Nazi-Terror und DDR-Regime prägen die Familie
Simon Schwartz wird 1982 in Erfurt in eine Familie hineingeboren, die vielfach von politischem Geschehen gezeichnet ist. Seine Großeltern väterlicherseits sind Überlebende des Holocaust. Seine Eltern leiden unter den Drangsalen des DDR-Regimes. Sie wandern per Ausreiseantrag in den Westen aus, als Schwartz anderthalb Jahre alt ist.
Danach konnten die Eltern nicht ohne weiteres in die DDR zurückkehren. Die Folge: Schwartz reiste als kleines Kind mehrfach allein über die Grenze, um seine Großeltern zu besuchen.
Bis heute begleitet Schwartz die Erinnerung
Die Prozedur der Einreise in das unfreie Land hinterlasse bis heute Spuren in seiner Psyche, erzählte Schwartz dem SWR 2022 in einem Gespräch. Er sei vor einigen Jahren bei einer Ausstellung in einen Nachbau einer der Grenzübergangsboxen gegangen: eine Art Schleuse, die Schwartz eben von jenen Grenzüberquerungen aus seiner Kindheit kannte.
Das Erlebnis habe ihn direkt wieder in die damalige Zeit zurückversetzt, so Schwartz:
Ich bin sofort rückwärts wieder raus. Ich war sofort wieder vier, fünf Jahre alt. Völlig verrückt. Ich würde da nie wieder reingehen.
Dass Schwartz Illustrator werden sollte, kommt auch mit Blick auf die Familiengeschichte nicht von ungefähr: Das Zeichnen lag schon lange in der Familie. Sein Vater habe eigentlich Kunst studieren wollen, man habe ihm aber in der DDR geraten lieber „was Solides“ zu machen.
Mit Erstlingswerk für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert
Stattdessen wurde also der Sohn „Comic-Künstler“, wie Schwartz sich selbst bezeichnet. Sein Debüt, der Comic „drüben!“ erzählt die Geschichte seiner Eltern, die die DDR verließen.
Es sei Zufall gewesen, dass „drüben!“ pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls erschien, sagt Schwartz später. Sein Erstlingswerk verschafft ihm eine Nominierung für den Jugendliteraturpreis.
Drei Jahre später erscheint mit „Packeis“ ein Band über den afroamerikanischen Polarforscher Matthew Alexander Henson, den vermutlich ersten Menschen am Nordpol. Aufgrund seiner Hautfarbe wird Hensons Leistung lange totgeschwiegen und vergessen – Schwartz gibt ihm eine Bühne. Dafür erhält der Comic-Roman 2012 den Max und Moritz Preis, den wichtigsten Preis für Comics im deutschsprachigen Raum.
„Vita Obscura“ bringt skurrile Lebensgeschichten in die FAZ
Biografien scheinen es Schwartz angetan zu haben. Für die FAZ zeichnete er ab 2012 die Reihe „Vita Obscura“. Es ist ein Format über Menschen, die in der Geschichtsschreibung in der Regel nicht in der vordersten Reihe stehen, die aber einen spannenden Blickwinkel auf das Zeitgeschehen zeigen.
Eine von ihnen ist die Geschichte von Violet Jessop, die gleich mehrere Schiffsunglücke überlebte, unter anderem den Untergang der Titanic. Schwartz gibt seinen Porträtierten in „Vita Obscura“ jeweils eine sehr individuelle Gestaltung: Violet Jessops Seite etwa lässt er grafisch absaufen, als wäre der Comic-Strip ein Schiff, das langsam untergeht.
Von Biedermeier und Gleichstellung
Gerne spielt Simon Schwartz dabei mit ästhetischen Elementen, erkärte der Künstler im SWR: „Wenn ich jetzt was im Biedermeier mache, dann orientiere ich mich durchaus gerne mal an klassischen Bilderbögen aus der Zeit“.
Bei der Auswahl seiner Porträtierten achtet Schwartz außerdem sehr darauf, ein Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern zu schaffen. Das sei gar nicht so einfach, weil Frauen schon in der Geschichtsschreibung historisch marginalisiert seien.
Deutscher Bundestag gibt den Auftrag zum Comic-Zeichnen
Schwartz‘ Talent und spezielle Herangehensweise führen 2017 zu einem Auftrag seitens des Kunstbeirats des Deutschen Bundestags: Schwartz soll Comics zu Leben und Wirken von 45 Parlamentariern und Parlamentarierinnen aus der Zeit von der Paulskirche 1848 bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 erstellen.
Auch wenn Schwartz immer wieder Auftragsarbeiten annimmt, nimmt er sich nur Themen an, die ihm wirklich liegen, wie er immer wieder betont. Denn zu jedem Werk gehöre jahrelange Recherche, bevor er mit dem Zeichnen beginnen können. Zwischendurch die Lust am Thema zu verlieren, sei da keine Option.
„Köpfe der Demokratie“ ab sofort auch im Hambacher Schloss
Das neueste Projekt vereint Schwartz' Vorliebe für Biografisches, Perspektiven und Politik: „100 Köpfe der Demokratie. Starke Stimmen für ein Leben in Freiheit“ stellt Personen der letzten Jahrhunderte vor, die etwas zur heutigen Demokratie beitrugen.
Seine Zeichnungen sollen einen Aufruf darstellen, sich mehr mit der Geschichte der Demokratie auseinanderzusetzen, so Schwartz: „Wenn man das tut, merkt man auch, wie eng sie mit dem eigenen Leben verknüpft ist und wie sehr sie dazu einlädt, sich selbst zu beteiligen.“
Ich bin selbst definitiv ein politischer Mensch, aber ich habe persönlich keinen pädagogischen Anspruch.
Nun ist die Ausstellung auch im Hambacher Schloss zu sehen, einem der geschichtsträchtigsten Orte der deutschen Demokratie. In Grafiken von Simon Schwartz werden bekannte und weniger bekannte Gesichter und ihr Beitrag zur Demokratie vorgestellt.