Live entsteht ein Unikat
Zwei riesige Industrieroboter bewegen sich bedrohlich. In ihrer Mitte: ein Model in einem weißen Tüllkleid auf einer rotierender Plattform. Plötzlich besprühen die Maschinen das Kleid mit gelber und schwarzer Farbe – vor den Augen des Publikums entsteht ein Unikat.
Es ist die legendäre Show „No. 13“ von Alexander McQueen aus dem Jahr 1999. Filmaufnahmen dieser Performance zeigt die Ausstellung „Catwalk“ im Vitra Design Museum.
Bilder, die um die Welt gehen
Kurator Jochen Eisenbrand erklärt: „Das war eine sehr beeindruckende Performance, die wirklich in die Modenschau-Geschichte eingegangen ist und die eben gezeigt hat, dass es in Modenschauen nicht nur um das Präsentieren von Kleidung geht, sondern eben gerade in dieser Zeit das Performative eine wichtige Rolle spielte.“
Solche Momente schaffen Bilder, die um die Welt gehen und Modekollektionen verkaufen. Auf die Idee, solche Inszenierungen als Videos, Fotos und mit Originalobjekten auszustellen, kam das Museum ausgerechnet während der Pandemie.
Die französische Mode feierte nach dem Krieg ihre Wiederauferstehung
Um 1900 begannen Pariser Haute-Couture-Designer mit intimen Verkaufsschauen in ihren Ateliers – Models liefen vor wohlhabenden Kundinnen, die direkt kauften.
Der Zweite Weltkrieg brachte die Pariser Modeindustrie in Not. Geld und Material waren knapp. Doch 1945 fanden über 40 Modekünstler eine kreative Lösung: Sie präsentierten ihre Kollektionen auf 70 Zentimeter großen Puppen – das brauchte weniger Stoff.
So erläutert der Kurator: „Diese Ausstellung war ein Riesenerfolg und ist dann auch noch in weitere europäische Städte und selbst in die USA gereist und hat eben gezeigt, die französische Mode ist nach dem Krieg wieder auferstanden.“
Der globale Durchbruch kam erst spät
In den 1960er und 70er Jahren öffneten sich die Schauen, verlagerten sich in Galerien und Cafés und erreichten so immer mehr Menschen. 1973 kam ein Wendepunkt: Bei einer Benefizveranstaltung in Paris forderten amerikanische Designer die französische Haute Couture heraus – mit schwarzen Models wie Pat Cleveland.
Den globalen Durchbruch schafften Modenschauen allerdings erst in den 1990ern – das Zeitalter der Supermodels. Ein ikonischer Moment: Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista und Christy Turlington bei Versace, zur Musik von George Michaels „Freedom“.
„Sie haben sich als starke Frauen präsentiert auf dem Laufsteg, ja auch als Freundinnen, die da Arm in Arm den Laufsteg runterlaufen. Es gibt keine Zeit davor und danach, wo diese Supermodels so eine große Rolle gespielt haben. Also da war der Fokus fast ein bisschen mehr auf den Models, die das gezeigt haben, als auf der Kleidung“, erläutert Eisenbrand.
Der Catwalk als Spiegel der Gesellschaft
Doch gleichzeitig etablierte sich der problematische „Heroin Chic“ extrem dünne Körper. Ein Erbe, mit dem die Branche bis heute kämpft.
Um die Jahrtausendwende explodierten die Budgets und Inszenierungen wurden aufwendiger. Karl Lagerfeld etwa verwandelte das Grand Palais in Paris in einen Supermarkt, durch den die Models laufen.
Balenciaga ließ sie zu Beginn des Ukraine-Kriegs durch einen Schneesturm gehen und Zuschauer hinter einer Scheibe fanden gelb-blauen T-Shirts auf den Sitzen. Mal wollen die Modedesigner popkulturelle Orte schaffen, mal ein politisches Statement schaffen, aber immer wichtig sei die Exklusivität, sagt Kurator Jochen Eisenbrand.
Der Catwalk zeigt, wer dazugehört und wer nicht – wer die Bilder live sieht und wer nicht. Er ist auch ein Spiegel unserer Gesellschaft.
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