Liv Rahel Schwenk braucht Platz, um ihre Kreativität zu entfalten
Von kreativem Chaos keine Spur: Liv Rahel Schwenks Atelier im historischen Künstlerhaus in Stuttgart ist ordentlich, aber spärlich eingerichtet. Ein Schreibtisch, Stühle, an den Wänden ein paar Arbeiten, die auf den ersten Blick wie Gebäudepläne aussehen.
Die Künstlerin braucht Platz, um ihre Kreativität zu entfalten. Mit einem Projektor wirft sie ein Video an die Wand, das in den letzten Wochen und Monaten hier entstanden ist.
Liv Rahel Schwenk tanzt, turnt über das schöne, alte Fischgrätparkett des Ateliers, auf dem schon einige Kunstschaffende Spuren hinterlassen haben. In ihrem Video bezieht sie den neuen Raum mit ein, tanzt zum Beispiel mit einem der Stühle.
Im Hintergrund läuft Musik. Immer wieder wird das Bild aber schwarz, die Handlung unterbrochen. Wie bei einem Stummfilm, bei dem Zwischentitel eingeblendet werden.
Ein Video mit geschwärzten Teilen
Aber das Bild ist nur schwarz. Liv Rahel Schwenk versucht in dem aktuellen Projekt Impulse aus der Lyrik einzubinden, ihre zweite Passion – sie arbeitet nämlich auch als Korrekturleserin, Copy Editor, für einen New Yorker Verlag.
„In dem Fall habe ich versucht, Black Out Poetry auf Videoschnitt zu übertragen und zu experimentieren, was passiert, wenn ich eine Videosequenz nicht zerschneide, sondern einfach schwarz darüberlege, um da auch ein sprachliches Element mit reinzubringen“, erklärt sie.
„Black Out Poetry“ beschreibt die Technik, bei der in einem Text Teile geschwärzt werden, sodass am Ende nur Einzelwörter übrigbleiben. Man kennt es auch von geheimen Akten.
Nach acht Jahren in den USA ist die Künstlerin wieder in Deutschland
Liv Rahel Schwenk hat Freie Kunst und Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und ist dann 2013 mit einem DAAD-Stipendium nach New York City gegangen, um dort ihr Interesse an Tanz und Choreografie zu vertiefen.
Jetzt ist sie nach knapp acht Jahren in den USA wieder in Deutschland. Auch wenn ihre Arbeiten auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken, sieht die Künstlerin verbindende Elemente:
„Ich komme immer wieder zurück auf den Körper im Raum und den zeitlichen Aspekt von Bewegung und im Raum sein. Und auch immer wieder auf eine Faszination mit Rhythmen und Überlagerungen und kreisartigen Bewegungen von Zeit und Körpern.“
„Circling back“ – Illusion einer Reise durch die Zeit
In einer ihrer letzten Arbeiten, der Videoinstallation „circling back“ von 2023, filmt sich die Künstlerin dabei, wie sie zuerst die linke Hälfte eines Kreises mit weißer Sprühkreide in die Ecke eines schwarzen Raumes sprüht. Diese Videosequenz wird dann in dieselbe Ecke des Raumes an die Wand geworfen.
Während sie die Aufnahme von sich abspielt, arbeitet die Künstlerin weiter und filmt sich wieder, wie sie jetzt den rechten Halbkreis in die Ecke sprüht und den Kreis sozusagen vervollständigt. Sie sprüht jetzt sozusagen zweimal – ihre Projektion aus der Vergangenheit neben der Künstlerin im Jetzt.
Neugier darauf, was sich ergibt, wenn sie etwas ausprobiert
Manchmal ist schwer auseinanderzuhalten, welche welche ist. Auch diesen Vorgang filmt sie. Am Ende werden beide Videos auf den weißen Kreis projiziert. Jetzt ist Schwenk dreimal zu sehen. Es entsteht der Eindruck, als reise sie durch die Zeit oder könne sich vervielfältigen.
„Egal, ob ich jetzt zum Beispiel zeichne oder eine Performance mache – mein Interesse ist immer ein Experiment“, sagt Schwenk. „Ich weiß am Anfang nie, wie es laufen wird. Aber es geht immer um diesen Prozess und es geht auch immer um Muster, Chaos und Ordnung und was sich ergibt, wenn man etwas ausprobiert. Und dann bin ich selber neugierig“, ergänzt sie lachend.
Die Arbeit im Künstlerhaus Stuttgart: spielerisch und nicht immer ergebnisorientiert
Auch ihre Zeichnungen spielen in dem hellen Atelier im Künstlerhaus eine Rolle. An der Wand hängt eine Arbeit aus der Serie „domestic currents“, die alte Architekturpläne als Ausgangspunkt und Zeichenmaterial nimmt. Auf die alten Pläne, die sie zufällig gefunden hat, hat sie algorithmische Muster wie eine Schicht oder eine Decke gezeichnet.
Das Jahr im Künstlerhaus in Stuttgart – es bedeutet für Liv Rahel Schwenk nicht nur eine Art „Nachhausekommen“: „Dieser stabile Ort und der Raum, der hier für mich hier existiert, ermöglicht es mir, langsamer und freier zu arbeiten – und auch spielerischer. Und nicht immer unbedingt ergebnisorientiert.“
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