Noch lange bevor Bruce Darnell Heidi Klums „Meeedchen“ beigebracht hat: „The Handetasche muss lebendig sein“ und Jorge González seine „Chicas“ in schwindelerregenden High Heels über den Catwalk schickte, sorgten Modenschauen für Aufsehen.
Die ersten fanden im 20. Jahrhundert in Pariser Atelierhäusern, sogenannten Salons, in intimer Atmosphäre vor einem kleinen elitären Kreis statt. Und auch wenn sie noch nicht so spektakulär waren, waren sie nicht minder exklusiv.
Der anglo-französische Designer Charles Frederick Worth etwa gehörte zu den ersten, die Mode überhaupt an Frauen und nicht an Puppen präsentierten. Während Worth noch auf Pomp setzte, wollten Gabrielle Bonheur „Coco“ Chanel sowie Lucile und Paul Poiret die Frau aus dem Korsett befreien und setzten auf schlichte Eleganz.
So ließ Chanel ihre Mannequins über eine verspiegelte Treppe in den Salon hinabsteigen, und Poiret verknüpfte Mode mit Erzählungen.
Von Versailles bis Versace – acht Catwalk-Momente, die Geschichte schrieben:
- The „Battle of Versailles“
- Jean Paul Gaultier: Spitz-BH und Gürtelschnallenkleid
- Die Supermodel-Ära mit Crawford, Evangelista & Co.
- Naomi Campbell stolpert auf Modenschau von Westwood
- Viktor & Rolf: Kleiderkunst mit 70 Kilo Stoff
- Karl Lagerfeld mit Chanel verleiht Laufsteg Kultstatus
- Versace – wie J.Lo im grünen Kleid Google revolutionierte
- Moschino macht Lebensmittel zu Königen der Runways
The „Battle of Versailles“
Es folgten Modenschauen nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen, sondern auch in Kaufhäusern der USA, bei Pferderennen sowie auf Ozeandampfern, die den bis heute gezeigten Cruise Collections ihren Namen gaben.
Legendär war insbesondere der sogenannte „Battle of Versailles“, ein am 28. November 1973 ausgetragenes Modeduell zwischen fünf französischen und fünf amerikanischen Designern. Es war die Zeit, in der die New Yorker den ehrwürdigen Couturiers aus Paris Konkurrenz machen wollten.
Dieses Duell von Hubert de Givenchy, Yves Saint Laurent, Marc Bohan (Chefdesigner von Christian Dior), Emanuel Ungaro und Pierre Cardin gegen die amerikanische Fraktion Halston, Oscar de la Renta, Anne Klein, Bill Blass und Stephen Burrows stellte einen Wendepunkt in der Modewelt dar.
Die Modenschau wurde zur Performance und zu einem Zeichen des gesellschaftlichen Wandels, indem neue Maßstäbe gesetzt wurden. So gaben die amerikanischen Designer erstmals afro-amerikanischen Models eine Bühne.
Jean Paul Gaultier: Spitz-BH und Gürtelschnallen-Kleid
Revolutionär waren auch die Schauen des französischen Modeschöpfers Jean Paul Gaultier, der sich Anfang des Jahres 2020 vom Haute-Couture-Laufsteg verabschiedete. Zu einer der prägendsten gehörte seine Herbst/Winter-Schau von 1984/1985.
Dort präsentierte das „Enfant terrible“, erstmals seine legendäre konische Silhouette auf dem Laufsteg, durch die er unser Verständnis von Weiblichkeit in Form von Übertreibung und Parodie in Frage stellte.
Mit den „Bombshell Breasts“-Kleidern aus rosa und orangefarbenem Knautschsamt mit spitz geformter Brustform brachte Gaultier seine Idee, Unterwäsche als Oberbekleidung zu tragen, auf den Laufsteg. Die Inspiration dafür nahm er von den Korsetts und Waspies seiner Oma aus den 1950er Jahren. Den ersten spitzen „Bullet-BH“ modellierte er für seinen Teddybären Nana, den legendärsten für Madonna.
Die Vorstellung, Frauen durch Kleidung Stärke und Macht zu verleihen, beflügelte ihn. So ernannte Gaultier in den späten 1990er Jahren auch die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo zu seiner Muse und verarbeitete charakteristische Merkmale, wie ihre Augenbrauen, die Blumen im Haar oder ihre langen bunten Röcke in seinen Kollektionen.
Bei einer Runway-Show im Frühjahr/Sommer 1998 ließ er sich von Kahlos Gemälde „Die gebrochene Säule“ inspirieren und schickte ein Model mit einem schwarzen Kleid mit mehreren Gürtelschnallen auf den Laufsteg. Die Künstlerin war nach einem schweren Busunfall aufgrund starker Schmerzen auf ein Korsett angewiesen.
Die Supermodel-Ära mit Crawford, Evangelista & Co: „Freedom“
Die 1990er Jahre waren von einer Reihe Supermodels geprägt, die Kultstatus erlangten und die Laufstege hoch und runter liefen. Ein Schnappschuss des berühmten Modefotografen Peter Lindbergh machte Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Christy Turlington und Tatjana Patitz zu den ersten und berühmtesten Supermodels dieser Ära.
Bei der Herbst/Winter Versace-Schau 1991/92 sangen Crawford, Campbell, Evangelista und Turlington gemeinsam George Michaels Hit „Freedom“ und waren schlagartig auf allen Covern der Welt zu sehen.
Die Models sowie die Inszenierung wurden zum Sinnbild dieser Epoche: kraftvoll, selbstbewusst und glamourös. Aus namenlosen Mannequins wurden Superstars, gar Ikonen, die weit über die Modeszene hinaus auf der ganzen Welt bekannt waren.
Naomi Campbell stolpert bei Modenschau von Vivienne Westwood
Zu den Supermodels der 1990er Jahre gehörte auch Naomi Campbell. Sie sorgte mit einem Sturz bei einer Modenschau von Vivienne Westwood 1993 für einen spektakulären Laufsteg-Moment. Die 2022 verstorbene britische Modedesignerin mit den roten Haaren hatte sich dem Punk verschrieben und wollte bei dieser Show alles noch größer und übertriebener darstellen als je zuvor.
Die Models liefen mit großen Pelzen, riesigen Handtaschen, Schuhen mit gewaltigen Absätzen und hochmütigem Blick über den Laufsteg. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall: Prompt knickte Naomi Campbell mit den 23 Zentimeter hohen Plateau-Schuhen um. Sie nahm es gelassen, blieb lachend sitzen und lief danach weiter, als sei nichts geschehen.
Viktor & Rolf: 70 Kilo Haute-Couture
Gerade bei den Haute-Couture-Schauen stand schon immer der künstlerische Aspekt im Vordergrund. So versteht sich auch das niederländische Duo Viktor & Rolf nicht als Modedesigner, sondern als Modekünstler.
Populär wurde insbesondere ihre Schau „Matrjoschka“ von 1999, als sich das Duo mangels Geld nur ein einziges Model leisten konnte und diesem auf einer Drehscheibe neun verschiedene Kleider übereinander zog. Am Ende trug das Model einen Kleiderberg, der 70 Kilo wog. Mit dieser Show gelang Viktor & Rolf der internationale Durchbruch.
Seitdem mangelt es den Niederländern nicht an Ideen. 2023 stellten sie beim „Late Stage Capitalism Waltz“ den Laufsteg sozusagen auf den Kopf, das heißt, sie steckten die Models in Ballkleider aus Tüll, die sie ihnen allerdings verkehrt herum anzogen. Gesichter konnte man nicht mehr erkennen – eine Anspielung auf die Auflösung der Geschlechtergrenzen, mit denen Viktor & Rolf gerne spielen.
Karl Lagerfeld mit Chanel verleiht Laufsteg Kultstatus
Karl Lagerfeld hatte ein Faible für das Außergewöhnliche und wollte seinen Kunden bei den Shows aus dem Milliarden Budget des Hauses Chanel auch etwas bieten. Dabei schuf er Inszenierungen aus Mode und Musik vor aufwendig gestalteten Kulissen, typischerweise im Pariser Grand Palais, die in die Modegeschichte eingingen.
2011 verwandelte der deutsche Modedesigner für seine "Paris-Bombay"-Kollektion etwa die Courbe-Galerie des Grand Palais in einen Palast der Extraklasse. Die Models defilierten vorbei an geschwungenen Banketttischen, die die Frontrow bildeten, riesigen Lüstern, prachtvollen Rosenbouquets, prall gefüllten Obst-Etagèren und Kerzenleuchtern auf den Tischen.
Weitere Highlights waren die Show „Back in Dallas“ 2013 mit amerikanischen Oldtimern und einem Drive-In-Kino, sowie die Inszenierungen 2014 als Supermarkt oder Protestmarsch.
Ebenso spektakulär war die Verwandlung des Laufstegs in ein Spielcasino 2015, bei der die Models an Spieltischen einen glamourösen Abend nachahmten, oder 2016, als sich die Models in ihrem Alltag beim Reisen wiederfanden, da der Laufsteg einem Flughafen-Terminal glich.
Versace – wie J.Lo im grünen Kleid Google revolutionierte
Dass Mode sogar Technik-Geschichte schreiben kann, hatte sich Donatella Versace beim Entwurf eines grünen Kleides wohl selbst kaum träumen lassen. Doch genau das tat ein grünes Flatter-Kleid mit Dschungelmuster und einem Ausschnitt bis unter den Bauchnabel, als es von Jennifer Lopez bei den Grammys getragen wurde.
Das „Jungle Dress“ ließ die Google-Suchmaschine heiß laufen, bot den Usern allerdings nicht die gewünschten Ergebnisse, denn es erschienen nur blaue Links und Texte, keine Bilder.
Grund genug, für den Tech-Riesen, die Suchfunktion zu überarbeiten und die Google-Bildersuche zu erfinden. Versaces Kleid für J.Lo gab den Startschuss für die Entwicklung und wurde deswegen 2019 in einer Neuauflage bei einer Modenschau nochmals gefeiert.
Nachdem auf einer Leinwand die Worte „Zeig mir das Versace-Dschungel-Kleid“ in einem Google-Suchfeld auftauchten, forderte eine Computerstimme das echte Versace-Dschungel-KLeid. J-Lo trat auf die Bühne und löste erneut einen Ansturm aus, diesmal auf die Google-Bildersuche.
Sellerie- und Pasta-Bag erobern bei Moschino den Runway
Modenschauen übertreffen sich aber nicht nur künstlerisch und schreiben Tech-Geschichte, sondern sorgen regelmäßig auch für Schmunzeln. Besonders häufig gelingt das dem Label Moschino mit seinen sehr originellen Entwürfen, die Comicfiguren zeigen oder Lebensmittel in High-Fashion umwandeln.
Für Furore sorgten insbesondere eine Stangensellerie-Tasche, die Eins-zu-eins der Gemüsesorte nachempfunden war. Aldi nahm die Kreation aufs Korn und kommentierte, dass man bei ihnen ein ganzes Gemüsesortiment für den Preis von über 4.000 Euro bekommen könnte.
Wer nicht auf Gemüse steht, kann stattdessen auch zur „Pasta“- „Zitronen-Keks“-, oder „Weinflaschen“-Tasche greifen. Sie alle wurden aktuell in der Herbstkollektion 2025 präsentiert. Für Gesprächstoff sorgen sie bestimmt, aber ob sie auch in einigen Jahren noch Modegeschichte schreiben, bleibt abzuwarten.