Politik am Küchentisch

Ernährung in der Gegenwartskunst – Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen

Erstaunlich sinnlich ist die Ausstellung über Essen in der Gegenwartskunst im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen. Gleichzeitig spricht sie schwerwiegende Themen an, die Ernährung mit sich bringt: Klimawandel, Verteilungskämpfe, Handelsgrenzen, Ausbeutung von Mensch und Natur.

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Stand

Von Autor/in Susanne Böhme

Sollen sie doch Kuchen essen

Völlerei und Dekadenz stehen gleich zu Anfang der Ausstellung. Zwei Bildschirme zeigen schnelle Filmsequenzen der Leipziger Künstlerin Bianca Kennedy.

Kuratorin Julia Katharina Thiemann sitzt beim Zuschauen auf riesigen Plüschtortenstücken, eigens für die Ludwigshafener Ausstellung hergestellt. „Von der Tortenschlacht über ein Stück von ‚Matrix Reloaded‘ sind unterschiedlichste Szenen zu sehen, oft nur wenige Sekunden lang. Sie zeigen aber immer was Ikonisches, was mit Kuchen oder Torten zu tun hat.“

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Miriam Simun: Making Human Cheese, 2011. Pressestelle Wilhelm-Hack-Museum, Courtesy of the artist Bild in Detailansicht öffnen
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Anca Benera & Arnold Estefán: Perpetual Harvest, 2023-2025. Pressestelle Wilhelm-Hack-Museum, Michel Klehm, Courtesy of the artists Bild in Detailansicht öffnen
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Bianca Kennedy: Let Them Eat Cake, 2026. Pressestelle Wilhelm-Hack-Museum, Courtesy of the artist, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026 Bild in Detailansicht öffnen
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Ana Núñez Rodríguez: Cooking Potato Stories, 2023. Pressestelle Wilhelm-Hack-Museum, Courtesy of the artist Bild in Detailansicht öffnen
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Zhanna Kadyrova: Palianytsia, 2022, Flusskieselsteine. Pressestelle Wilhelm-Hack-Museum, Courtesy of the artist Bild in Detailansicht öffnen

Mit Kuchen würden Machtverhältnisse ausgelotet und Geschlechterrollen manifestiert, sagt Künstlerin Bianca Kennedy. Der Titel der Arbeit „Let Them Eat Cake“ zitiert die französische Monarchin Marie Antoinette und ihre angebliche Reaktion auf den Hunger der Bevölkerung angesichts der eigenen, übervollen Tische. 

Ukrainische Brotsorte als Codename

Die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova hat einen schlichten weißen Tisch mit halb aufgeschnittenen Brotlaiben gedeckt. Erst bei sehr genauem Hinsehen erkennt man, dass die Brote Flusssteine sind. Auch das typische Weizenbrot Palianytsia ist Teil der Arbeit und – natürlich – steinhart. Die Brotnamen galten als sicheres Erkennungszeichen zu Beginn des Krieges, um russische Spione zu entlarven.

„Sie wurden oft erkannt dadurch, dass sie diese Brotsorten nicht kannten“, erzählt die Kuratorin. „Die Arbeit der Künstlerin hat eine sehr ästhetische Anmutung, aber durchaus einen soziopolitischen Kontext.“

Diese Verknüpfung gilt für alle Werke dieser Ausstellung. Ein Mobile aus Resten von Plastikplanen demonstriert zum Beispiel schaurig schön die ausufernde Abdeckung von Böden mit diesem gefährlichen Material, das die Umwelt extrem belastet. 

Schön und irritierend zugleich

Julia Katharina Thiemann arbeitet als freie Kuratorin immer wieder zum Thema Nahrung. Die Schau im Hack-Museum habe während der Konzeption mehr politische Aspekte bekommen als ursprünglich gedacht, erzählt sie. Der westbengalische Künslter Arijit Bhattacharyya ist mit einer gastronomischen Lecture Performance vertreten und demonstriert anhand einer typischen Mahlzeit seiner Heimat die Küche als Ort der Macht.  

„Das Kastensystem, dieses Klassen- und Gesellschaftssystem, wird da kritisch beleuchtet. Es wird gekocht, gegessen und geredet. Das ist ein wichtiger Teil dieser Ausstellung“, sagt Thiemann. 22 Stationen hat die Ausstellung in Ludwigshafen. Die Zahl der angesprochenen Themen liegt um ein Vielfaches höher. Und sie bleiben im Gedächtnis, weil sie traumhaft schön oder irritierend sind, witzig oder empörend.

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