Aufklärung schon vor über 100 Jahren
Der Kampf gegen Antisemitismus ist älter als man denkt: Bereits 1924 erschien die Loseblattsammlung „Anti-Anti. Tatsachen zur Judenfrage“, die Fakten gegen den Judenhass bot. Das Buch war ein christlich-jüdisches Gemeinschaftswerk: Die Idee stammte vom evangelischen Pfarrer Emil Felden, Herausgeber war der jüdische Publizist E.G. Löwenthal.
Das Stuttgarter Haus der Geschichte hat sich das hundert Jahre alte Buch nun zum Vorbild genommen. Jüdische und nichtjüdische Menschen überlegen gemeinsam, wie eine zeitgemäße Antisemitismus-Prävention aussehen soll. Kann man überhaupt über Judenhass aufklären, ohne die üblen Diffamierungen ständig zu reproduzieren?
Neue Akzente in der Dauerausstellung
Im ersten Schritt hat ein altersgemischtes Team, zu dem auch Juden und Muslime gehörten, die Dauerausstellung auf antisemitische Themen hin überprüft. Gemeinsam haben die Profis und die sogenannten Community-KuratorInnen eine "Intervention" aus elf Stationen entwickelt - leicht zu erkennen an den orangen, vertikal gespannten Gurten.
Teilweise werden vorhandene Exponate hervorgehoben, zum Teil aber auch neue Themen und Objekte hinzugefügt. Alle Exponate sind mit zusätzlichen Informationen, Kommentaren und Wünschen versehen. Dadurch findet eine zeitgemäße Einordnung und Kontextualisierung statt.
Antisemitische Verschwörungstheorien
Ein zentrales Element des Antisemitismus sind Verschwörungs-Erzählungen, Das illustriert das Beispiel der „Korn-Juden". Wegen eines Vulkanausbruchs in Indondesien mit globalen Auswirkungen gab es in Deutschland 1816 eine Miss-Ernte. Die Schuld daran gab man den jüdischen Kornhändlern, da sie das knappe Getreide zu hohen Preisen verkaufen konnten.
Dass Verschwörungs-Mythen eine Systematik haben und sich aus bestimmten Bausteinen zusammensetzen, zeigt ein sogenannter Verschwörungsgenerator. Er soll nicht als harmloses Spielzeug verstanden werden: Gerade weil Verschwörungstheorien so gefährlich und so hartnäckig sind, wird der Generator in der Ausstellung von einem Tuch verdeckt.
Wenn unverständliches Leid passiert, wenn man Angst hat und nicht weiß, wie man sich das erklären kann, sucht man sich einen Schuldigen. Und man sucht sich ganz oft die Jüdinnen und Juden als Schuldige.
Gleichberechtigte Juden in der Kaiserzeit
Von der Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert erzählt ein historisches Jom-Kippur-Tuch. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 kämpften die Juden als deutsche Patrioten, bekamen sogar Feld-Rabbiner gestellt. Gleichzeitig gründeten sich bereits antijüdische Parteien und Verbände, wie etwa 1886 die „Deutsche Antisemitische Vereinigung".
Die Intervention zeigt auch ein ermutigendes Beispiel für den Widerstand gegen Antisemitismus, absichtlich platziert im Raum über die NS-Zeit: Als Dänemark im Zweiten Weltkrieg von Nazi-Deutschland besetzt wurde, brachten die Dänen ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger außer Landes und hielten deren Wohnungen weiterhin in Schuss.
Die elf Stationen ermöglichen einen neuen Blick auf das Thema Antisemitismus, bei dem insbesondere die jüdische Perspektive berücksichtigt wird. Ziel ist es, unabhängig vom eigenen Glauben und ohne Polarisierung in einen Dialog zu kommen - über ein Phänomen, das die Demokratie massiv gefährdet.
Die Antisemitismus-Prävention ist eine gesellschaftliche Aufgabe, der sich das groß angelegte Projekt „Anti-Anti 2.0" stellen will. Dabei ist die Intervention im Haus der Geschichte erst der Anfang: Geplant sind weitere Ausstellungen und Angebote für Fortbildungen und Beratungen. Außerdem soll es künftig eine eigene Website geben.