Phänomen Modenschau

„Catwalk – The Art of the Fashion Show“ im Vitra Design Museum

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt eine Ausstellung über 100 Jahre Modegeschichte auf dem Laufsteg: von den intimen Anfängen in Paris bis zu den Megashows von heute.

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Stand

Von Autor/in Anne-Sophie Galli

Live entsteht ein Unikat

Zwei riesige Industrieroboter bewegen sich bedrohlich. In ihrer Mitte: ein Model in einem weißen Tüllkleid auf einer rotierender Plattform. Plötzlich besprühen die Maschinen das Kleid mit gelber und schwarzer Farbe – vor den Augen des Publikums entsteht ein Unikat.

Alexander McQueen, Prêt-à-porter, FrühjahrSommer 1999
Alexander McQueen, Prêt-à-porter, Frühjahr/Sommer 1999, »N°13«. Pressestelle Vitra Design Museum © Robert Fairer

Es ist die legendäre Show „No. 13“ von Alexander McQueen aus dem Jahr 1999. Filmaufnahmen dieser Performance zeigt die Ausstellung „Catwalk“ im Vitra Design Museum.

Defilee von Paul Poiret in seinem Garten in Paris, 1910
Defilee von Paul Poiret in seinem Garten in Paris, 1910. Pressestelle Vitra Design Museum © Jean Sébastien Baschet L’Illustration, Henri Manuel Bild in Detailansicht öffnen
Der verspiegelte Treppenaufgang in Chanels Studio, ca. 1930
Der verspiegelte Treppenaufgang in Chanels Studio, ca. 1930. Aus: Käthe von Porada, Mode in Paris, Frankfurt a. M., 1932. Pressestelle © Vitra Design Museum Archiv Bild in Detailansicht öffnen
Modenschau von Paco Rabanne in seiner Boutique in Paris, 1968
Modenschau von Paco Rabanne in seiner Boutique in Paris, 1968. Pressestelle Vitra Design Museum © Getty, Alain Loison Bild in Detailansicht öffnen
Hussein Chalayan, Prêt-à-porter, HerbstWinter 200001, »Afterwords«, Sadler’s Wells Theatre, London
Hussein Chalayan, Prêt-à-porter, Herbst/Winter 2000/01, »Afterwords«, Sadler’s Wells Theatre, London. Pressestelle Vitra Design Museum © Alamy Bild in Detailansicht öffnen
Gucci, Prêt-à-porter, HerbstWinter 201819, Cyborgs
Gucci, Prêt-à-porter, Herbst/Winter 2018/19, Cyborgs. Pressestelle Vitra Design Museum | Courtesy of Gucci, Kevin Tachmann Bild in Detailansicht öffnen
Jacquemus, Prêt-à-porter, FrühjahrSommer 2020, Le Coup de Soleil
Jacquemus, Prêt-à-porter, Frühjahr/Sommer 2020, Le Coup de Soleil. Pressestelle Vitra Design Museum © Alamy, Aurore Marechal Bild in Detailansicht öffnen
Prada, Prêt-à-porter, FrühjahrSommer 2021, Mailand
Prada, Prêt-à-porter, Frühjahr/Sommer 2021, Mailand. Pressestelle Vitra Design Museum © Prada Bild in Detailansicht öffnen
Armani, Haute Couture, HerbstWinter 201516
Armani, Haute Couture, Herbst/Winter 2015/16. Pressestelle Vitra Design Museum | Schohaja Bild in Detailansicht öffnen
Balenciaga, Prêt-à-porter, FrühjahrSommer 2020, Parliament Show
Balenciaga, Prêt-à-porter, Frühjahr/Sommer 2020, Parliament Show. Pressestelle Vitra Design Museum © Stefan Aït Ouarab Bild in Detailansicht öffnen

Bilder, die um die Welt gehen

Kurator Jochen Eisenbrand erklärt: „Das war eine sehr beeindruckende Performance, die wirklich in die Modenschau-Geschichte eingegangen ist und die eben gezeigt hat, dass es in Modenschauen nicht nur um das Präsentieren von Kleidung geht, sondern eben gerade in dieser Zeit das Performative eine wichtige Rolle spielte.“

Solche Momente schaffen Bilder, die um die Welt gehen und Modekollektionen verkaufen. Auf die Idee, solche Inszenierungen als Videos, Fotos und mit Originalobjekten auszustellen, kam das Museum ausgerechnet während der Pandemie.

Die französische Mode feierte nach dem Krieg ihre Wiederauferstehung

Um 1900 begannen Pariser Haute-Couture-Designer mit intimen Verkaufsschauen in ihren Ateliers – Models liefen vor wohlhabenden Kundinnen, die direkt kauften. 

Der Zweite Weltkrieg brachte die Pariser Modeindustrie in Not. Geld und Material waren knapp. Doch 1945 fanden über 40 Modekünstler eine kreative Lösung: Sie präsentierten ihre Kollektionen auf 70 Zentimeter großen Puppen – das brauchte weniger Stoff.

Jeanne Lanvin bekleidet eine Puppe für die Ausstellung »Théâtre de la Mode«, 1945
Jeanne Lanvin bekleidet eine Puppe für die Ausstellung »Théâtre de la Mode«, 1945. Pressestelle © Vitra Design Museum Archiv

So erläutert der Kurator: „Diese Ausstellung war ein Riesenerfolg und ist dann auch noch in weitere europäische Städte und selbst in die USA gereist und hat eben gezeigt, die französische Mode ist nach dem Krieg wieder auferstanden.“

Der globale Durchbruch kam erst spät

In den 1960er und 70er Jahren öffneten sich die Schauen, verlagerten sich in Galerien und Cafés und erreichten so immer mehr Menschen. 1973 kam ein Wendepunkt: Bei einer Benefizveranstaltung in Paris forderten amerikanische Designer die französische Haute Couture heraus – mit schwarzen Models wie Pat Cleveland.

Den globalen Durchbruch schafften Modenschauen allerdings erst in den 1990ern – das Zeitalter der Supermodels. Ein ikonischer Moment: Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista und Christy Turlington bei Versace, zur Musik von George Michaels „Freedom“.

Die Supermodels Linda Evangelista, Cindy Crawford, Naomi Campbell und Christy Turlington bei der Prêt-àporter Schau von Versace, 19911992
Die Supermodels Linda Evangelista, Cindy Crawford, Naomi Campbell und Christy Turlington bei der Prêt-àporter Schau von Versace, Herbst/Winter 1991/92, Mailand. Pressestelle Vitra Design Museum © Shutterstock, Paul Massey

„Sie haben sich als starke Frauen präsentiert auf dem Laufsteg, ja auch als Freundinnen, die da Arm in Arm den Laufsteg runterlaufen. Es gibt keine Zeit davor und danach, wo diese Supermodels so eine große Rolle gespielt haben. Also da war der Fokus fast ein bisschen mehr auf den Models, die das gezeigt haben, als auf der Kleidung“, erläutert Eisenbrand.

Der Catwalk als Spiegel der Gesellschaft

Doch gleichzeitig etablierte sich der problematische „Heroin Chic“ extrem dünne Körper. Ein Erbe, mit dem die Branche bis heute kämpft.  

Um die Jahrtausendwende explodierten die Budgets und Inszenierungen wurden aufwendiger. Karl Lagerfeld etwa verwandelte das Grand Palais in Paris in einen Supermarkt, durch den die Models laufen.

Balenciaga ließ sie zu Beginn des Ukraine-Kriegs durch einen Schneesturm gehen und Zuschauer hinter einer Scheibe fanden gelb-blauen T-Shirts auf den Sitzen. Mal wollen die Modedesigner popkulturelle Orte schaffen, mal ein politisches Statement schaffen, aber immer wichtig sei die Exklusivität, sagt Kurator Jochen Eisenbrand. 

Der Catwalk zeigt, wer dazugehört und wer nicht – wer die Bilder live sieht und wer nicht. Er ist auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. 

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Anne-Sophie Galli