Perfektion und Pragmatismus

Giorgio Armani ist tot: Der König der italienischen Mode

Sein Name war eine globale Marke: Giorgio Armani hat ein riesiges Modeimperium geschaffen und führte es bis zuletzt mit 91 Jahren noch selbst. Den Erfolg verdankte er nicht nur seinen revolutionären Entwürfen, sondern auch geschickter PR.

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Von Autor/in Tobias Stosiek

„Imperator des Schlichten“

Noch auf der Mailänder Modewoche im Februar 2024 beschwerte sich der Altmeister Giorgio Armani über Entwürfe, die „um jeden Preis verrückt“ aussehen wollten. Mode, die „mit dem wahren Leben nichts zu tun“ habe, interessiere ihn nicht.

Damit ist schon viel gesagt über den Mann, den die Frankfurter Rundschau mal den „Imperator des Schlichten“ genannt hat. Der König der italienischen Mode stand auf Streetwear.  „Echte Kleidung für echte Menschen“, so sagt er es. Basic also, aber mit Eleganz.

Echte Kleidung für echte Menschen

Perfektion und Pragmatismus. Das verkörpert er auch selbst. Noch im hohen Alter schlank und braun gebrannt, meist in T-Shirt und Jackett, gedeckte Farben, und dazu weiße Sneaker. Meister Propper aus Mailand.

Armani hat es damit zum wahrscheinlich einflussreichsten und ganz gewiss reichsten Modeschöpfer der Welt gebracht. Rund 9.000 Mitarbeitende arbeiteten für ihn. Der Wert seiner Marke wird auf zehn Milliarden Euro geschätzt.

Armani
Armani-Store in Hong Kong: Giorgio Armani ist eine globale Lifestyle-Marke. Picture Alliance

Armani blieb Alleinbesitzer eines Unternehmens

Bis zuletzt blieb Armani CEO und alleiniger Besitzer des Unternehmens, das er vor knapp vierzig Jahren gründete. Ein Alleinstellungsmerkmal. Andere große Marken wie Gucci, Fendi oder Yves Saint Laurent sind längst in größeren Konzernen aufgegangen, doch Armani blieb unabhängig. Seit 1975.

Damals verkaufte er seinen VW, um mit dem Geld ein paar Leute einzustellen und ein Büro in Mailand anzumieten. Ermutigt wurde er dabei von Sergio Galeotti, die beiden kannten und liebten sich damals bereits seit fast zehn Jahren. Von nun an teilen sie auch eine Arbeitsbeziehung miteinander: Galeotti kümmerte sich um das geschäftliche, Armani widmete sich den kreativen Dingen.

Trauer um Giorgio Armani - Nachruf

In den Siebzigern revolutioniert er den Anzug

Und das von Anfang an mit großem Erfolg. Gleich die erste Kollektion glich einer Revolution. Armani widmete sich der Uniform des Mannes – dem Anzug. Und trieb ihm alles Uniform-hafte aus. Er riss die Schulterposter raus, verwendete leichte Stoffe wie Seide und Leinen, verwandelte den strengen Arbeitspanzer in etwas softes, fließendes, erotisches. Und kreuzte damit auch die Geschlechterkategorien.

Die Schlichtheit, die Armanis Entwürfe ausstrahlten, sei eher männlich konnotiert, sagte die Münchner Modeexpertin Barabara Vinken in einem Gespräch zu Armanis 90. Geburtstag im vergangenen Jahr. In ihrer Anschmiegsamkeit, die den Körper eher ausstellt, zum Schmuckstück macht, als ihn zu verhüllen, folgten sie jedoch einem Prinzip weiblicher Mode. „Innerhalb des männlichen Schnittes war Armani auf jeden Fall auf dem Weg zum Weiblichen“, konstatierte die Modeexpertin.

Richard Gere
Der prototypische Armani-Mann: Richard Gere in „American Gigolo“ (1980). Picture Alliance

Und Armani hatte Glück: Er fand das ideale Model für seine Art Anzug. Eines, das seinen Stil in der ganzen Welt populär machte: den Schauspieler Richard Gere, der im Film „American Gigolo“ (1980) seine Anzüge trug. Gere sei die perfekte Verkörperung seines Stils gewesen, hat Armani mal im FOCUS erzählt. Er habe die Kollektion erst zum Leben erweckt: „Es war wie eine Offenbarung für den männlichen Körper.“

In den Achtzigern wird Armani zu einem Pop-Phänomen

Man könnte auch sagen: Mit Gere erlangte Armani globale Sichtbarkeit. Und der Modeschöpfer hat daraus gelernt. An etwa 200 Hollywoodfilmen war er als Ausstatter beteiligt. An die genaue Zahl erinnere er sich nicht, so der Designer.

Aber nicht nur in Filmen brachte er seinen Kreationen unter. Auch Popstars wie Tina Turner oder Eric Clapton trugen seine Entwürfe. Dem Fußballstar David Beckham widmete er sogar ein eigenes Jackett. Armani war Avantgarde, was die Popifizierung der Mode angeht.

Giorgio Armani
Giorgio Armani zusammen mit Tina Turner im Jahr 2013. Picture Alliance

Und er war einer der ersten, der sein Unternehmen zur Lifestylemarke ausgebaut hat. Dazu gehören Nebenlinien wie Emporio Armani, unter deren Dach er seit den Achzigern tatsächlich Streetwear verkaufte. Außerdem erkannte er früh das Potential von Wohnaccessoires, Parfums und anderen Luxusgütern, um den eigenen Umsatz zu steigern. Zuletzt führte er sogar eigene Hotels. Und einen Basketballclub besaß er auch.

Auch die italienische Nationalmannschaft trägt Armani

Diese popkulturelle Dauerpräsenz von Armani überraschte, wenn man sich die zurückhaltenden, eben „bürgerlichen“ Designs seiner Kollektionen ansah. Sie habe damit aber eben auch gar nichts zu tun, erklärte Barbara Vinken im Gespräch, sondern eher mit geschickter PR.

An Armani war kein Vorbeikommen, noch nicht mal bei der letzten Fußball-EM. Natürlich lief die italienische Mannschaft in Armani-Anzügen auf. Auch die Bekleidung für die Olympischen Spiele 2024 hat er entworfen. Natürlich in marineblau, der Lieblingsfarbe des Meisters.

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Tobias Stosiek
Onlinefassung
Dominic Konrad