künstler Daniel Beerstecher wandert ein Jahr lang schweigend durch Deutschland

Der Künstler Daniel Beerstecher hat schon mit seinem Projekt „Walk in time“, einem Slow Walk Marathon, für Schlagzeilen gesorgt. Jetzt ist der Stuttgarter schweigend und wandernd einmal quer durch Deutschland unterwegs. „Ich höre zu - ein Jahr im Schweigen“, heißt sein neues Kunstprojekt.

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Von Autor/in Silke Arning

Daniel Beerstecher bietet Menschen an, ihn schweigend zu begleiten

Eigentlich ist Daniel Beerstecher vor allem wandernd unterwegs: mit Hut, Rucksack und Wanderstab. Wer mag, darf ihn schweigend begleiten oder sein Angebot, zuzuhören wahrnehmen. Als mobiles Atelier bezeichnet Daniel Beerstecher seinen Walk in Silence, der nicht einfach nur Natur und Landschaft, sondern den inneren Raum, die Begegnung von Menschen, erkunden will.

Video: Schweigende Wanderung mit Daniel Beerstecher

An diesem Nachmittag aber sitzt Daniel Beerstecher bei herrlichem Sommerwetter im Garten des Klosters Neustadt an der Weinstraße, die Bäume rauschen im Wind. Ein älterer Herr hat ihm gegenüber an dem kleinen Gartentisch Platz genommen und kommt erstaunlicherweise aus dem Reden gar nicht mehr heraus, obwohl Daniel Beerstecher keine Silbe erwidert.

Ob das nicht irritierend gewesen sei, frage ich ihn nach den fast 40 Minuten, doch dieser verneint, er ist überzeugt, dass Daniel Beerstecher ihn verstanden habe.

Daniel Beerstecher sitzt schweigend im Garten des Klosters Neustadt an der Weinstraße und notiert etwas auf seiner Tafel
Daniel Beerstecher sitzt schweigend im Garten des Klosters Neustadt an der Weinstraße und notiert etwas auf seiner Tafel. Silke Arning

Menschen lassen sich auf die Begegnung in Stille ein

Es sind vielleicht sechs, sieben Menschen, die in den nächsten Stunden in den abgelegenen Klostergarten kommen, um der Einladung des Künstlers zu einer sogenannten Dyade zu folgen, also sich auf eine Begegnung in Stille einzulassen. Und wirklich alle nutzen die Zeit ausgiebig. Von Ferne betrachtet, scheinen beide in ein Gespräch vertieft. Denn Daniel Beerstechers Körper spricht mit: mal ein Kopfnicken, mal ein Lacher.

Mit der Klangschale läutet Daniel Beerstecher ein gemeinsames Schweigen ein, wenn das Gegenüber sich ausgesprochen und natürlich noch Lust auf diese besondere Erfahrung von Stille hat.

Was lösen diese schweigenden Begegnungen aus?

Als ich schließlich an die Reihe komme, weiß ich noch immer nicht genau, wie ich ein Interview mit einem Schweigenden führen soll. Also rede ich zur Ablenkung erst einmal über das Kloster, über die dramatische Naturkulisse des alten Steinbruchs in unserem Rücken, um mich an meine erste Frage heranzupirschen: nämlich, was diese Begegnungen mit ihm und den Menschen machen. Daniel Beerstecher greift zu einer Tafel und schreibt:

Daniel Beerstecher zeigt ein Tablet mit einem Text - die Antwort auf eine Frage der Autorin
„Ich bekomme zuerst einmal sehr viel Vertrauen, wenn die Menschen sich öffnen. Das berührt mich sehr und manchmal bewegt sich bei den Menschen etwas, dass sie mit einer ganz anderen Energie gehen, zu einer Erkenntnis gekommen sind. Auch das bewegt mich sehr“, schreibt Daniel Beerstecher als Antwort auf die Frage der Autorin. Silke Arning

Wirkliches Zuhören ist selten geworden

Ungeteilte Aufmerksamkeit – in einer Welt voller Ablenkungen, in der unentwegt geredet und sich auf vielen Kanälen mitgeteilt wird, ist wirkliches Zuhören selten geworden. Was es bedeutet, weiß der Abt des Klosters Olav Hamelijnck, ein echter Profi in Sachen Zuhören:

„In so einem Setting hat es auch viel mit Resonanz zu tun: Durch mein Zuhören es dem anderen zu ermöglichen, dass in ihm etwas aufsteigt, was er vielleicht noch gar nicht in sich entdeckt hat.“

Ungefähre Wegstrecke durch Deutschland
Ungefähre Wegstrecke von Daniel Beerstecher durch Deutschland. © Daniel Beerstecher

Die ungewöhnliche Schweige-Situation bringt etwas in Bewegung

Und tatsächlich bringt die ungewöhnliche Situation, sich schweigend ins Gespräch zu vertiefen, etwas in Bewegung. Es ist ähnlich wie bei der Begegnung mit einer Statue oder Skulptur, die man unbedingt anfassen muss.

Was sein Projekt mit Kunst zu tun hat, beschreibt Daniel Beerstecher denn auch so: „All diese Deutungen, Projektionen und Spiegelungen sind faszinierend für mich. Vielleicht ist das Teil dessen, was Kunst ausmacht: dass jede und jeder sie anders liest, ja nach Erfahrung, Lebenslage und Vorwissen.“ 

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