Zwischen Klosterarchitektur und Datenflut
Die Galerie der Stadt Esslingen residiert in der Villa Merkel – einem prachtvollen Bau aus dem späten 19. Jahrhundert. Die zweigeschossige Halle mit ihrem säulenumsäumten Grundriss erinnert an einen Klosterhof. Passend dazu plätschert hier ein Brunnen, oder genauer gesagt: vier. Doch anstelle von Heilwasser sprudeln die Grundfarben unserer digitalen Gegenwart.
Die libanesische Künstlerin Caline Aoun hat die vier Brunnen installiert – gefüllt mit Druckerflüssigkeit in den CMYK-Farben des Digitaldrucks. Ein Sinnbild für das Übermaß an Information, aus dem sie sich bewusst zurückzieht. „Sie ruht sich sozusagen aus von der Datenflut“, sagt Galerieleiter Sebastian Schmitt. Ein poetischer Stillstand im Farbrauschen der Gegenwart.
Elf Positionen zur digitalen Überforderung
„(K)eine Pause – Ausruhen im digitalen Zeitalter“ lautet der Titel der Ausstellung, die sich der Frage widmet, wie viel Ruhe im Zeitalter ständiger Erreichbarkeit noch möglich ist. Gezeigt werden elf künstlerische Positionen – darunter Skulpturen, Videos, Fotografie, Malerei und Performancekunst. Die Spannbreite reicht vom 2024 verstorbenen Videokünstler Bill Viola bis zur Generation Z.
Es gibt eine zunehmende Entgrenzung zwischen digitalem und analogem Leben. Immer mehr Menschen wünschen sich eine Pause, aber gleichzeitig überwachen wir mit unseren Handys das Schlafverhalten unserer Babys.
Atemzüge, Farben, Steine: Der Körper als Gegenwelt
Der Däne Jeppe Hein setzt bewusst auf körperliche Erfahrungen: Mit Neonschriften animiert Hein zum rhythmischen Atmen. In einem anderen Raum können Besucher farbige Striche auf eine Wand malen, im Takt der eigenen Atemzüge.
Die polnische Künstlerin Wiktoria macht ein besonderes Angebot: Wer will, kann für die Dauer des Ausstellungsbesuchs das eigene Handy eintauschen gegen ein Ersatz-Objekt aus poliertem Stein: Gleich groß, gleich schwer, gleich glatt. Einmal in die Hosentasche gesteckt, spürt man fast keinen Unterschied.
„Ich habe es schon getestet. Man erlebt tatsächlich eine digitale Pause“, sagt Schmitt. „Gleichzeitig wird einem bewusst, wie sehr das Handy emotional, aber auch körperlich bereits mit uns verwachsen scheint.“
Wenn Stadtmöbel zur Waffe werden
Ebenfalls körperlich, und zwar auf die harte Tour, hat die aus Russland nach Wien geflohene Künstlerin Anna Jermolaewa das Thema Pause erkundet. Anfangs war sie auf Ruheorte im öffentlichen Raum angewiesen; doch immer mehr Bänke, Stufen und Simse sind mit Stacheln und anderen Hindernissen ausstaffiert, die Sitzen und Liegen verhindern sollen. In quälenden Videos kann man nun Jermolaewas Selbstversuche betrachten, diesen Hindernissen zum Trotz eine Ruhehaltung zu finden.
„Man sieht, wie schwer ihr das fällt. Sie widersetzt sich dieser feindlichen Architektur und nutzt sie trotzdem, auch unter Schmerzen“, so Schmitt. „Sie treibt es wirklich bis an die Grenze zur Verletzung.“
Erschlaffung als Widerstand
Genau das Gegenteil von Kampf ist die Strategie des jungen Genfer Künstlers Thomas Liu Le Lann. Aus bunten Textilien näht er menschenähnliche, lebensgroße Figuren, die komplett erschlafft in den Seilen hängen. Und in einem Video, unterlegt von sanften Flötentönen, agiert er als Fecht-Athlet - der aber keinen einzigen Streich tut, sondern in voller Rüstung kopfüber in einen See springt.
„Wir sind alle ständig im Wettkampf miteinander, auch in der Kunstwelt“, sagt Liu Le Lann. „Ich möchte aber Zusammengehörigkeit, keine Konkurrenz. Meine Kunst soll ein Safe Space sein. Und dort versuche ich, nicht allzu viel über kapitalistische Strategien zu grübeln", sagt Thomas Liu Le Lann. Und lacht.
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