Wenn der Böblinger Museumsleiter Christian Baudisch gute Laune stiften will, dann hat er's ganz leicht. Er muss bloß zum Telefon greifen und sich mit seiner korrekten Berufsbezeichnung melden.
„Mein Job, der klingt doch so, als hätte ihn Loriot in einem Sketch erfunden: Leiter Deutsches Fleischermuseum“, erzählt Baudisch. „Es wurden auch schon die Hörer aufgeknallt, weil die Leute dachten, ich bin von einer Scherzsendung oder sowas. Und die Masse der Leute, also ungefähr 80 Prozent, fängt einfach an zu kichern.“
Dabei hat das Fleischermuseum eigentlich ganz ernsthafte Themen: Ernährung, Mensch-Tier-Verhältnis, Handwerk, Historie. Die Vermittlung dieser Inhalte gelingt ihm so gut, dass das Haus gerade den renommierten Lotto-Museumpreis „Extra“ erhalten hat: für besondere gesellschaftspolitische Relevanz.
„Hier wurde immer irgendwie rumgewurschtelt“
Das Deutsche Fleischermuseum beschäftige sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart und auch der Zukunft des Fleischkonsums, erklärt der Museumsleiter: „Also die Frage ist, wo geht es hin?“
Dieses Interesse an Zusammenhängen und Perspektiven ist nicht unbedingt selbstverständlich für ein Museum, das vor rund 40 Jahren ohne großen theoretischen Überbau von Berufspraktikern der Fleischerbranche gegründet wurde. „Hier wurde immer irgendwie rumgewurschtelt“, so Baudisch.
Nach Schema F geht hier wenig. Improvisieren ist gefragt und der Mut zu unkonventionellen Lösungen.
Nichts geht geradlinig im 500 Jahre alten Böblinger Fachwerkhaus
Das hat auch mit der Immobilie zu tun, einem siebenstöckigen Fachwerkhaus am Böblinger Marktplatz, das rund 500 Jahre auf dem Buckel hat. Hier kann man nicht mal ein Bild aufhängen, ohne es anders machen zu müssen als üblich.
„Die Wand ist schräg, der Boden ist schräg, das Fenster ist schräg eingebaut“, sagt Baudisch. „Du musst hier, wenn du Sachen aufhängst, schon den normalen Standardweg des Ausstellens und Aufhängens verlassen.“
Kultur-Austausch auch zwischen Metzgerinnen und Veganern
Dazu gehört, sich vom gesellschaftlichen Reizklima nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Fleischfans und Fleischverächter, die auf Social Media womöglich wüst aufeinander schimpfen würden, finden in Baudischs Museum zu gedeihlichem Austausch.
„Ich habe ja bei den Künstler*innen, die hier auftreten, eine erstaunlich hohe Vegetarier*innen und Veganer*innen-Quote“, erklärt Museumsleiter Christian Baudisch, „und gleichzeitig habe ich im Publikum auch die Mitglieder meines Museumsvereins. Das sind dann wirklich praktizierende, ausübende Metzger. Und die vertragen sich alle.“
Das klappt, weil handwerkliche Metzger und tierliebende Veganer mehr Schnittmengen haben, als sie wohl gegenseitig vermuten: Nachhaltigkeit und gesundes Essen zum Beispiel.
Mit Pilzen über den Tellerrand schauen
Zum anderen eröffnet Baudischs Museum ein Spielfeld jenseits von ideologischem Zoff, die Kunst. Auch diese gern jenseits vom Tellerrand des Üblichen, wie in der aktuellen Ausstellung über Pilze, die ja Top-Kandidaten sind für den Fleisch-Ersatz der Zukunft, aber auch als Baustoff taugen.
Dazu zeigt der bayerische Biologe David Stille ein mit Pilzen besiedeltes Rinderherz. Es fermentiert in Salzlake vor sich hin, ähnlich der antiken Universalwürze „Garum“, die jeder römische Legionär im Gepäck hatte. Zur Finissage soll die Pilzsoße vom Publikum verspeist werden, zumindest „wenn der Zersetzungsprozess klappt und wenn es genießbar bleibt und ist.“
So ein um mehrfache Ecken gedachtes und gemachtes Ausstellungskonzept ist typisch für Christian Baudischs Museum – und einer der Gründe, warum es nun den Lotto-Preis einheimsen konnte.
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