Politische Comic-Literatur

Mehr als Bilder und Sprechblasen: Fünf Graphic Novels mit starker Botschaft

Comics können Geschichte und gesellschaftliche Entwicklungen ganz besonders anschaulich machen. Fünf politische Graphic Novels, die den Blick auf die Welt verändern.

Teilen

Stand

Von Autor/in Henriette von Hellborn, David Kirchgeßner

Comic-Literatur mit besonderer Wirkung

Dass Comics mehr sind als reine Unterhaltung für Kinder und Jugendliche ist längst klar. Stilprägende Werke wie „V wie Vendetta“ von Alan Moore und David Lloyd über den Anarchisten „V“ mit seiner Guy-Fawkes-Maske haben Eingang in die Pop- und Protestkultur gefunden. Auch viele Klassiker der Weltliteratur liegen mittlerweile adaptiert als Graphic Novel vor.

Das Besondere: Graphic Novels nutzen die einzigartige Verbindung der Comic-Literatur von Text und Bild, um gesellschaftliche Entwicklungen und historische Zusammenhänge auf eine Weise zu erzählen, die reine Prosa oft nicht leisten kann.

Die visuelle Ebene ermöglicht eine unmittelbare Emotionalität aus einer subjektiven Perspektive: der Schrecken des Krieges, mutige Entscheidungen oder die leisen Momente des Widerstands werden direkt sichtbar. Wie bei diesen Beispielen mit politischem Anspruch:

„Der Nazi an Mamas Frühstückstisch“ von Victoria Porten

Was, wenn Deutschland wieder faschistisch wäre? Mit dieser Frage setzt sich die Mainzer Künstlerin Victoria Porten in „Der Nazi an Mamas Frühstückstisch“ auseinander. In ihrem Debütwerk greift die Kunststudentin den aktuellen Zeitgeist und politische Brüche der Gegenwart auf und übersetzt diese ins Private: In ihrer Graphic Novel kommt eine rechtskonservative Partei an die Macht und spaltet die Gesellschaft.

Eine Entwicklung, die auch das Zuhause des 19-jährigen Jona bedroht. Denn der neue Partner seiner Mutter ist ausgerechnet Spitzenpolitiker der rechten Partei. Für Jona eine Katastrophe. Er stellt sich die Frage: Wie kann er die Beziehung zu seiner geliebten Mutter retten?

Kriegsschicksale in Panels Wenn Bilder Geschichte erzählen: Comics und Graphic Novels über den Zweiten Weltkrieg

Graphic Novels können bei der Geschichtsvermittlung helfen, vor allem wenn es um den Zweiten Weltkrieg und die NS-Zeit geht. Die Comics lassen die Vergangenheit lebendig werden.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Mit „Der Nazi an Mamas Frühstückstisch“ demonstriert Victoria Porten die aktuelle politische Relevanz des Genres. Sie steht beispielhaft für Künstlerinnen und Künstlern, die das Medium nutzen, um aktuelle und beunruhigende Szenarien zu verarbeiten und vor der Fragilität der Demokratie zu warnen.

Ähnlich wie die Comic-Autorin Ika Sperling, die eine Graphic Novel über das Abdriften ihres Vaters in Verschwörungserzählungen während der Corona-Pandemie veröffentlicht hat. Oft sind es jedoch auch zeitgeschichtliche Themen, die in politischen Graphic Novels aufgegriffen und so zugänglich werden.

„Persepolis“ von Marjane Satrapi

Preisgekrönter Bestseller: Mit einfachem, klarem Strich in Schwarz-Weiß gezeichnet, erzählt Marjane Satrapi eindrücklich von ihrer Kindheit und Jugend im Iran während und nach der Islamischen Revolution 1979.

„Persepolis“ ist eine Coming-of-Age-Story zwischen westlicher Popkultur und den Auswüchsen des Mullah-Regimes. Der Comic ^wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, über eine Million mal verkauft und in 25 Sprachen übersetzt. 2007 entstand sogar ein Animationsfilm.

Angesichts der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste im Iran nach dem Tod von Jina Mahsa Amini erscheint „Persepolis“ aktueller denn je. Die Graphic Novel zeigt, wie Freiheit schleichend verloren geht und gibt den Menschen hinter den politischen Schlagzeilen ein Gesicht.

„El Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld und Francisco Solano López

„El Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld und Francisco Solano López aus dem Jahr 1957 ist ein Meilenstein der argentinischen Science-Fiction. Die Geschichte beginnt 1963 in Buenos Aires: Tödlicher Schnee vernichtet fast alles Leben, Außerirdische erobern die Stadt. Der Protagonist Juan Salvo kämpft mit wenigen Überlebenden gegen eine Übermacht aus Insektenwesen und Robotermenschen, um seine Familie und die Stadt zu retten.

Menschenrechtsaktivisten in Buenos Aires erinnern bei einer Demonstration mit Plakaten an die Verschwundenen wie Héctor Germán Oesterheld
Héctor Germán Oesterhelds Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Daran und an die vielen weiteren Vermissten aus der Zeit der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 erinnern Menschenrechtsaktivisten bei einer Demonstration im Mai 2025 in Buenos Aires.

Der Comic dient als verschlüsselte Parabel auf die politische Gewalt dieser Zeit in Argentinien. Beklemmend ist dabei die prophetische Kraft des Werks: Oesterheld und seine vier Töchter wurden in den 1970er Jahren selbst Opfer der Militärdiktatur und zählen bis heute zu den „Desaparecidos“ – den Verschwundenen. Im Jahr 2025 hat Netflix „El Eternauta“ als sechsteilige Serie verfilmt.

„Fun Home – Eine Familie von Gezeichneten“ von Alison Bechdel

Ein echter Klassiker: Die amerikanische Zeichnerin Alison Bechdel erzählt in „Fun Home“ ihre eigene Geschichte: Erwachsenwerden und lesbisches Coming-out in einer dysfunktionalen Familie. Sie setzt sich außerdem mit dem verborgenen schwulen Leben ihres Vaters auseinander und thematisiert die Komplexität von Geschlechtsidentität, Sexualität und spannungsgeladenen Familienkonstrukten.

„Fun Home“ wurde vom Time Magazine zum besten literarischen Buch des Jahres 2006 gewählt. Viele weitere Preise folgten und sorgten dafür, die autobiografische Graphic Novel als ernste Literaturgattung zu etablieren.

„Indien – Öl ins Feuer“ von Joe Sacco

Joe Sacco gilt als einer der Begründer des Comic-Journalismus. Für seine Reportagen reiste er in Kriegs- und Krisengebiete wir Gaza, Bosnien und den Irak. Aktuell von ihm erschienen: eine Comic-Reportage aus Indien – wo im August 2013 ein religiös motivierter Mord in Uttar Pradesh eine Gewaltwelle zwischen Hindus und Muslimen auslöste, die Dutzende Opfer forderte und zehntausende Muslime zur Flucht zwang.

Der amerikanische Illustrator Joe Sacco bei der Präsentation einer Graphic Novel über den Ersten Weltkrieg.
Der maltesisch-amerikanische Illustrator Joe Sacco bei der Präsentation seiner Graphic Novel über den Ersten Weltkrieg.

Für Joe Sacco ist dieser Vorfall beispielhaft für Indiens tiefgreifende Konflikte. In seiner Reportage untersucht er die Rechtfertigungen der Täter und die Funktion von Gewalt innerhalb der indischen Demokratie unter der Regierung von Premierminister Modi. Sacco beschreibt sie in seinen Zeichnungen als auf dem Weg hin zu einer hinduistischen Autokratie.

Joe Sacco's The Once and Future Riot

In einem Interview mit der Zeitung NZZ sagte Joe Sacco einmal: „Der Comic ist ein Pop-Medium, nun aber lockt er die Leser in komplexe Themen. Das ist subversiv – und ein wichtiger Grund, warum ich dem Comic treu bleibe.“

Graphic Novels machen schwere Themen zugänglich

Während die Comicszene traditionell eher links-alternativ verortet ist, haben auch rechte Akteure inzwischen das Potential dieser Erzählform erkannt, wie Zeichner Nils Oskamp in einem Interview mit der Zeitung taz berichtet. So habe die AfD beim Landtagswahlkampf in Thüringen einen Comic über den Spitzenkandidaten Björn Höcke als Teil der Medienstrategie verbreitet.

Graphic Novels sind also ganz offensichtlich weit mehr als brave Bilderbücher. Mit ihrer Zugänglichkeit und Anschaulichkeit sind die gezeichneten Geschichten ein starkes Medium, um Empathie für Themen und Awareness für politische Entwicklungen zu erzeugen – egal ob sie uns unmittelbar oder nur mittelbar betreffen.

Comicbiografie eines Modedesigners Annäherung an eine Kultfigur – die Graphic Novel „Lagerfeld“ von Simon Schwartz und Alfons Kaiser

Dunkle Sonnenbrille, langer weißer Zopf, hoher Stehkragen: Karl Lagerfeld liebte die Selbstdarstellung. Jetzt ist eine gelungene Graphic Novel über das Lebens des Modezars erschienen.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Albträume von Schlachttieren Schweinchenrosa Tierwohl: Martin Oeschs Comic „Fleischeslust"

Albträume von Schlachttieren lassen einen Metzger sein Leben und Beruf hinterfragen. In Fleischeslust" thematisiert Martin Oesch in viel Schweinchenrosa Tierwohl und die Suche nach einem guten Leben.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Buchkritik Zidrou und Arno Monin – Die Adoption: Wajdi

Ein traumatisierter Junge aus dem Jemen findet bei einer französischen Familie ein neues Zuhause. Wie schwierig es für alle ist, sich aufeinander einzulassen, zeigt das Duo Zidrou und Monin im Band 'Wajdi' seiner Comic-Reihe „Die Adoption“.
Rezension von Silke Merten

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Mannheim

Neue Stimmen aus Südostasien Wie der Mannheimer Dantes Verlag philippinische Comic-Kunst nach Deutschland bringt

Philippinische Comics sind im Heimatland längst Massenkultur. Jetzt kommen sie zu uns – mit Geschichten, die Kolonialgeschichte, Magie und Gegenwart kunstvoll verbinden.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

„Zwei weibliche Halbakte“ „Jede Kunst ist politisch“ – Charlie Hebdo-Zeichner Luz im Gespräch

In seinem neuen Comic „Zwei weibliche Halbakte“ erzählt der Zeichner Luz die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Sicht des gleichnamigen Gemäldes. Das Bild von Otto Müller hängt im Museum Ludwig in Köln. Dort konnte Kristine Harthauer Luz, der nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ unter Polizeischutz lebt, persönlich treffen.

Graphic Novel „Der Große Reset“ Comicautorin Ika Sperling: Mein Querdenker-Vater, die Weinberge und ich

Mit dem Comic-Debüt einen Nerv getroffen: In „Der Große Reset“ erzählt Ika Sperling vom Abdriften ihres Vaters in Verschwörungserzählungen und dem Zerbrechen der Familie.

SWR Kultur SWR

Buchkritik Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus

Tote Frauen, sexuelle Ausbeutung, eine Gesellschaft ohne Gnade. Der erste Krimi des italienischen Autors Giorgio Scerbanenco zeigt die Schattenseiten des „Dolce Vita“ im Italien der 1960er Jahre.
Rezension von Max Bauer

lesenswert Magazin SWR Kultur

Mehr als nur „Der bewegte Mann“ Comic-Chronist der schwulen Szene: Ralf König wird 65

Mit knollennasigen Figuren bannte er die schwule Szene in Panels. Am 8. August wird Comicautor Ralf König 65 Jahre alt. Ein Gespräch über eine Bilderbuch-Karriere der anderen Art.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Graphic Novel Graphic Novel „Schweigen“ von Birgit Weyhe – Erinnern an die Opfer der argentinischen Militärdiktatur

Die preisgekrönte Autorin Birgit Weihe erzählt in ihrer Graphic Novel „Schweigen“ die Geschichten von zwei deutschen Frauen, die Oper der argentinischen Militärdiktatur wurden.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Weihnachtliche Buchgeschenke für alle Lesen statt Geschenke-Panik: Die Literaturredaktion empfiehlt

Unsere Weihnachtsbuchtipps: von Berit Glanz und Mona Awad über Boccaccios Klassiker bis zu Booker-Preisträger David Szalay – kluge, funkelnde Lektüre für alle.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Juhu, das Christkind bringt Lesestoff Der ganz spezifische Buch-Geschenkeguide für eine gelungene Bescherung

Wer Bücher verschenkt, hat Mut – oder exzellente Tipps! Hier kommen Titel, die Krimifans, Lesemuffel und Lesemäuse entzücken.