Der mehrstöckige Altbau in der von Linden gesäumten Johannesstraße im Stuttgarter Westen ist mit Bannern eingehüllt. „Vollformat“ steht da in schwarzen Lettern in leuchtendem Orange quer über zwei Hauswänden.
Immer wieder bleiben Vorübergehende neugierig vor der gläsernen Eingangstüre stehen und spähen hinein.
Wer eintritt, ist schon im Flur gefangen: Comicartige Bilder auf den Wänden; ein Männchen, dass in einer Kanone steckt und wohl die Treppe hochgeschossen werden soll: „besser als die ganzen Stufen hochzulaufen“, steht auf Englisch in einer Sprechblase darüber.
Fünf Stockwerke voller Kunst
Vor den Besuchenden liegen fünf Stockwerke Kunst. 37 Artists haben knapp 30 Räume in gestaltet – und zwar vollständig und ganz ohne formale Einschränkungen – zehn Tage hatten sie dafür.
Vom Lichtschalter bis zur Toilettenschüssel – alles wurde einbezogen. So wandert man von einem ehemaligen Büroflur in orange, neongelb und braun, in dem immer wieder geometrische Figuren an Wand, Decke und Boden auftauchen, weiter in einen kleinen Raum, in dem man sich plötzlich in einer Art buntem Pflanzensalon mit allerlei fantastischen, zum Teil giftig anmutenden Gewächsen befindet, der an ein Rokoko-Palais erinnert.
Hier wurde gemalt, gesprayt und aufwendig Plastiken aus Pappmaché und Gips geformt. Gestaltet hat das die Künstlerin Renate Liebel:
„Toll ist, dass ich mal in so 'ner Größe arbeiten konnte. Früher habe ich nur Objekte gemacht, jetzt habe ich wieder angefangen, ein bisschen zu malen, und dass jetzt gleich so ein Raum kommt, ist super, weil ich merke, dass ich einfach genau zwischen der Bildhauerei und der Malerei stehe.“
Jeder Raum eine neue Welt
Das Gebäude beherbergte einst ein Konsulat, die alten Schalterräume wurden kreativ in die Gestaltung mit einbezogen – ebenso wie die ehemalige Zahnarztpraxis. Jetzt entführt hier jeder Raum in eine neue, andere Welt.
Das kommt an bei den zahlreichen Menschen, die hier durch die Räume streifen.
Der Künstler Ludger Lonin vom Bodensee stellt eine fake Hecke auf, daneben ein alter Eimer, in den ausgerechnet aus einem Stromkabel, das aus der Wand hängt, Wasser läuft. Hier „fließt“ also Strom und der Eimer wird auf magische Art nicht voller.
Oder Marc Allgaier, der mit bedruckten Pappwänden mit fotografischen Fragmenten und Druckelementen und anderen Versatzstücken in Schwarz-Weiß eine Art Raumcollage erstellt – darauf Berge, Häuser an schwindelerregenden Abgründen oder eine begehbare Tropfsteinhöhle.
Andere arbeiten in bekannter Urban-Art-Manier und füllen ihren Raum mit großen Lettern aus Spraydosen, bunten Flächen und Farbkleksen.
Mehr Quadratmeter als man denkt
Egal wie – so einen Raum zu füllen ist eine besondere Herausforderung, erklären Jan Ducks und Michel Bahlke von Studio Vierkant, das die vielfältige Gruppenausstellung organisiert hat.
„Unsere erste Fragestellung war, können die Personen das überhaupt leisten, das innerhalb von zehn Tagen umzusetzen? Also wir hatten das Thema, dass manche Künstler*innen der Atelierarbeiten sonst an einer Leinwand arbeiten, hier ist das deutlich größer. Da braucht man Erfahrung mit größeren Flächen. Da kommt nicht jede*r infrage ... Decke und Boden, das sind mehr Quadratmeter, als man denkt“
Niedrigschwelliger Zugang
Das Vollformat richtet sich bewusst an ein breites Publikum, hier tollen Kinder mit ihren Großeltern durch die Räume und dürfen alles anfassen und gleichzeitig zieht das Konzept junge Kunstbegeisterte an, die hier Bilder für Socia Media knipsen.
Ein bewusst niederschwelliger Zugang zu zeitgenössischer urbaner Kunst. Für die Artists ist es eine Spielwiese mit unendlichen Möglichkeiten, erklärt Künstler Marvin Daummüller, der in seinem lichtgefluteten Raum mit riesiger Glasfront mit unterschiedlichen Symbolen und Formen arbeiten – manches sieht aus wie Höhlenmalerei oder als hätten hier Ausgrabungen stattgefunden.
Unterschiedliche Annäherungen der Artists
Ganz oben – sozusagen auf dem Dachboden – findet sich noch eine Fotoausstellung, die den Entstehungsprozess des Gesamtkunstwerkes im Vollformat dokumentiert.
Hier wird noch einmal deutlich, wie unterschiedlich sich die Artists den Räumen angenähert haben:
„Es sind so super Sachen entstanden, keiner wusste, was der andere macht. Und das war auch für uns so spannend, als wir hier gearbeitet haben. Ich hab tolle Leute kennengelernt und dann zu sehen, wie jeder Arbeitet, die Räume werden voller und präziser plötzlich ist da überall so eine krasse Welt“, sagt Künstlerin Renate Liebel.
Schade, denken sicher viele dann beim Verlassen dieses kreativen XXL-Abenteuerspielplatzes – denn die Arbeiten werden bald wieder verschwinden, hier sollen nach Umbauarbeiten Ateliers und Werkstätten entstehen. Also ist das „Vollformat“ ein immersives Ausstellungserlebnis auf Zeit.
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